Umwelt - Das Fehlkonzept Nachhaltigkeit

Das politische Konzept der Nachhaltigkeit ist fortschrittsfeindlich und undemokratisch. Denn es beruht auf der Annahme, dass weder wir noch nachfolgende Generationen in der Lage sein werden, unseren derzeitigen Wissens- und Erwartungshorizont zu transzendieren

Wald im Sommer
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Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena, 2015). Seine Website findet sich unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Matthias Heitmann

„Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geborgt.“ Kaum ein Satz fasst unser modernes Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein so treffend zusammen wie dieser. Sicher: Wer sich etwas borgt, sollte es natürlich möglichst unverändert wieder zurückgeben. Aber mal ehrlich: Wer von uns hätte gerne die Welt in dem Zustand „zurückbekommen“, in dem sie sich vor 150 Jahren befand – ohne Penicillin, ohne Frauenrechte, ohne Abgasfilter? Sollten wir nicht froh darüber sein, dass Menschen in früheren Zeiten sich nicht nur mental „auf der Durchreise“ befanden, sondern alles daran setzten, die Welt zu verändern und zu verbessern? Natürlich sind einige dieser Bemühungen schiefgegangen. Unsere höhere Lebenserwartung, nicht nur hinsichtlich unseres Alters, sondern auch unserer Möglichkeiten, lässt aber darauf schließen, dass einiges richtig gut geklappt hat.

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Der Begriff der Nachhaltigkeit wird zurückgeführt auf Hans Carl von Carlowitz, einen zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebenden Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg. Er forderte, einem bewirtschafteten Wald immer nur so viel Holz zu entnehmen, wie durch planmäßige Aufforstung wieder nachwachsen könne, um ihn so als auf lange Sicht nutzbare Ressource zu bewahren. Der sich an diesem Leitbild orientierende Anspruch, die Welt möglichst umfassend vor schädlichen Eingriffen des Menschen zu bewahren, hat heute nahezu jeden Winkel unserer Gesellschaft erobert und geprägt.

Der 2001 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung berufene „Rat für nachhaltige Entwicklung“ formuliert das Leitbild wie folgt: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“

An der Zielvorgabe, nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, kann es keinen Zweifel geben. Aber warum sind wir uns eigentlich so sicher, dass die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit tatsächlich im Sinne unserer Enkel und Urenkel ist? In der Bewirtschaftung eines Waldes mag sie nützlich sein, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass sich Bäume und ihre künftigen Sprösslinge an rasche Veränderungen ihres Lebensraumes anpassen können. Aber sind Modelle, die ihren Ursprung in der Bewirtschaftung von Ökosystemen haben, zwingend auch auf menschliche Gesellschaften anwendbar? Ist das, was gut für Bäume ist, auch gut für Menschen? Wollen wir wirklich, dass unser Leben und unsere Welt in 100 Jahren noch genauso aussieht wie heute? Wenn ja, können wir uns die aufgeregten PISA-Debatten sparen und unsere Sprösslinge gleich auf die Baumschule schicken.

 

Verfechter des nachhaltigen Denkens werden nun entrüstet einwenden, dass der Mensch ohne natürliche Ressourcen nicht überleben könne und es daher sehr wohl im menschlichen Interesse sei, nachhaltig zu wirtschaften. Aber auch hier sollte die Frage erlaubt sein: Ist es wirklich so, dass Mutter Natur uns füttert und versorgt? In Weltregionen, die weniger gut entwickelt sind, als sie es sein könnten, sind in der Tat viele Menschen in ihrem Überleben von den Unbilden der Natur abhängig. In höher entwickelten Regionen jedoch hängt die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln immer weniger von natürlichen Vorgängen ab. Tatsache ist: Die Menschheit ernährt sich mittlerweile selbst. Die überwiegende Mehrheit der zum Leben benötigten Dinge entstammt nicht der Natur, sondern ist Produkt der menschlichen Kultur. Unsere wichtigste Ressource ist keineswegs ein materieller Rohstoff, sondern unsere Kreativität. Und diese wächst nicht dadurch, dass man sie nicht nutzt.

