Während sich ganz Deutschland über den Feuilletonkrimi zwischen Thomas Steinfeld und Frank Schirrmacher empört, haben wir uns mal einmal den Roman vorgenommen: Und wie in einem echten Krimi wurde es von Seite zu Seite grausamer
Es gibt ja diese wohlmeinende Zuneigung für die schwedische Idylle. Pittoreske Holzhäuschen, rot gestrichen, ein See davor. In der Ecke steht ein Elch und blökt, sehr anmutig. Dahinter, verträumte Wälder. Hier, im Land der Volvos und Ikea-Möbel, scheint eine Sehnsucht entstanden zu sein, nach einer mythologiesaftigen Welt, gezeichnet von einem zivilisierten Stubenhocker, der womöglich irgendwann einmal die Augen schloss, seiner Schizophrenie nachhing und ein Buch schrieb. Einzig, um diese Idylle zu brechen. Denn in Skandinavien, ist es einmal Winter geworden, sind die Nächte lang. Draußen ist es kalt und die Sonne ist ein seltener Gast. Kein Wunder also, dass der ein oder andere mit düsteren Gedanken schwanger geht. Seither bewegen wir uns jedenfalls immer wieder lesend durch ein desolates Nordland der Gewalt. Ganz behaglich.
Nun
erscheint diese Woche im S. Fischer Verlag ein Buch mit dem Titel
„Der Sturm“, das, hätte es nicht einen gewaltigen Medienrummel
gegeben, wahrscheinlich ohne viel Aufhebens wieder in der
Versenkung verschwunden wäre. Die rätselhaften Vorgänge rund um den
Krimi schwedischen Typs wurden selbst zum Krimi feuilletonistischen
Typs, samt gefälschtem Autorenprofil (Per Johansson), einem
Rufmord-Opfer (FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher), einem
Tatverdächtigen (SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld), einem Motiv
(verletzte Ehre, Abrechnung und die Sehnsucht nach dem ganz großen
Erfolg) und natürlich einem pfiffigen Ermittler (Richard
Kämmerlings), der in einer reißerischen Enthüllungsgeschichte in
der Welt nicht nur Steinfelds miserable Inszenierung als
schwedisches Autoren-Starlet bloßstellte, sondern eben auch die
Aufmerksamkeit auf dieses eine Buch lenkte, das, wenn es groß ist,
sicher auch gerne mal ein Schwedenkrimi wäre.
Die ganze Welt liebt Schwedenkrimis
Der skandinavische Kriminalroman schreibt seit Jahren seine ganz eigene Erfolgsgeschichte und fällt schon längst unter das Stichwort Populärkultur. Ganz gleich ob Henning Mankell, Stieg Larsson oder Håkan Nesser, es sind immer Erzählungen vom Versagen des Rechtsstaats, geschürt durch die Vorstellung, dass abseits unserer so sorgsam asphaltierten Straßen ein Abgrund klafft. Dass in unserer brav befütterten Illusion von der heilen Welt ein böser Dämon lauert, geifernd und gemein, weil er ja da sein muss, irgendwo in unserem dialektisch bestellten Universum. Denn ohne Grauen, kein Zuckerguss. Ohne Albtraum, kein Erwachen.
Ganz unbedingt braucht ein solcher Krimi eine gescheiterte Existenz als tragischen Helden, einen zauseligen Eremit, dem nichts mehr heilig ist, doch der noch immer an das Gute glaubt. Es braucht einen grundlegend verbitterten Menschenfeind, der sich noch nie zu fügen wusste, der ebenso verwahrlost, wie die einst offene Gesellschaft, in der er lebt und für die er trotzdem kämpft, weil er sich ihr nun einmal irgendwie verpflichtet fühlt. Es braucht einen gleichwohl empfindsamen wie vergrämten Charakter, der mit seinem lakonischen Dasein hadert, in einer Welt, in der er eigentlich nichts verloren hat, die er nie wollte und die ihn nie wollte. Es braucht nicht einfach nur einen romantisch-melancholischen, nein, einen depressiven Kurt Wallander, der uns rastlos durch die regnerische Nacht treibt, auf der Suche nach der Wahrheit. Misstrauisch gegenüber jeglichen autoritären Apparaten bewegt er sich hier auf eine kriminelle Schattenwirtschaft zu, die sich Seite für Seite entblättert, bis ihr Kern zum Vorschein kommt, nackt und hässlich. All das braucht ein guter Schwedenkrimi.
Und all das hat Thomas Steinfelds und Martin Winklers Krimi-Debüt „Der Sturm“ nicht. Was wir dagegen haben, ist Ronny Gustavsson, einen so farb- wie konturlos gezeichneten Protagonisten, weder Kommissar noch Detektiv, weder Fisch noch Fleisch, nein: Lokalreporter, der ungelenk durch eine minder drapierte Plotgirlande tapst. Dass er den Mord am Schluss aufklärt, scheint dabei eher wie ein Versehen, denn brillante Enthüllungsarbeit. Aber von vorn.
Seite 2: Es wird noch schlimmer













