In Dieter Hallervordens Schlosspark-Theater läuft ein Programm mit einem Personal, als seien die Uhren vor 30 Jahren stehen geblieben. Eine Zeitreise nach Berlin-Steglitz – und ein Protokoll einer persönlichen Wandlung
Dieter Hallervorden kennt jeder, der einen Fernseher hat. Didi, die Palim!-Palim!-Knallcharge mit dem etwas gröberen Humorverständnis, gehört zur eher tristen Popkultur der alten Bundesrepublik. Er steht in einer Reihe mit Heino, Dieter Thomas Heck und Derrick – lauter alte Bekannte aus der Spießerhölle des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Die Exkursion in das kleine Theater, das Hallervorden seit drei Jahren im Südwesten Berlins betreibt, tritt man dann auch bei aller Liebe und dem festen Vorsatz, fair, neugierig und unvoreingenommen hinzuschauen, mit durchaus gemischten Gefühlen an. Hallervorden steht für eine Welt, mit der ich nie etwas zu tun haben wollte, eine Welt der schlecht sitzenden Herrenanzüge, der gebügelten Häkeldeckchen und überraschungsfreien Biografien. Eine Welt der Blondinenwitze, Zimmerpflanzen, Golf-Fahrer und der Angestellten, die spätestens ab 11 Uhr stoisch mit einem aufgeräumten „Mahlzeit!“ grüßen. Ich weiß, dass das ungerecht ist. Ich weiß aber auch, dass ich vor dieser bundesrepublikanischen Tristesse irgendwann ins Theater, in die Kunst und ins Nachtleben geflohen bin.
Schon die Fahrt ins kleinbürgerliche Steglitz hat etwas von einer Zeitreise. Je näher man Hallervordens Schlosspark-Theater kommt, desto mehr sieht Berlin aus wie Bielefeld oder Hildesheim: Auf den Einkaufsstraßen wechseln sich „Blume 2000“- und „Fielmann“-Filialen ab, in den Seitenstraßen ist es so ruhig und beschaulich, als würden die Leute, die hier wohnen, ihr Leben lang nichts anderes tun als arbeiten, fernsehen, Steuern zahlen und schlafen. Nur ab und zu sorgt ein Asia-Laden oder ein einsames Grafitto („Bullen raus“) für das Gefühl, noch im vertraut abgeranzten Berlin zu sein.
Das Theaterfoyer und seine Gäste halten dann auch, was die Anreise versprach: Männer mit Herrenhandtaschen, Damen mit fest betonierter Dauerwelle und ein Altersdurchschnitt, bei dem ich mich mit meinen 48 Jahren wieder unverschämt jung fühlen darf. Seltsam, dass es das alles noch gibt: ein Berlin ohne ausländische Touristen und Junkies, ohne Mitte-Hipster und Lederschwule. Das Berlin der gebügelten Hemden, C & A-Anzüge und Beamtenlaufbahnen.
Zwei Damen, beide deutlich über 50, eher korpulent und bestens gelaunt, haben es sich in der fünften Reihe auf ihren Plätzen gemütlich gemacht. Der Sekt für die Pause ist bestellt, der Tratsch aus dem Büro ist ausgetauscht, die Vorstellung kann beginnen. Gegeben wird heute Neil Simons Komödie „Ein seltsames Paar“, deren Humor schon in der Verfilmung mit Walter Matthau und Jack Lemmon etwas angeschwiemelt roch. Der Film ist von 1968 und sieht aus, als hätte man noch 1950, als hätte es Woodstock, die Beatles und den Summer of Love nie gegeben. Genauso die Inszenierung im Schlosspark-Theater. Man könnte sagen: ein klarer Fall von der andernorts oft so schmerzlich vermissten Werktreue. Die beiden Damen im Parkett freuen sich schon „auf den Hunold, der war in ‚Neues vom Bülowbogen‘ immer so sympathisch“.
Rainer Hunold ist ein Schauspieler, der mit seinem Pausbackengesicht vor allem Gemütlichkeit ausstrahlt. Die öffentlich-rechtlichen Serien, in denen er mit der Zuverlässigkeit eines deutschen Schäferhunds durch schlecht ausgeleuchtete Dekorationen stapft, heißen „Ein Fall für zwei“ oder „Der Staatsanwalt“. Das Land, das man dort sieht, ist ein Vorabenddeutschland der sedierten Konflikte, das mit der Wirklichkeit etwa so viel zu tun hat wie ein Fassbinder-Film mit Kukident-Werbung.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass die beiden Damen in der fünften Reihe des Schlosspark-Theaters Hunold so sympathisch finden. In seinem beschaulichen Vorabenddeutschland würden sie vermutlich auch gerne leben. Und weil der Schauspieler für sie zur Fernsehfamilie gehört, kommentieren sie anschließend entspannt wie auf der heimischen Wohnzimmercoach das Bühnengeschehen. Theater wird hier zur Fortsetzung des Fernsehens mit anderen Mitteln. Als im Lauf des Stückes ein putzwütiger Felix, gespielt von Hunold, seinem chaotischen Mitbewohner Oscar in der Zweck-WG der zwei geschiedenen Männer häusliche Ordnung beibringen will, kommentieren die Zuschauerinnen in der fünften Reihe das wohlig mit einem tief empfundenen Hausfrauen-Seufzer: „Geht doch.“ Ein Abend fast wie im richtigen Fernsehen, nur besser, weil man live dabei ist. Beim Rausgehen in der Pause sagt die eine zur anderen: „Was zu Hause ganz normal ist, wird hier zur Komödie.“ Hier haben sich definitiv ein Theater und ein Publikum gefunden.
Ein paar Tage nach der Aufführung des „Seltsamen Paares“ steht der Prinzipal nach einer Vorstellung seines Erfolgsstücks „Ich bin nicht Rappaport“ selbst auf der kleinen Guckkastenbühne, strahlt gerührt ins Publikum und freut sich über den Applaus. Didi Hallervorden sieht aus wie jemand, der das alles sehr genießt: sein kleines, schön herausgeputztes Theaterchen, den Beifall und den etwas sentimentalen eigenen Auftritt, weit entfernt von den alten Knallchargen-Klischees. Am meisten freut er sich vielleicht darüber, dass er sich selbst mit diesem Theater ein schönes Geschenk gemacht hat. Und der Besucher aus Kreuzberg sieht an diesem Abend auf seiner Exkursion im vermeintlichen Spießeruniversum eine Vorstellung, die es jederzeit mit den üppig mit jährlich gut zehn Millionen Euro subventionierten Inszenierungen von Claus Peymann am Berliner Ensemble aufnehmen kann – und das, obwohl sich Peymann bekanntlich für den Gröraz hält, den größten Regisseur aller Zeiten.












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