Demokratie ist offenbar nur als zart liberalisierte Form einer Herrschaft der Eliten erlaubt. Wenn die Internetuser sie uns beim Onlinevoting im Rohzustand vorführen, bricht die nackte, kalte Angst aus
Die Welt ist aus den Fugen. Die Dinge sind ins Wackeln gekommen. Verschwinden die Bücher aus unseren Regalen, wenn wir sie uns auf den Kindle laden? Werden wir für unsere Nachbarn unsichtbar, wenn wir zu viel mit unseren Facebook-Freunden chatten? Ist die amtliche Tagesschau nichts mehr wert, weil die wichtigen Nachrichten heute von Augenzeugen live getwittert werden?
Die vielen verschiedenen Signale, die uns auf vielen verschiedenen Kanälen ins Haus kommen, überlagern sich so wüst, dass in unseren Hirnen oft nur noch großes weißes Rauschen herrscht. Man kann Angst bekommen, weil so viel Vertrautes untergeht. Man kann sich finsteren Mächten ausgeliefert fühlen, in einer Welt, die man nicht mehr versteht: Google und Facebook spionieren uns aus, sie spielen mit uns und unseren Daten wie mit Marionetten! Wer zu Paranoia neigt, findet in jedem beliebigen Internetforum für seine Ängste reichlich Futter. Aber immer nur Angst haben ist langweilig. Anstatt zu zittern und um sich zu schlagen, um das Alte zu retten, könnte man auch Neugier entwickeln. Auf unsere neue Medienunordnung und die schönen Funken, die der Dauercrash von Alt und Neu schlägt.
Da sind Ende des vergangenen Jahres in Hamburg zum Beispiel das Theater und das Internet zusammengestoßen. Und es hat mächtig geklirrt und gescheppert. Die Leitung des Thalia-Theaters hatte beschlossen, das Publikum über den Spielplan mitbestimmen zu lassen. Gleich zwei Stürme brachen los, ein kleiner und ein großer. Der kleine war der erwartbare: Verkannte Dichter mobilisierten ihre Freunde und zogen in die Votingschlacht. Erschrockene Bildungsbürger hielten tapfer dagegen (nicht im Onlinevoting, nein: angeblich mit Postkarten aus echtem Papier!) und schleiften gut abgehangene Werke der vierziger und fünfziger Jahre über die Ziellinie. Ein schöner Kulturkampf.
Der größere Sturm, das waren die hysterischen Reaktionen in den Zeitungskommentaren. Das ging bis an die Grenze des Rufes nach der Kulturpolizei: Wie könne man es wagen? Dem Pöbel Tür und Tor zu öffnen? „Vermurkst!“ „Vergurkt!“ Das Thalia-Theater? Fortan nicht mehr ernst zu nehmen. Intendanten, aufgemerkt, so die Botschaft: Wer Öffnung wagt und mit den neuen Medienwirklichkeiten spielen will, wird in Grund und Boden gestampft. Als wäre der wichtigste Auftrag an unsere Theater nicht der, dass sie spielen!
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