Wir brauchen keine Bildungsrevolution, sagt der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Statt Reformen brauchen wir selbsbewusste Lehrer, statt Ganztagsschulen sollten sich die Eltern wieder selbst um ihre Kinder kümmern
Norbert Bolz lehrt als Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin. 2010 erschien „Die ungeliebte Freiheit“ im Fink Verlag.
Herr Bolz,
Richard David Precht forderte jüngst eine Bildungsrevolution.
Er bemängelt, die Schule würde alte Inhalte vermitteln, von denen
letztlich nichts hängen bliebe. Und die Institution Schule mache
aus neugierigen Kindern letztlich Lernautomaten. Er fordert ein
radikales Umdenken. Was halten sie von dieser Bildungsrevolution
nach Precht’schem Muster?
Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, wer diese sinnvollen
Inhalte definieren soll. Der einzige Fachbereich, der in den
Schulen wirklich unterrepräsentiert ist, ist die Ökonomie. Es sind
uralte Tatsachen, dass das meiste, was in der Schule gelernt wird,
wieder vergessen wird. Damit müssen wir uns abfinden. Zumal die
Alternativen, die aufgezeigt werden, bei näherer Betrachtung sofort
in sich zusammenfallen. Ich kenne nur eine einzige Alternative, die
mir sofort einleuchtet und das wäre ein Zurück zum antiken lernen.
Die Kinder würden dann Trivium und Quatrivium lernen. Alles andere
lernen sie sowieso aus den Medien. Aber das ist natürlich ein
Vorschlag, den kann ein Professor nur in einem Essay entwickeln,
der hat keinen politischen Realismus.
Sie
haben an anderer Stelle bereits zum Ausdruck gebracht, dass Sie
Reformdiskussionen langweilen. Gewisse Unlösbarkeiten müssten also
einfach in Kauf genommen werden?
Ja. Als vierfacher Vater von schulpflichtigen Kinder glaube ich,
das Problem der Schulen ist nicht das Curriculum, sondern völlig
überforderte Lehrer, die sich immer häufiger in Krankheiten
flüchten. Überfordert sind die Lehrer nicht vom Stoff, sondern von
Eltern, die immer größere Konsumentenerwartungen an die Schule
richten, und zum anderen von der Verwaltung, die den Lehrern
ständig neue Reformprogramme aufdrückt und sie in irgendwelche
Schulungen hetzt. Hier werden sie dann mit sogenannten „neuen
Formen des Lernens“ konfrontiert, die ihren eigenen Erfahrungen
widersprechen. Das klassische Beispiel ist der
Frontalunterricht. Alle Welt, die über Pädagogik nachdenkt, ist
dagegen. Die wirklich guten Lehrer, verstehen die Diskussion
überhaupt nicht und die Schüler bestätigen mir immer wieder, dass
diese gruppenbasierten Alternativmodelle zu nichts führen. Ich
wünschte mir manchmal mehr Feuerzangenbowle und weniger Brüsseler
Reformideen.
Sie sagen, Bologna sei die Europa-normierte
Technisierung von Lehre und Forschung durch Module und Projekte.
Sie sprechen von einer „Verstaatlichung des Geistes“. Was meinen
Sie damit?
Damit meine ich, dass man unter dem Vorwand von Kompatibilität und
Mobilität der Ausbildungsgänge in Europa und weltweit im Grunde nur
die Verantwortung und auch die Kompetenz für reale Lernprozesse von
denen nimmt, die eigentlich dafür verantwortlich sein müssten – die
Lehrer. Stattdessen werden ihnen in irgendwelchen Gremien von außen
Curricula vorgeben. Das entmutigt sie. Gleichzeitig lässt man sich
von völlig absurden Vergleichsstatistiken europäischer Art – da
wird beispielsweise dann Deutschland mit Island verglichen – in
Aufruhr versetzen, statt ganz schlicht und einfach dafür zu sorgen,
dass Lehrer qualifiziert ausgebildet und anschließend ordentlich
bezahlt werden, und dann selbst entscheiden, wie die Lernprozesse
konkret gestaltet werden. Das, was früher selbstverständlich war
beim Lernen, ist heute geradezu zur Utopie geworden. Ich habe noch
niemals auch nur einen einzigen Professor getroffen, der den
Bologna-Prozess für gut hält. Das ist eine Katastrophe. Trotzdem
wird der Anschein erweckt, als sei das eine geniale Reform.
Neben der Bachelorisierung beklagen Sie auch die
Demokratisierung der Hochschulen. Verstehe ich Sie richtig, Sie
wollen also weniger Demokratie wagen?
Mit dieser Formel würde ich mich natürlich für alle Zeiten
unmöglich machen. Aber ich würde wenigstens mit Max Weber sagen:
Demokratie da, wo sie hingehört. Vor 20 Jahren wurde über „Kunst
für alle“ diskutiert, was dazu führte, dass der Hausmeister eines
Museums über die Anschaffung eines berühmten Gemäldes
mitentschieden durfte. Diese Absurditäten, die unter dem Stichwort
„Demokratie“ laufen, stellen eine ernsthafte Gefahr dar. Warum
lassen wir nicht mehr diejenigen Leute Entscheidungen treffen, die
wirklich kompetent sind? Es ist eine verheerende Entwicklung, dass
wir überhaupt kein Vertrauen mehr in die Leute setzen, die wir an
die Schlüsselstellen von Lehre und Forschung gesetzt haben.
Ähnliches lässt sich bei der Diskussion über Eltern als
Entscheidungsinstanzen in Schulen beobachten. Es gibt für meine
Begriffe nichts Schlimmeres, als die Schule und Schüler der
Inkompetenz der Eltern auszusetzen. Das sind Entwicklungen, die für
die Qualität unserer Bildungsanstalten verheerend sind.
In der Bildungsdiskussion wird vor allem systemisch
argumentiert. Ist es nicht an der Zeit, den Fokus weg von
Systemfragen zu lenken? Verengt der Blick auf das Schulsystem nicht
Grundsätzliches?
Im Grunde ja, denn auch hier gilt: Feuerzangenbowle wäre mir
wichtiger als PISA. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein
Schüler, der überhaupt keine Freizeit mehr hat, überhaupt ein
angemessenes und besonnenes Verhältnis zum Stoff entwickeln soll.
Wie ein Student, dessen Studium mittlerweile so durchgeplant ist,
dass er von Seminar zu Seminar hetzt, Akademiker, also ein geistig
selbständiger Mensch werden soll. Kurzum: Man setzt alles daran,
diese jungen Menschen in Automaten zu verwandeln. Nachdenklichkeit,
Besonnenheit und Fantasie, Muse, Freizeit und Freiheit werden
beschnitten, weil man nur noch ein Ideal hat, nämlich das der
Fachausbildung. Im Grunde geht es der Politik um die gigantische
Fachhochschule. Genau programmierte Ausbildungsgänge um
berufsfördernde Maßnahmen zu optimieren.












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