Unseren Kindern und Kindeskindern eine bessere Welt zu hinterlassen, bedeutet nicht, ihnen eine natürlichere Welt zu hinterlassen, im Gegenteil: Eine menschlichere Welt ist eine, in der auf sinnvolle Art und Weise der Kultur Vorrang vor der Natur eingeräumt wird. Kann in einer solchen Welt Nachhaltigkeit in dem Sinne, dass der Umwelt eine ähnliche oder sogar übergeordnete Bedeutung beigemessen wird wie der sozialen und ökonomischen Lage der Gesellschaft, das Leitbild sein? Eher nicht, denn das Ziel menschlichen Agierens ist gerade nicht die Beibehaltung des bereits existierenden Zustandes, sondern seine Verbesserung. Wenn wir irgendetwas nicht wollen, dann ist es Stagnation. Vor 100 Jahren zerbrach man sich den Kopf darüber, wie es zu verhindern sei, dass die wachsenden Städte Europas im Pferdemist der Fuhrwerke ersticken. Wir sollten froh sein, uns heute anderen Herausforderungen stellen zu können, ebenso wie nachkommende Generationen froh sein werden, sich nicht mit dem herumschlagen zu müssen, was uns heute beschäftigt.

Tatsächlich ist das Konzept der Nachhaltigkeit denkbar ungeeignet, um die Entwicklung menschlicher Gesellschaften zu fördern. Dass es dennoch in den letzten Jahrzehnten so populär wurde, hängt damit zusammen, dass heute ein großes Misstrauen gegenüber der Menschheit sowie gegenüber ihrer bisherigen Entwicklung und ihren künftigen Entwicklungsmöglichkeiten vorherrscht. Da wir uns nicht vorstellen können, dass aktuelle Probleme vielleicht in Zukunft elegant gelöst werden können, suchen wir im Müllhaufen der Geschichte nach Alternativen, die aus gutem Grund eben dort landeten, und opfern zivilisatorische Errungenschaften einer vermeintlich weniger sorgenvollen Zukunft.

Die zentralen gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte drehen sich fast ausschließlich um Zukunftsängste und die aus ihnen geborenen Alternativstrategien zur Verhinderung der scheinbar unabwendbaren Apokalypse: Wir holen die Windmühlen aus der technologischen Mottenkiste und erklären sie zur Zukunftstechnologie, während wir tatsächlich bahnbrechende Innovationen scheuen und verbieten; wir opfern unsere Mobilität und huldigen der Entdeckung der Langsamkeit; wir schimpfen auf moderne Medizin und industrielle Lebensmittelproduktion und finden Gesellschaften, die ohne müssen, irgendwie „authentischer“ und „menschlicher“.

Wir reden gerne von der „einen Welt“, in der wir leben, fürchten uns aber vor globalen Menschen- und Warenströmen und davor, dass fernen Länder nach dem trachten, was wir selbst haben. Wir profitieren von den Errungenschaften derjenigen, die sich in der Vergangenheit mit dem Status quo nicht zufriedengaben, und erklären gleichzeitig unser aktuelles Wissen zum Gipfel dessen, was erreichbar ist. Wir erklären sogar unsere Erkenntnisse und Beschlüsse als unumstößlich und unumkehrbar und versperren so weiteren Entwicklungsperspektiven den Weg – all das, wohlgemerkt, im Namen künftiger Generationen.

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Dabei ist gerade das verzweifelte Zementieren von Wahrheiten und das autoritäre Unterbinden von kritischen Auseinandersetzungen das beste Indiz dafür, dass der Planet sich eben doch bewegt, wie es einst Galilei flüsterte. Heute ist es nicht mehr die katholische Kirche, sondern die Nachhaltigkeitsreligion, die die Menschen dazu zwingt, sich von hohen Erwartungen an die Zukunft zu verabschieden. So hinterlässt sie den nachkommenden Generationen eine Welt, die weit unter ihren Möglichkeiten bleibt und in der die Menschen lernen, sich mit Problemen und Grenzen abzufinden, anstatt sie endlich zu überwinden. Nicht das Streben nach Veränderung und Perfektionierung der Welt treibt uns in eine Sackgasse, sondern die Verteufelung dieses Strebens.

 

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