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 > Tatort? Nein danke!

Salon

MedienmurksTatort? Nein danke!

Von Timo Stein31. August 2012
Tatort, Schimanski, nein danke, Cicero-Empfehlung
Schrift:

Tatort nervt! Warum wir einen krimifreien Sonntag brauchen und sich die Fernsehanstalten längst von Qualität verabschiedet haben? Ein Tatort-Vermeider klärt auf

Seite 1 von 2

Um es vorwegzunehmen: Der Autor dieser Zeilen ist kein Tatort-Hasser, er ist vielmehr ein Sonntags-Tatort-Vermeider, weil er der naiven Vorstellung anhängt, die letzten Stunden in (werktags befreiter) Freiheit sollten besser, nein, anders genutzt werden. Sollten Sie hingegen zu der Sorte Mensch gehören, die sonntags um 20.15 Uhr eine Verabredung mit Mord nach Muster hat, dann lesen Sie jetzt besser nicht weiter und klicken sie hier.

Für alle anderen gilt: Tatort? Nein Danke!
 

Lesen Sie mehr über das Phänomen "Tatort" in der September-Ausgabe des Magazins Cicero.

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Zugegeben, wer Sonntagabend fernsehen möchte, um das letzte bisschen Wochenende Wochenende sein zu lassen, bevor der Alltag wiederkehrt, hat es schwer, den Tatort medial zu umschiffen. Es warten in der Regel gruselige TV-Alternativen. Auch an diesem Sonntag steht schaurige Resteverwertung auf dem Programm: Wir haben die Wahl zwischen „Johanna und der Buschpilot – Der Weg nach Afrika“, „Couchgeflüster - Die erste therapeutische Liebeskomödie“, „Cats & Dogs – Die Rache der Kitty Kahlohr“, „X Factor“ oder „Landlust TV September – Die schönsten Seiten des Landlebens.“ Für die ganz schmerzbefreiten bietet die Dauergruselfernsehanstalt „MDR“gewohnt intellektbefreite Bilderfluten mit „Karl Stülpner – Der Robin Hood des Erzgebirges“.

Sonntags ist nicht einmal auf den Besinnlichkeitsfaktensender Phoenix Verlass: Es sei denn man hat Lust auf: „Endlich Prinzessin! Ein Jahr mit Kate und Charlene“. Wer also die Woche ausnahmsweise einmal nicht mit butterweichem ZDF-Geflüster, reaktionären Castingshows oder heimatreuem Soft-TV ausklingen lassen möchte, hat es schwer. Der guckt ARD oder lässt es gleich ganz bleiben.

Und das Bleibenlassen ist nicht immer so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Auch ich wollte es einmal bleiben lassen, traf mich auf ein Bier mit einem Freund in einer beliebigen Berliner Bar, wähnte mich frei von 90-minütiger Konzeptdramaturgie, unterprächtigen Dialogen und überzeichneten Figuren, als plötzlich die Lichter ausgingen. Mitten im Gespräch über das, was war, ist und kommen soll, zischte ein vorwurfbehaftetes „Psst!“ vom Nachbartisch herüber. Die Realität holte uns ein, die Bar, die eben noch durch Übersichtlichkeit glänzte, hatte sich zügig gefüllt, die typischen Hintergrundgeräusche wichen stummer, fast andächtiger Kommunikationsmüdigkeit. Das Licht wurde gedimmt, die Leinwand heruntergefahren. Der gesellige Ort hatte sich kurzerhand in eine Public-Viewing-Tatort-Maschine verwandelt. Menschen wurden schweigender Teil dieser Kulisse.

