Schon lange arbeiten Physiker, Computerwissenschaftler und Historiker aus aller Welt an seriösen Prognosen über unsere Zukunft. Wie könnte sie aussehen? Kommt es noch in diesem Jahrhundert zum totalen Kollaps, oder werden wir zu göttergleichen Wesen? Die Antworten sind beunruhigend – und aufregend
Smartphone und iPad, Facebook und Twitter, Präimplantationsdiagnostik und funktionelle Magnetresonanztomografie: Im Alltag sind wir umzingelt von Myriaden schlauer Maschinen. Und jedes Jahr kommen neue hinzu. Unsere Hardware wird immer schneller, besser, kleiner und billiger, und was zuletzt noch völlig unmöglich erschien, ist beim nächsten Hinsehen schon auf dem Markt. Wir selber, der gute alte Homo sapiens mit seinem seit 50.000 Jahren kaum veränderten Genom, wirken inmitten dieser Hightechexplosion zunehmend angestaubt. Aber keine Sorge, Rettung naht. „2045: Das Jahr, in dem der Mensch unsterblich wird“ titelte Time im Februar. Noch drei Jahrzehnte also, und wir werden den Göttern gleich sein, die wir in unseren Mythen seit Jahrtausenden besungen haben: allwissend, ewig lebend, wunderschön und superklug. Maschinen würden wir mit bloßer Gedankenkraft steuern, schnöde Brotarbeit hätten wir nicht mehr nötig, und wir wären quasi telepathisch durch unsere Gehirne vernetzt.
Klingt überkandidelt, zugegeben. Doch der Prophet dieses New Age ist kein Nischenguru, sondern ein Wissenschaftler und Ingenieur mit 19 Ehrendoktorwürden, zahlreichen Patenten und einem Platz in der „National Inventors Hall of Fame“. Er heißt Ray Kurzweil. Der 62-jährige New Yorker, der laut Time aussieht „wie Woody Allens jüngerer, schlauerer Bruder“, ist nach beinahe lebenslanger Beschäftigung mit Computern sicher, dass es dank der immer rasenderen technologischen Innovation nur noch 34 Jahre dauert bis zur „Singularität“ – dem Zeitpunkt, an dem Maschinen intelligenter sein werden als alle Menschen zusammen.
Der Begriff Singularität kommt aus der Astrophysik und beschreibt einen Punkt, an dem – wie in schwarzen Löchern – die üblichen Naturgesetze nicht mehr gelten. Für Kurzweil wird die Geburt superintelligenter Computer die Menschheit, so wie wir sie bisher kannten, irreversibel verändern. Und wir sollten uns tunlichst darauf vorbereiten. Seit drei Jahren geschieht das etwa an der von Kurzweil mitgegründeten, von der Nasa und Google finanzierten „Singularity University“ im Silicon Valley oder bei jährlichen „Singularity Summits“ in Stanford.
Spökenkiekerei? Science Fiction? Spötter machen sich gerne lustig über Visionen dieser Art. Doch viele technische Prognosen haben sich als erstaunlich akkurat erwiesen. So sagten schon 1895 die Franzosen Octave Uzanne und Albert Robida in ihrem Buch „La Fin des Livres“ die Erfindung eines „elektronischen Bücherapparates“ – sprich iPad – voraus. Im deutschen Sammelband „Die Welt in 100 Jahren“ wurde bereits 1912 ziemlich zutreffend die Zukunft der „ortlosen Kommunikation“ beschrieben: „Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem ‚Empfänger‘ herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht, auf eine der Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird. Konzerte und Direktiven, ja alle Kunstgenüsse und das Wissen der Erde werden drahtlos übertragen sein.“
Zukunftsforschung wird seit Jahrzehnten als interdisziplinäres Arbeitsfeld an vielen Universitäten betrieben. Die amerikanische World Future Society (WFS) in Bethesda/Maryland ist mit rund 30.000 institutionellen und persönlichen Mitgliedern der weltweit größte Verband der wissenschaftlichen Futurologen; sie veranstaltet Kongresse und gibt mehrere Zeitschriften heraus. Auch die World Futures Studies Federation (WFSF) in Rom lädt alle zwei Jahre zum Weltzukunftskongress.
Die UN, die EU, die OECD, der Club of Rome, das Worldwatch Institute und zahlreiche andere Institutionen beschäftigen sich ebenfalls mit Zukunftsfragen. Mit Abstand am intensivsten wird in den USA geforscht: Einrichtungen wie das Stanford Research Institute (SRI), die Rand-Corporation, die Systems Development Corporation (SDC) oder das MITRE (Massachusetts Institute of Technology, Research and Engineering) haben große, mit öffentlichen Mitteln geförderte Haushaltsbudgets und 2.000 bis 5.000 Mitarbeiter. Hierzulande, klagt Professor Dr. Rolf Kreibich vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, bleibe dieses Fachgebiet dagegen hauptsächlich privaten Instituten und Initiativen überlassen.
Michio Kaku, 64, Professor für Theoretische Physik an der New Yorker City University, ist Amerikas populärster Zukunftsforscher. Der in Kalifornien geborene Sohn japanischer Einwanderer besucht für den TV-Sender Discovery Channel seit Jahren weltweit bedeutende Forscher in ihren Labors und befragt sie zu ihren Projekten. Sein neues Buch „Physics of the Future“ (Doubleday, 2011) fasst die Erkenntnisse aus mehr als 300 solcher Begegnungen zusammen und beschreibt die mögliche technologische Entwicklung der nächsten 100 Jahre. Das liest sich streckenweise wie von Stanislaw Lem verfasste Science Fiction, basiert aber auf nachprüfbaren Fakten und Forschungstrends.
Seite 2: Unser Handy hat mehr Computerpower hat als die gesamte Nasa im Jahr 1969












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