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 > Roms Niedergang begann bei den Straßen

Salon
Arnold Eschs Historienroman

Roms Niedergang begann bei den Straßen

von 
Balthasar Haussmann
6. November 2011

Gerade Straßen gehören zum Empire, kurvige in die Provinz. Am Beispiel der Via Amerina erzählt Arnold Esch vom Untergang des Römischen Reiches. Eine Rezension seines Buches „Zwischen Antike und Mittelalter“

Die römischen Straßen dienten vor allem dem Zweck, in möglichst kurzer Zeit militärische Verbände von der Hauptstadt zu den Konfliktherden zu bringen. Deshalb waren sie schnurgerade angelegt; in waghalsigen Konstruktionen wurden Täler gequert und Berge durchschnitten; und selbst größere Ortschaften wurden um der Geraden willen links liegen gelassen. Auf solchen Straßen konnte man auch nachts vorankommen. Besser als andere haben die Römer verstanden, dass man Land nur beherrscht, wenn man es schnell erreichen kann; die geraden Straßen waren das eigentliche Machtinstrument. Auch im Mittelalter wurden diese ausgesprochen stabil gebauten Straßen weiter benutzt, und noch in den siebziger Jahren gab es in Latium antike Brücken, über die der Schwerlastverkehr fuhr. Aber nach dem Niedergang Roms verfielen gerade die aufwendigeren Abschnitte, weil die Gelder zur Instandhaltung fehlten; die Straßenführung folgte nun den Bedingungen des Geländes. Vor allem aber wurde die Streckenführung lokalen Zwecken angepasst: Das Ziel lag nicht mehr in weiter Ferne, die Straßen des ehemaligen Imperiums mäanderten von Ortschaft zu Ortschaft, während die nicht mehr genutzten Abschnitte überwucherten. Deshalb kann man heute noch vielerorts intakte Abschnitte dieser zweitausend Jahre alten Verkehrswege finden.

Arnold Esch, der ehemalige Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom und Autor vielgelesener Sachbücher zu allen möglichen Aspekten dieser Stadt, hat schon öfter über diese Straßen geschrieben; sie sind sein Steckenpferd. Sein neues Buch zum Thema ist nun nicht nur besonders schön gestaltet, sondern auch besonders nützlich. Handelt sein erster Teil von römischen Straßen im Allgemeinen, so zeigt der zweite Teil, wie man sie selbst finden und wie man auf ihnen die Geschichte Roms entdecken kann. Der Autor hält sich dabei an ein konkretes Beispiel: die Via Amerina. Diese recht alte Straße aus der Mitte des dritten Jahrhunderts v. Chr. führte von Rom in das südliche Umbrien und diente ursprünglich der Befriedung des eben eroberten Faliskerlandes. Sie ist verhältnismäßig kurz und kann in wenigen Tagen begangen werden.

Denn dies ist das Ziel: Die „historische Entwicklung im Übergang von der Antike zum Mittelalter soll hier einmal nicht in systematischer Darstellung gegeben werden, sondern nur insoweit sie mit eigenen Augen an der Straße wahrgenommen werden kann.“ Es war schon immer die Stärke Arnold Eschs, dass er den Leser teilnehmen lassen kann an der detektivischen Quellenforschung des Historikers, an der Freude, die er angesichts eines neuen Fundes, einer neuen Kombination, einer neuen Lesart der Quellen, eines neuen Puzzlestücks empfindet. Hier gelingt dies vor allem durch die sehr instruktiven Fotografien und Zeichnungen, die kombiniert sind mit Landkarten der Mussolini-Zeit und Luftaufnahmen der Royal Air Force aus dem Jahr 1944. Waghalsige Straßenkonstruktionen, Kammergräber, Inschriften, verlassene Städte, mittelalterliche Kastelle: Jeder Stein wird hier zur Quelle, die Straße wird lesbar und führt – nach Rom.

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