Während wir noch gedanklich einem möglichen Widerspruch zwischen Tat (Fernsehschauen) und Ort (Bar), zwischen geselligem Beieinander und dem starren Blick auf einen Bildschirm nachzugehen suchten, hatten sich bereits pferdeschwanztragende Lehramtsstudentinnen und Soziologiediplomierte breit gemacht. Sie duldeten keine Konversation, tranken ihren Chai Latte und ließen keinen Zweifel daran, dass hier nun ein unausgesprochenes Gesetz galt: Wer nicht schaut, der geht. Da so ein Sonntagabend zur kurz ist, um sich mit einer für den Moment schier übermächtigen Tatort-Lobby anzulegen, verließen wir die Lokalität. Draußen war es bereits dunkel. Ein letzter Blick in das flimmernde Innere offenbarte in eine Richtung starrende, konzentriert zufriedene TV-Gesichter.

Doch, was finden die vielen Tatortseher so aufregend an einem Format, das mitunter so viel Spannung erzeugt wie ein Musical von Andrew Lloyd Webber?

Auch stört es sie scheinbar wenig, dass die Dramaturgie vorhersehbar ist, dass eigentlich schnell klar wird, wer der Mörder ist. (In der Regel der, der es auf keinen Fall sein kann.) Gut, könnte man sagen, dann geht es halt um den Gang, statt um den Ausgang der Handlung. Geht es aber nicht. Die Dialoge sind müde, wirken zuweilen gequält und die Sprache verlässt selten die einschlägige Krimirhetorik.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum "Derrick" die bessere Alternative zum "Tatort" ist

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tatort

Ja, TS, voll d'accord, du sprichst mir aus dem Munde.

Doch eine Anmerkung zur Semantik: Dieses jenseitsverdammte "scheinbar" macht deinen Artikel für Korinthenkacker wie ich einer bin zur Tortour. Freudig beipflichtend im Meinungs-Einklang anfangs, stellt sich mittendrin anscheinend dieses grottenblöde Scheinbar in den Weg. Und taucht - kaum hatte mein Puls sich normalisiert - zum Abschied nochmal auf; versaut der ganze, scheinbar passable Text - für mich!

Bin nicht Praeceptor Cicerone, möcht aber anraten, doch mal über die Konkurrenz scheinbar-anscheinend nachzudenken; vielleicht mit dieser HIlfe: http://www.duden.de/rechtschreibung/scheinbar_anscheinend_angeblich...

wernerjacob

  • Antworten
werner jacob31.08.2012 | 13:39 Uhr

Dass ist auch Unsinn.

es steht doch jedem Menschen zu seine Zeit so zu verbringen wie er/sie es fuer richtig haelt. Wer partout Tatort oder was auch immer ansehen will soll es tun,das geht andere nichts an.
Ueberhaupt ist es ziemlich irrsinnig Anderen vorschreiben zu wollen sie
ihre Freizeit verbringen...Leute machen doch was sie wollen und haben das Recht dazu....
Es gibt ja heute auch schon Leute,die haben keinen Fernseher mehr.Ist doch in Ordnung.Andere haben mehrere....was soll's. Ich moechte von niemandem vorgeschrieben bekommen was ich tun und lassen muss.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant31.08.2012 | 14:29 Uhr

O Neiiiin!

Was hat das Recht auf Tatort-Gucken mit dem Artikel zu tun. Ist da wieder die typische Angst da, die bösen Kritiker könnten einem das kleine bischen Freiheit wegnehmen wollen? Traurig typisch deutsch, egal was ist, zuerst kommt der Aufschrei: ich laß mir das nicht nehmen und ist doch jedem seine Sache. Wie arm aber wären wir, wenn es niemanden mehr gäbe, der mal eine Sache kritisch beleuchtet UND jedem die Freiheit läßt, sich bedudeln zu lassen (da ist der MDR nicht nur beim Fernsehen Spitze). Ich nehm mir die Freiheit, Tatort gar nicht zu schauen. Warum? Weil ich mir die Woche nicht durch solch einen Schnulli schon am ersten Tag verderben will (Sonntag ist nämlich nicht Wochenende, sondern Anfang, aber das haben die meisten Menschen längst vergessen...)

