Es war die Illusion höfischen Lebens, ein Tummelplatz der Halbwelt: Das Grandhotel. Droht es nun vom seelenlosen Komfort- und Wellness-Maximierungsbestreben der modernen Luxusindustrie verdrängt zu werden? Vom Niedergang der unvergleichlichen Hotelkultur der Belle Epoque
Vor ein paar Sommern haben wir unseren Urlaub auf einer kroatischen Insel verbracht und legten kurz vor dem Ziel noch eine Übernachtung ein, weil die Fähre erst am nächsten Morgen ging. Es war im Städtchen Opatija, einem in den zwanziger oder dreißiger Jahren halbwegs mondänen Badeort mit schmaler Strandpromenade, Jugendstilvillen, von denen der Putz bröckelte, bescheidenen Grünanlagen sowie ein paar übrig gebliebenen Grandhotels, die ihre besten Zeiten allesamt vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben mussten.
In einem davon, dem „Palace Bellevue“, war noch ein Zimmer frei – es sollte hundert Euro die Nacht kosten, aber der livrierte alte Mann an der Rezeption ließ sich mit hochgezogenen Augenbrauen auf sechzig Euro herunterhandeln. Sechzig Euro für eine Übernachtung in einem Palasthotel, das in seinem Namen auch noch eine schöne Aussicht verspricht – wo gibt es das schon? Eigentlich nur in ehemals sozialistischen Ländern, die Grandhotels während des Kalten Kriegs als ungeliebten Relikten einer leichtlebigen Bourgeoisie zwar keine Existenzberechtigung einräumten, sie aber in Ermangelung anderer Herbergen einfach mal weiter wurschteln ließen.
Genau solch ein Laden war das „Palace Bellevue“ in Opatija. Von außen ein immer noch ziemlich prächtiger Zuckerbäckerbau mit großzügigen Balkonen und einer weitläufigen Terrasse zur Meerseite hin, von innen dagegen eine Art Kuriositätenkabinett, in dem der opulente Charme eines späten Kakanien mit realsozialistischen Designermöbeln aus den frühen Sechzigern eine gestalterisch äußerst eigenwillige Liaison eingegangen waren: Im turnhallengroßen Speisesaal hingen schwere Lüster über den mit fadenscheinigen weißen Tischtüchern bedeckten Resopaltischen, wobei die ohnehin schon beeindruckende Weite des Raumes durch drei gigantische, stuckverzierte und an einigen Stellen bereits erblindete Spiegel verdoppelt wurde.
Der Weg führte uns durch eine riesige Hotelhalle mit hauseigenem Wasserfall und verstaubten Vitrinen voller alten Porzellans, vorbei an baumgroßen Marmorsäulen, durch schier endlose Hotelflure und über abgewetzte rote Teppiche – um schließlich in einem Zimmer zu enden, das jeglichem Komfort, jeglicher Anforderung moderner Hotelausstattung wie Minibar, Flachbildschirmen oder undurchschaubaren Temperaturreglern Hohn spottete: ein Bad, ein Bett, ein Schreibtisch.
Dieses Hotel war eine Diva, die sich ihren Gästen nicht mit gespielter Servilität unterwarf, sondern ihnen mit herablassender Souveränität gegenübertrat: Es war sich seiner altersbedingten Schönheitsfehler durchaus bewusst, hatte sich dabei aber eine Größe bewahrt, wie sie praktisch kein modernes Fünf-Sterne-Haus mehr ausstrahlt. Ein Grandhotel der alten Schule eben, das von seiner Gattung her schon immer eher ein Tummelplatz der Halbwelt gewesen war als eine Spielwiese der Hautevolee.
Die wirklich feinen Leute wohnten ja ohnehin in ihren eigenen Schlössern, während „das erste Hotel am Platze“ immer nur versuchte, mit manchmal billigen Tricks den Glanz und Pomp aristokratischen Lebens nachzuahmen. Das Grandhotel war gewissermaßen die Illusion höfischen Lebens, es war eine einzige Theateraufführung, und das Personal trat darin als Ensemble auf, das ernste Rollen mit spielerischer Gelassenheit zu absolvieren hatte.
Nichts anderes galt übrigens für die Gäste: Sie kamen ins Grandhotel des großen Auftritts wegen, nicht um sich zu verstecken. Deswegen reichte es auch völlig aus, wenn die Zimmer eher spartanisch eingerichtet waren und alle Opulenz stattdessen den Gemeinschaftsräumen zugute kam.
Seite 2: Was ist vom altehrwürdigen Granhotel geblieben?












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