Jump to Navigation
Startseite

Magazin Cicero im Mai:

Moral-Standort Deutschland

Republik der Rechthaber
  • Magazin
    • Berliner Republik
    • Weltbühne
    • Kapital
    • Salon
    • Themen der Zeit
    • Merkel-Projekt
    • Kolumnen
    • Blogs
  • Mediathek
    • Bilder
    • Videos
    • Karikaturen
    • Titelbilder
  • Bücher
  • Service
    • Impressum
    • Anzeigen/Media
    • Redaktion
    • Autoren
    • Presse
    • Über uns
  • Newsletter
  • Shop
  • Abo

Suchformular


Mein Cicero


Sie sind hier: Startseite > Magazin
 > Um einen Feuerball rast eine Kotkugel

Salon
Das Journal

Um einen Feuerball rast eine Kotkugel

von 
Ulrich Rüdenauer
1. Juli 2009
Eine Neuausgabe seines dadaistischen Manifests zeigt den Dichter Walter Serner als nihilistischen Provokateur

Walter Serner war ein Lebemann und Geistesarbeiter, ein Bohemien und Dandy, ein Weltreisender und Urbanist. Während des Ersten Weltkriegs tummelt er sich da, wohin auch andere Kriegsgegner geflüchtet sind, um ästhetisch Widerstand leisten zu können: in Zürich. Serner gehört zu den Protagonisten der jungen Dada-Bewegung, er schreibt ein Manifest (von dem wiederum Tristan Tzara, sagen wir es vorsichtig, stark profitiert) und veröffentlicht es 1920 unter dem Titel «Letzte Lockerung». Darin geht es turbulent zu: Assoziationsreich setzt Serner kleine Paragrafen gegen das Chaos der Welt, wirbelt gedankenversonnen und komisch durch eine auf den Kopf gestellte Gegenwart, an der nichts mehr an seinem Platz ist. «1. Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins besprochen werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immerhin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können genossen werden, Gauguins nicht.»

Serners Manifest ist ein Aufschrei, der dem Absurden mit einer vermeintlich absurden Sprache beizukommen sucht. Die titelgebende «Lockerung» besteht darin, sich von den letzten, schal gewordenen Konventionen zu befreien – Konventionen, die in die Katastrophe geführt haben oder sie doch zumindest nicht verhindern konnten. Dada ist der Ort der Vernunft inmitten des Wahnsinns: «17. Krieg! C’est la guerre! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Nur hereinspaziert!» Hereinspaziert: Am 9. April 1919 trug Walter Serner sein Manifest während der Dada-Soiree «Non plus ultra» in Zürich vor, und es kam zu tumultuösen Szenen; man zog den Autor von der Bühne, hielt ihn für größenwahnsinnig. Die nihilistische Provokation wirkte. Ganz hatte man die «Kotkugel» noch nicht aufgegeben.

Walter Serner wurde 1889 in Karlsbad als Walter Eduard Seligmann geboren – den neuen Namen gab sich der Jude nach seiner Konversion zum Katholizismus. Serners Vater war Herausgeber der «Karlsbader Zeitung», für die auch der Sohn Feuilletons verfasste. In Wien begann er ein juristisches Studium, das er in Berlin mit der Promotion abschloss. Er schrieb in den Zwanzigern Kriminalgeschichten, am bekanntesten wurde der Kurzroman «Die Tigerin».


Gegen das Gift der Beliebigkeit

Als Serner sich von der dadaistischen Bewegung schon lange losgesagt hatte, erschien die «Letzte Lockerung» in neuer, erweiterter Ausgabe, versehen mit einem 1927 in Genf geschriebenen zweiten Teil und mit dem Untertitel «Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen». Von der zeitgenössischen Kritik wurde das Buch totgeschwiegen oder als Dokument eines unmoralischen, ja, kriminellen Charakters gelesen; Serner hatte daraufhin unter antisemitischen Angriffen zu leiden. Nach 1927 veröffentlichte er nichts mehr. Er ging nach Prag; 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert.