  • Antworten
hallertauer31.08.2012 | 18:17 Uhr

endlich aufgelaufen

Danke, diese Analyse war längst überfällig. Nicht zuletzt, weil die Zuschauer nur scheinbar selbst entscheiden, sondern überwiegend das einschalten , was gerade läuft. Die Verantwortung liegt infolge dieser Verführbarkeit der Zuschauer zum großen Teil beim Sender. Und wem helfen heute noch diese poltisch korrekten Oden im Tal oder eine Milliardärin, die unbedingt auch noch ins Fernsehern muß, um uns allen mit ihrem unterirdischn IQ zu beglücken? Der PDS-Ossi hat sich ja schon vor einiger Zeit ins Abseits manövriert, weil er sich nicht entscheiden konnte, die Armen und Bedürftigten im Bundestag zu vertreten oder doch den eigenen Hals bei den Öffentlich-Rechtlichen vollzukriegen.

  • Antworten
Otto Meyer31.08.2012 | 21:05 Uhr

tatort

wer heute 50 ist, wird noch 30-35 jahre - oder
mehr fernsehzuschauer bleiben. warum also der jugendwahn? daß der tatort immer wieder aktuelle themen aufnimmt, kann eigentlich,nicht negativ gesehen werden.

  • Antworten
fritz fr. illing01.09.2012 | 02:22 Uhr

Was ist Tatort?

Muss ich das kennen?

  • Antworten
Humpolec01.09.2012 | 11:42 Uhr

Die deutsche Normalität

Begann nicht alles mit den Schimanski-Tatortfolgen, als eine Reaktion auf den „Kommissar“ Ode im ZDF, ein eher unauffälliger normaler Kommissar? „Schimmi“, (Schauspieler Götz George) der Held aus dem Ruhrgebiet. Ich erinnere mich: Impulsive Gefühlsausbrüche, nicht zu allem ja und Amen zu sagen, der sich sehr schnell über Ungerechtigkeiten aufregt. Er musste immer etwas tun, der erste Actionstar im deutschen Fernsehen. Körperliches Handeln war angesagt, keine akademische Figur. Der Auftritt im verschlissenen Parka war ja das optische Gegenprogramm zum korrekten deutschen Beamten. Ein anpackender Arbeiter. Der erste Action-Held der ARD. Seine optische Einbettung (Umgebung) war das Kaputte, das Abgenutzte, die Gestänge, Gestelle, Rohre und Hoch-Öfen und Schlote, Höfe und Halden. Auch „Schimmi“ hat sich verschlissen. Heute sind es eher unauffällige Schauspieler, die gerade das Normale und Alltägliche verkörpern. Zeitgeist und Zeitgefühl. Sie stellen weniger komplexe Persönlichkeit dar und agieren verhältnismäßig gleichbleibend. Es erschöpft sich in bestimmten Merkmalen. Eine spezifische Zeitstimmung? Ich verfolge diese Tatort-Serie nicht mehr. Mit der Zeit wurde es für mich banal und langweilig. Dieser Realismus, als Stilelement und Stilrichtung, war vielleicht einmal Avantgarde, sie wollte eine exakte Wirklichkeitserfahrung provozieren und widerspiegeln. Diese ästhetisch scheinbar dokumentarische Authentizität ging ja bis zum agitatorisch kämpferischen Realismus einer Politikkunst. Und so bleibt es ein ARD-Produkt, wo alle entscheiden wollen, verlieren sich die Konturen, wenn alle mitwirken wollen, gerät es leicht selbst gestrickt. Das mag ein gerechtfertigtes Programm sein. Film jedoch hat die Möglichkeit die Realität zu verwandeln. Er kann Visionen schaffen, und uns eine radikal veränderte Welt zeigen, eine Welt der Möglichkeiten und neuer Erlebnisweisen.

