Verhaltensbiologie der Flüchtlingsdebatte - Wir sind triebgesteuerte Rationalitätssimulanten

Kolumne Grauzone. In der Flüchtlingsdebatte geht es oft um unterschiedliche Kulturen, nie aber um biologische Verhaltensmuster. Würden wir uns darauf besinnen, wäre das auch eine Chance für die Integration

Auch in uns steckt noch die Primatennatur
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Das Schöne an uns Menschen ist ja, dass wir so vernünftig sind. Entsprechend stolz sind wir auf unsere Klugheit. Damit die auch ja jeder bemerkt, haben wir uns – sicher ist sicher – den Namen Homo Sapiens gegeben.

Und weil wir so verständig sind, handeln und argumentieren wir natürlich auch immer rein rational. Oder vielleicht genauer: Wir selbst handeln und argumentieren stets rational. Nur die, die anderer Meinung sind, haben eine ärgerliche Neigung zum Irrationalismus.

Gut, Scherz beiseite. Natürlich sind wir alle nicht halb so vernünftig, wie wir tun. Wir sind getrieben von Emotionen und Ressentiments. Was wir Vernunft und rationale Argumentation nennen, ist bei näherer Betrachtung rhetorischer Nebel, der die irrationalen Motive unseres Denkens und Handelns verschleiern soll. Im Grunde sind wir nichts anderes als triebgesteuerte Rationalitätssimulanten.

Das ist nicht neu. Man sollte nur hin und wieder daran erinnern. Insbesondere dann, wenn es mal wieder besonders hoch hergeht in den gesellschaftlichen Debatten und die Leidenschaften überkochen. Denn das geht ziemlich schnell. Der Grund: Wir sind nicht die rationalen und aufgeklärten Bewohner einer modernen Informations- und Wissensgesellschaft, zu der unsere Eigenwerbung uns so gerne macht. Im Gegenteil, unser Denken ist nicht von Überlegung geprägt und von Wissen schon mal gar nicht, sondern von archaischen Handlungsmustern.

Nehmen wir zum Beispiel die Flüchtlingskrise. Interessanterweise wird die fast ausschließlich in Kategorien der Kultur diskutiert: was Kultur ist, was zu einer Kultur gehört und welche Kulturen zusammenpassen und welche nicht.

Köln-Debatte offenbarte unsere Primatennatur
 

Das alles sind spannende Fragen, ohne Zweifel. Doch Kultur ist die eine Sache. Die andere ist unsere Natur. Und diese Natur ist eine Primatennatur. Das hat Folgen, zum Beispiel für unsere Konfliktwahrnehmung. Ganz wunderbar studieren konnte man das in den Wochen nach Köln. Hier wurden wir in den archaischsten Tiefen unserer Psyche getroffen. Und entsprechend emotional verlief die Debatte.

Denn für nichts interessieren sich Primaten so sehr wie für Sex. Das ist nicht verwunderlich, denn schließlich hängt davon ihr Überleben ab. Dabei kommt den Weibchen die Schlüsselrolle zu. Ihre Anzahl entscheidet über den Reproduktionserfolg. Deshalb ist für Primatengemeinschaften die Kontrolle über die Weibchen die entscheidende Machtfrage. Wo es aber um Macht geht, drohen Konflikte. Sowohl innerhalb einer Sippe als auch mit anderen Clans. Der Homo Sapiens macht da keine Ausnahme – auch wenn uns diese Perspektive nicht immer gefällt.

Wie sehr die Verfügbarkeit über die weibliche Sexualität zur Machtfrage erhoben wird, zeigt sich exemplarisch in der arabischen Kultur. Die „eigenen“ Frauen werden von den Blicken Fremder abgeschirmt, „fremde“ Frauen hingegen als verfügbar erachtet. Das hat, nebenbei bemerkt, mit dem Islam schrecklich wenig zu tun, sondern ist die kulturreligiös codierte Verhaltensstrategie von auf Abschirmung und Reviererhalt gepolten Stammesgesellschaften.

Die Gleichheit der Geschlechter ist eine Anpassungserscheinung
 

Nun könnte man argumentieren, dass doch gerade westliche Gesellschaften zeigen, dass wir nicht Opfer unserer biologischen Verhaltensdispositionen sind, sondern auch ein vernünftigerer Umgang zwischen den Geschlechtern möglich ist. Aber das ist Augenwischerei. Denn unsere Freiheit ist keine frei gewählte Freiheit, sondern eine Anpassung an unsere Lebensbedingungen. Die Emanzipation der weiblichen Sexualität und die Neujustierung der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern sind ein Resultat veränderter Umweltfaktoren – Produkte eines Anpassungsprozesses.

In hoch industrialisierten, ausdifferenzierten und urbanisierten Gesellschaften erweist sich die Auflösung der traditionellen Rollenverteilung als sinnvoll, sie ist ein Überlebensvorteil. Unsere Moral oder gar unsere Kultur ist nicht das Ergebnis rationaler Überlegungen. Das ist eine Illusion. Werte sind nichts anderes als hoch flexible Überlebensstrategien, die es dem Homo Sapiens ermöglichen, sich unterschiedlichsten Lebensbedingungen anzupassen.

Biologie als Chance für Integration
 

Daher haben wir auch nicht das „modernere“ oder „bessere“ Frauenbild als andere Kulturen, sondern einfach das zu unserer Lebenswirklichkeit passende. Ein Grund für moralische Überlegenheitsgefühle ist das nicht.

Kultur ist das Produkt unserer Biologie. Und darin liegt eine große Chance. Denn Einwanderer passen sich den Werten ihrer Aufnahmegesellschaft an – sofern darin ein Reproduktionsvorteil liegt. Der ist dann gegeben, wenn die Einwanderer in die Lage versetzt werden, an dem Wirtschaftsleben der Aufnahmegesellschaft erfolgreich teilzunehmen. Das setzt allerdings voraus, dass wir nicht, verblendet von einer dysfunktionalen Multikulturromantik, sozialstaatlich alimentierte Rückzugsreservate schaffen.

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