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Salon
lesen: Bücher des Monats

Überprüfen Sie Ihren ökologischen Fußabdruck

von 
Frauke Meyer-Gosau
11. Dezember 2009
Foto: Berlin Verlag
Margaret Atwood
Wie es Margaret Atwood gelingt, einen so spannenden wie komischen Roman über den Untergang der Menschheit zu schreiben.
Seite 1 von 3

Früher war alles besser, selbst die Weltuntergänge sahen anders aus: «Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei. / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut …» Ziemlich genau hundert Jahre nach Jakob van Hoddis’ Gedicht «Weltende» bietet der neue Roman von Margaret Atwood tatsächlich ein anderes, ein in jedem Sinne entwickelteres Bild. Nicht nur «Welcher Hut?», «Welcher Bürger?», möchte der Leser fragen, wenn «Das Jahr der Flut» mit einer Szenerie beginnt, deren erste Auffälligkeit akustischer Natur ist: lastende, schwärende Stille. Nur Spatzen lassen von Zeit zu Zeit ihr spitzes Tschilpen hören, während auf einer Wasserkraftanlage Geier ihre Flügel dehnen, um sie in der aufgehenden Sonne zu trocknen – neben der Stille ist auch Nässe hier allgegenwärtig.

Die finale Katastrophe nämlich hat bereits stattgefunden. Und was der Dichter des «Weltendes» noch als dessen eigentliches Ereignis sah: heranstürmende Fluten, berstende Dämme, ohrenbetäubendes Schreien und Krachen, gehört im «Jahr der Flut» der Vorgeschichte an – einer Entwicklung, die sich, stetig und scheinbar unaufhaltsam, über den Zeitraum eines Vierteljahrhunderts hinweg vollzogen hat. Im Stadium des vollendeten Klimawandels gehören Stürme und Unwetter nun zum regulären Tagesablauf, vor der ungefiltert herabbrennenden Sonne schützen die Menschen sich seit langem schon mit speziellen Umhängen und Kopfbedeckungen, die die UV-Strahlen abhalten sollen.

Doch welche Menschen eigentlich? Autowracks liegen herum, Überreste verrenkter Körper. Verlassene Gebäude werden von rasch wachsenden Pflanzen überwuchert, Herden genetisch mutierter Tiere marodieren im Gelände, und über alles fahren Stürme, Gewitter und Regenströme hinweg, bevor sie wie auf ein Signal wieder versiegen – bis zum nächsten Nachmittag. Die im Titel des Buches angekündigte «Flut», so beginnt der Leser zu ahnen, muss die Menschen selbst betroffen haben, nachdem sie ihre Umwelt derart her-, richtiger: hingerichtet hatten.


Alte und neue Menschenrassen

Margaret Atwood, soeben siebzig Jahre alt geworden, Autorin eines enormen Œuvres und Daueranwärterin auf den Literatur-Nobelpreis, schreibt mit ihrem jüngsten Roman gleichsam die Geschichte unserer Gegenwart zu Ende. Und viel an Zutaten mutwilliger Phantasie scheint es da auf den ersten Blick auch gar nicht zu brauchen – vorausgesetzt, man ist, wie die Autorin, auf der Höhe der Ergebnisse von Gen- und Klimaforschung: Wer sich die Reichweite der Eingriffe in natürliche Prozesse vergegenwärtigt, kann sich leicht ausmalen, was daraus für das menschliche Leben auf diesem Planeten folgen wird. Margaret Atwood allerdings tut im «Jahr der Flut» den entscheidenden Schritt über solche Katastrophen-Szenarien hinaus: Sie will wissen, wie die Menschen selbst auf die Wirkung ihrer grandiosen Erfindungen reagieren werden, als Einzelne wie im Kollektiv. Und so entwirft sie nicht nur ein bewegtes Panorama denaturierter Natur und brandgefährlicher Menschenphantasien – sie erzählt vor allem von gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie auch uns in nicht zu ferner Zukunft erwarten könnten. «Das Jahr der Flut»: ein Gesellschaftsroman.

Und der könnte eine wahrhaft düstere, freudlose Angelegenheit werden, doch ist hier seltsamerweise genau das Gegenteil der Fall. Nicht nur leuchten die genmanipulierten «Mo’Hair»-Schafe in allen erdenklichen (und verarbeitungsfreundlichen) Farben, nicht nur sind die transgenen Angora-Kaninchen in niedlichem Hellgrün gehalten und dient der «Wakunk», eine possierliche Kreuzung aus Waschbär und Skunk, als Haus- und Kuscheltier. Auch die Vertreter der menschlichen Spezies repräsentieren ein breites Spektrum äußerer wie innerer Ausstattungen.

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