  • Antworten
bernhard jasper01.09.2012 | 11:54 Uhr

Ich bin offenbar schon ein bischen älter

als andere Kommentatoren deshalb Wunder ich mich nicht über so einiges dass hier unter Kritik läuft.Offenbar haben
heute viele Leute Probleme das was im Fernsehen aufgetischt wird und die Realität zu unterscheiden. Das ist aber
nicht die Schuld der Fernseh Programmier sondern ein ungutes Beweis dass viele Menschen " schlicht gestrickt "
sind.Dabei haben wir in westlichen Lendern die Freiheit unsere Freizeit so zu verbringen wie wir wollen .Auch "Tatort"
ansehen ist keine Pflicht und wer ein besseres Fernseh Program möchte,der stimmt mit seiner Fernbedienung .....
Nichts würde die Fernsehlandschaft in Deutschland schneller aendern als die Tatsache wenn immer weniger Zuschauer zur Sendung einschalten.Leider reicht es dafür nicht bei vielen Leuten ,sie meckern lieber anstatt zu handeln.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant02.09.2012 | 17:28 Uhr

Tatort, oder nicht Tatort

..da muss ich Ihnen leider zustimmen....
..auch ich bin schon über dem Verfallsdatum und sehe mir die mit Leichen gepflasterte und mit Blut getränkten sinnlos TV-Dauerserien nicht mehr an.
Mit "Bildungsfernsehen" oder "Unterhaltung" hat dieses ja wohl nichts mehr zu tun.
Und ich bin wütend darüber, dass dafür Zwangsbeiträge anverlangt werden.....
.... aber ich weiß, wo der *Aus* Schalter ist...

  • Antworten
didi04.09.2012 | 09:33 Uhr

Saure Gurke

Da haben nun die selbsternannten Intellektuellen wieder ein Thema gefunden, was mangels anderer Themen endlich fällig war: Tatort-Bashing.
So muss ich jetzt damit leben, zu den Minderbemittelten zu zählen, die nicht auf jede "filmischen Unzulänglichkeit" und "dramaturgischen Lücke" mit allergischem Hautausschlag reagieren und mir vorhalten lassen, dass meine Entscheidung mir schon vor Ende meiner Pubertät das eintönige "Derrick-Geschwafel" meinem Hirn nicht mehr antun zu wollen ein schwerer Fehler war, weil richtig einfältig wohl schon wieder "Kult" und damit gut ist.
Und wehren darf ich mich dagegen auch nicht, weil ich sonst "typisch deutsch" natürlich nur aufschreie weil mir einer meine "Rassel" wegnehmen will.
Wenn wenigstens der Tatort "kritisch beleuchtet" würde, wie es uns ein Kommentar weismachen will, aber davon befinden sich die Artikel hier nicht mal in Sichtweite. Alles läuft auf ein Herunterstottern von Allgemeinplätzen hinaus. Da muss gleich ein "Phänomen" oder "Gottesdienst"-Ersatz draus werden. Ist natürlich auch schwer, eine Serie zu kritisieren, die keine Serie im klassischen Sinn ist.
"Deutsches Fernsehen macht dumm", aber wen? Zuschauer oder Kritiker (Die sich anscheinend nicht mal mehr die richtige Kneipe aussuchen können)?

  • Antworten
CortoMaltese03.09.2012 | 12:32 Uhr

Olle Kamellen

Tatort war mal innovativ, teilweise, aber geht in der deutschen Fernsehdurchschnittlichkeit unter, überlebt als Ritual, aber ein
Rätsel ist es schon, warum deutsche Drehbuchautoren keine besseren Dialoge hinbekommen oder bessere Geschichten, die nixcht besser verfilmt werden und warum immer alles so betulich sein muss, und gefühlig weltfern?

  • Antworten
Carlo Siemers03.09.2012 | 20:45 Uhr

Münchhausen-Trilemma

Dieser Artikel ist selbst für Cicero-Verhältnisse schwach.
(Allein die Argumentation funktioniert nicht. Wenn man den Tatort nicht schaut, wie kann man sich dann zu solch einer Aussage herablassen: "Doch, was finden die vielen Tatortseher so aufregend an einem Format, das mitunter so viel Spannung erzeugt wie ein Musical von Andrew Lloyd Webber?")

  • Antworten
Peter Panther15.09.2012 | 11:37 Uhr

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