All dies erfährt man im erhellenden Nachwort des Juristen und Schriftstellers Georg M. Oswald zur gerade erschienenen Neuausgabe der «Letzten Lockerung». Der vom Herausgeber Andreas Puff-Trojan klug kommentierte Band ist ein großer Gewinn: Nicht etwa nur, weil wir mit Serners Manifest ein Zeugnis der historischen Avantgarde wiederlesen können. Vielmehr hat der ironische Charakter, die zweifellos sehr ernste, sehr böse Sicht auf eine verdorbene Welt, etwas Blickschärfendes. Serner klärt uns darüber auf, was man auf Reisen und in Hotels beachten muss, wie man es mit Frauen und Männern halten sollte und wie mit der Politik und der hehren Philosophie.

Das ist alles von einer nonchalanten, entwaffnenden Gemeinheit: ein Antidot gegen das Gift der modernen Beliebigkeit, die mit Toleranz verwechselt wird. Serners Ausführungen zeugen von Stilbewusstsein und einem etwas überdrehten Distinktionsbemühen, übrigens auch sprachlich: Elegant und kühl werden uns Ungeheuerlichkeiten in Sentenzform, nicht ganz ernst gemeinte Handlungsanweisungen als Aphorismen serviert. Manche allerdings darf man gerne auch heute noch beherzigen: «101. Sei nicht zu interpretativ. Der Mensch ist viel gedankenloser und verworrener, als diejenigen auch nur ahnen, die ein mißgünstiges Geschick zu Dichtern machte.»

 

Walter Serner
Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen
Hg. von Andreas Puff-Trojan. Nachwort von Georg M. Oswald.
Manesse, Zürich 2007. 293 S., 19,90 €

Twitter
drucken
merken
in mein Dossier
versenden

zum Ressort

zurück zum Dossier

Weiterführende Links

Diese Artikel könnten
Sie auch interessieren:

Nazistreit
Piraten scheitern an der Systemfrage
von
Paul Solbach
23.04.2012
Medienkritik
Grass und die zerstörte Streitkultur
von
Günter Hofmann
17.04.2012
Günter Grass
Ein Bärendienst für den Pazifismus
von
Stefan Weidner
07.04.2012
Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt
Was spricht in Günter Grass?
von
Michael Naumann
04.04.2012
Antisemitismus
Die Stimme des Muftis auf den Schulhöfen
von
Michael Naumann
23.03.2012

zum Dossier Die BUCH-SEITEzum Dossier Literaturen
Aus Literaturen  
Dezember 2007

 
Zu Dossier hinzufügen:
  • Europa
  • Kommentare
  • Detuschland
  • Jochen Thies, Was Hitler wirklich wollte
  • Goetz
  • Goetz
  • afrika
  • afrika
  • Syrien
  • Euro krise
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • filosofia
  • Offenen Demokratie
  • LINKE
  • Vorbereitung_Wahlen
  • Cicero
  • Politik
  • Politik
  • Wirtschaft
  • Grüne
  • Wahlen in D
  • Atomenergie
  • Terror
  • Lesenswert
  • Serina
  • _Wj
  • Papstreise 2011 Deutschland
  • Kapitalismus
  • Kapitalismus
  • Piraten
  • Grüne
  • Grüne
  • Grüne
  • Leben
  • haha
  • Migration
  • Generation 2.0
  • Kunst
  • Kunst aA
  • Kunst
  • EURO
  • Russland
  • Steuerpolitik
  • Internet-Kultur
  • Wulf
  • Wulf
  • Parteien
  • Parteien
  • Parteien
  • Finanzkrise und Staatsschulden
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • kindle
  • kindle
  • Rechtsradikalismus
  • USA
  • Religion und Tradition
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Parteien
  • Kirche
  • Grass
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Netz
Neues Dossier anlegen:

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Buch, Bücher, Literatur
Dossier

Die BUCH-SEITE

zum Dossier

  • Meist gelesen
  • Meist kommentiert
24h | letzte Woche | letzter Monat
Peter Altmaier Twittern und Kochen für die Kanzlerin
heute-show Welkes Spiel mit der Politikverachtung
Menschen bei Maischberger FC Islam gegen VfB Katholische Kirche
Norbert Röttgen Beim Wähler durchgefallen, von Merkel entlassen
Verwilderung der Sitten Fußball als Kampfsport
Kunstsammler Heiner Pietzsch „Man muss auch Fehler kaufen!“
Sechs Gründe... ...warum Norbert Röttgen in NRW schon verloren hat
Wahltrend Keine Wechselstimmung. Nirgends
Merkels Europapolitik Die Kanzlerin hat verloren
Die Erben der Magda Goebbels
Die Erben der Magda Goebbels
„Europa, das ist, was zählt“
CDU Röttgens Niederlage ist Merkels Problem
Piraten und Urheberrecht Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten
NRW Ein Sieg für die Currywurst
24h | letzte Woche | letzter Monat
heute-show Welkes Spiel mit der Politikverachtung
Piraten und Urheberrecht Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten
Modetrend Occupy Bankenproteste sind anmaßend
Menschen bei Maischberger FC Islam gegen VfB Katholische Kirche
FDP nach NRW-Wahl Was wird aus Philipp Rösler?
heute-show Welkes Spiel mit der Politikverachtung
Republik der Rechthaber Sarrazin, der Euro und die Brüllaffen
Bankenschwindel Wie aus der Finanz- eine Schuldenkrise gemacht wurde
Piraten und Urheberrecht Wirklichkeitsfremde Gratis-Konsumenten
Letzte Chance NRW Das Projekt Linkspartei droht zu scheitern
heute-show Welkes Spiel mit der Politikverachtung
Die Emanzipation ? ein Irrtum?
Claus Kleber Selbstdemontage eines Nachrichtenstars
Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt Was spricht in Günter Grass?
Piraten Digital naiv, neoliberal und gefährlich
Anzeige

DAS NEUESTE AUS DEN BLOGS VON CICERO ONLINE

Bild des Benutzers Göttinger Demokratie-Forschung
Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt

Seit dem heißen Stuttgarter Sommer des Jahres 2010 meint man, dass in Deutschland Proteste aller…

zum Blogeintrag
Bildergalerie

Das Ruhrgebiet - Keine Kohle im Revier

zur Bildergalerie
Die FDP in der Dauerkrise
Dossier

Die FDP in der Dauerkrise

zum Dossier

Thema der Woche

Ist die NATO noch zu retten?
zum Dossier
Euro, Krise, ratingagenturen, Tod des Euros, AAA+, Herabstufung
Dossier

Des Euros letztes Stündlein?

zum Dossier

Konservativ, Henkel, Bär, Schirrmacher
Dossier

Konservatismus heute

zum Dossier

Frage des Tages

Stellen sich Hollande und SPD gegen Merkel?
In Kooperation mit dem Tagesspiegel
zur Frage

Die Mai-Ausgabe jetzt am Kiosk

Moral-Standort Deutschland
Republik der Rechthaber

Ziemlich beste Feinde
Das FDP-Fernduell Lindner gegen Rösler

Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
Hier bestellen

Video

Merkel und Hollande - Wie steht es um die deutsch-französische Harmonie?

Video
alle Videos
Anzeige
Merkel-
Projekt

Was macht
Angela Merkel heute?
Anzeige
Add to Google

Anzeige

© Cicero 2012
  • Impressum
  • Nutzungsbedigungen
  • Stellenangebote
  • Weitere Titel des Ringier Verlags: Monopol - Magazin für Kunst und Leben