Die Welt der klassischen Musik ist nicht immer der Hort des Wahren und Guten, für den man sie gemeinhin hält. Was unser Kolumnist zum Beispiel im legendären Teatro Colón in Buenos Aires erlebte, hätte er sich beim besten Willen nicht träumen lassen
Kein Opern- und Konzerthaus auf dem südamerikanischen Kontinent genießt einen so legendären Ruf wie das Teatro Colón in Buenos Aires, ein grandioses Bauwerk mit einer geradezu magischen Atmosphäre. 1908 wurde das prunkvolle Theater mit Verdis „Aida“ eröffnet. Steht man auf der Bühne, wird man überwältigt von dem gewaltigen Zuschauerraum mit seinen sieben Logenrängen und knapp 3500 Plätzen. Unvergesslich ist mir mein dortiges Debüt, bei dem ich zum ersten Mal erlebte, was südamerikanisches Temperament bedeutet. „Im Colón kann alles passieren“, hatte der Dirigent noch gesagt. Der Beifall nach dem ersten kurzen Stück hatte die Stärke des Jubels, der nach einem Tor der eigenen Fußballnationalmannschaft einsetzt.
Weniger erfreulich war dafür mein zweiter Auftritt, einige Jahre später. Ich war auf Tournee und spielte Alban Bergs Violinkonzert. Dieses magische Werk ist eine Art Requiem für die an der Kinderlähmung gestorbene Manon Gropius, die 18-jährige Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius.
Es gab nur eine Generalprobe am Vormittag des Konzerts. Schon als die ersten geheimnisvollen Harfentöne über die Bühne des Colóns wehten, wurde ich aus der genialen Klangwelt Bergs herausgerissen. Mit den Bläsern stimmte etwas nicht. Zunächst tat ich so, als ob ich es nicht merkte: Es war heiß, und jeder macht mal Fehler. Aber als die Streicher einsetzten, folgten die nächsten falschen Töne. Dann setze das Altsaxofon viel zu früh ein, die Tuba spielte Dur statt Moll, und die Pauken spielten leidenschaftlich, wo sie gewiss nichts zu spielen hatten. Ich brach ab und drehte mich voller Verwunderung zum Dirigenten, einem Amerikaner, der genauso perplex war wie ich.
Die Orchestermusiker fingen an zu tuscheln, die Blechbläser gestikulierten, der Konzertmeister sprang auf, schrie etwas vehement auf Spanisch und verließ den Saal. Plötzlich erschien der Manager des Orchesters. Die Musiker beschimpften ihn auf das Übelste, ein Cellist schubste ihn durch den Saal. Der Feueralarm ging los, und ich entschied mich für die Flucht in meine Garderobe. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war der Manager. „Was zum Teufel ist hier los?!“, fragte ich ihn. Er war blass und sprach ganz leise. Anscheinend hatte das Colón seit Jahren seine Schulden an die argentinische Verwertungsgesellschaft nicht mehr gezahlt, woraufhin sich die Musikverlage weigerten, das Notenmaterial von Copyright-pflichtigen Musikstücken bereitzustellen.
„Aber wenn Sie keine Noten bekommen haben“, fragte ich, „woraus spielen Sie dann?!“ Der Manager machte die Tür neben sich auf. Eine Wolke von Zigarettenrauch strömte heraus. In dem Zimmer saß ein kleiner Mann mit roten Augen am Computer, in der linken Hand eine Taschenpartitur von Bergs Violinkonzert, die rechte Hand an einer Maus. Die Argentinier waren auf die brillante Idee gekommen, ihre eigene Edition zu machen. „Pepe hat den zweiten Teil fast fertig korrigiert!“, sagte der Manager stolz. Ich erklärte, dass ich bei allem Respekt nicht mehr an dieser Aufführung teilnehmen könne, verließ das Konzerthaus und ging zurück zu meinem Hotel. Dort wartete schon ein Fax mit einer Klageandrohung des Wiener-Verlags auf mich, der die Rechte zu Bergs Musik vertritt.
Das Orchester drohte ebenfalls mit einer Klage gegen mich. Ich bot an, ein anderes Violinkonzert zu spielen, aber man sagte, man habe nicht genug Zeit, die Noten zu besorgen. Wenig später bot der Dirigent an, mich in einer Brahms-Sonate am Klavier zu begleiten. Ich stimmte unter der Voraussetzung zu, dass der Manager das Publikum am Abend informieren würde, was der wirkliche Grund für die Programmänderung war. Und so geschah es dann auch. Es hagelte Buhrufe und Geschrei. „Aber Señor Hope ist bereit, trotzdem zu spielen!“ Das Geschrei wandelte sich sofort in Bravorufe, und wir spielten Brahms. Vor dem Konzert hatte mich der Manager gewarnt, die Stimmung sei katastrophal; es könne für mich sogar gefährlich werden. Ich hatte meinen Fahrer gebeten, mit laufendem Motor neben der Bühneneingangstür zu warten. Zum ersten Mal in meiner Karriere fuhr ich direkt von der Bühne zum Flughafen. Erst als ich im Flugzeug saß, wurde mir klar, dass im Colón wirklich alles passieren kann.
Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein Memoirenband „Familienstücke“ war ein Bestseller. Zuletzt erschien sein Buch „Toi, Toi, Toi – Pannen und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt) und die CD „The Romantic Violinist“










