Absolut subjektiv: Die Amerikanerin Elif Batuman schreibt über Bücher – und über sich selbst. Ihr eigenes Lese-Glück überträgt sich mühelos auf die Leser ihres Romans. Nur Anton Tschechow muss leider draußen bleiben
Elif Batuman ist eine leidenschaftliche Autorin und Ich-süchtige Leserin. Sie wird von den Kritikern Amerikas und Deutschlands umgarnt, als hätte sie den Generalschlüssel für die gesamte Weltliteratur in ihrer ausgebeulten Jackentasche. Die 34-jährige Amerikanerin mit türkischen Wurzeln zeigt sich in ihrem ersten im „New Yorker" und in „Harper’s Bazar" teilweise vorabgedruckten Buch „Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern" als der ideale multikulturelle Scout. Das Buch ist eine Querfeldein-Fahrt durch die Welt der Bücher. Von Cervantes hat Elif Batuman gelernt, dass Lesen den größten Spaß macht, wenn man sich mit den Romanfiguren identifiziert. Oder, beschließt sie, noch besser ist es, wenn man das eigene Leben im Stil von Arthur Conan Doyle den Rätseln ihrer Autoren widmet. Unterwegs zur Recherche unternimmt sie abenteuerliche Reisen: Über Usbekistan zu Tolstois russischem Gut und in den Petersburger Eispalast, der zur Erinnerung an die ziemlich verrückte Zarin Anna erbaut wurde.
Bereits in der Einleitung schiebt Elif Batuman das wissenschaftliche Vokabular, über das Personen nach einem ausgiebigen Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft verfügen, zur Seite. Sie beginnt ihr „Leseabenteuer" mit der Frage, weshalb es Hans Castorp im Thomas Mann’schen „Zauberberg" so lange in einer Lungenheilanstalt aushält, ohne selbst krank zu sein. Ganz einfach: Hans Castorp liebt! Denn, so zitiert sie Thomas Mann, jede Krankheit ist „verwandelte Liebe". Diese Aussage nimmt sie zum Ausgangspunkt und beginnt ein Hin und Her zwischen ihren eigenen Lieblingen aus Fleisch und Blut, wie Eric, ihrem Lebensgefährten, oder Maxim, ihrem russischen Geigenlehrer, und den großen Liebhabern der Weltliteratur, vor allen anderen natürlich Graf Wronski aus Tolstois „Anna Karenina". Eric ist ein Stoiker, der an der Wucht seiner Freundin zerschellen muss, Maxim ist ein Russe, der seine temperamentvolle Schülerin Elif mit gewitzten Coups verblüfft und deshalb mir ihr auf gleicher Höhe ist. Und Wronski? Das ist ein eigenes Kapitel.
Lesen heißt wildern – und produktiv konsumieren
Elif Batuman gibt in alledem die intellektuelle Anti-Intellektuelle. Sie verstreut in den „Besessenen" Despektierliches über den Wissenschaftsbetrieb und seine Akteure, weil sie die Literaturgeschichte «pedantisch» und «anspruchslos» findet. Für sie hat nur Gültigkeit, was ihr eigener studierter Geist beglaubigt.
Man soll sich vor Menschen, die zu sehr lieben, in Acht nehmen. Elif Batuman gehört zu den Ausnahmen. Ihr Buch ist nicht vor Liebe blind, aber es ist aus Liebe entstanden. Und es bietet aufschlussreichen und amüsanten Stoff. Dieser «Stoff» hat viele Farben. Er bildet die Schattenrisse ihrer Biografie als Leserin ab und zeigt, was die intensive Beschäftigung mit Literatur auslösen kann. Der Geigenlehrer Maxim wird von Mozarts Violinkonzert weg in Puschkins Traumdarstellung aus „Eugen Onegin" hineingezogen. Nathalie Babel, Isaak Babels Tochter, Herausgeberin seiner Werke, ergreift auf einem Kongress das Mikrofon. Die Leute, berichtet sie, haben gesagt, Isaak Babel sei ein Schriftsteller, ein großer Schriftsteller. „Für mich war er mein Puppy", sagt sie und fügt nach einer langen Pause traurig hinzu: „Ich weiß nicht, woran ich bin." Babel war von der Aufgabe des „Beschreibens" besessen, Elif Batuman ist das auch.
Michel de Certeau, der französische Jesuit und Philosoph, hat gesagt: „Lesen heißt wildern" und dabei vom «aktiven Konsumieren» gesprochen. Dieser Anleitung folgt Elif Batuman unumwunden. Sie wildert und konsumiert so aktiv wie produktiv in den Büchern von Puschkin, Tolstoi, Isaak Babel, Dostojewskij und in Gontscharows „Oblomow". Sie arbeitet an dem Ziel, die Autoren zu „begreifen" und schließt sich vehement Gontscharows Ruf im „Oblomow" an, Personen zu beschreiben und sie nicht einfach „Diebe und Prostituierte" zu nennen. Und wie hält Elif Batuman es mit Tschechow, ach, Tschechow, den jeder renommierte amerikanische Schriftsteller zum Hausheiligen erklärt? Er führt bei Elif Batuman ein kümmerliches Dasein: Erzählungen liegen dieser rabiaten Romanleserin nicht.
Seite 2: Nicht die Schönheit – die Menschen und die Literatur stehen im Zentrum









