Die größte Gefahr der nächsten Jahrzehnte ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Kollaps unseres Ökosystems. Können wir überhaupt noch etwas dagegen unternehmen? Ein Gespräch mit dem Schrifsteller T.C. Boyle, sein neuer Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" beschäftigt sich mit dem Niedergang von Ökosystemen
Herr Boyle, „für die Tiere ist jeden Tag Auschwitz“. Hat Sie dieser, in Ihrer Story „Fleischeslust“ Isaac Bashevis Singer zugeschriebene Satz auch bei der Arbeit an Ihrem neuen Roman inspiriert?
Meinem Buch „Wenn das Schlachten vorbei ist“ habe ich ein Zitat aus der Bibel vorangestellt, das dem Menschen die Herrschaft über die Tiere zuspricht. In diesem Roman geht es um die Vorherrschaft der einen besonderen Tierart Mensch, die alle anderen Tierarten dominiert und das gesamte Ökosystem zerstört. Ist es möglich, diese Zerstörung rückgängig zu machen, und wenn ja: Wer bestimmt, welches der ursprüngliche Zustand war, den es wiederherzustellen gilt? Singer spielte mit seinem Zitat vor allem auf den Fleischfresser Mensch an, auf den Metzger in uns, während mein Buch eine Art Notfallplan für die Welt im Ganzen enthält – erzählt am Beispiel mehrerer Tierschützer auf den Channel Islands vor der kalifornischen Küste.
Die Antagonisten des Romans, die Biologin Alma Boyd Takesue und der Umweltschutzaktivist Dave LaJoy, sind beide Vegetarier, wollen die Tiere, wenn nicht die ganze Welt retten … Weshalb sind die guten Absichten der beiden nicht miteinander vereinbar?
Das Problem ist, dass beide auf ihre Weise recht haben. Dave ist zwar in jeder Hinsicht ein ziemlich unangenehmer Typ, hat aber ein unanfechtbares Gesetz auf seiner Seite: „Du sollst nicht töten.“ Dieses Gesetz schützt seiner Auffassung nach auch die Ratten auf Anacapa, einer der kleinen Kanalinseln, auf der „Wenn das Schlachten vorbei ist“ spielt. Alma, die rationaler ist als Dave und von der Thematik sehr viel mehr versteht, argumentiert andererseits sehr plausibel, weshalb es im Sinne des Ökosystems ist, die Ratten zu vernichten, um auf diese Weise nahezu ausgestorbenen Vogelarten ihren angestammten Lebensraum zurückzugeben. Sie spielt gewissermaßen ein wenig Gott, und die ethische Frage, die sich daraus ergibt, muss jeder Leser für sich selbst beantworten.
Wie vereinen sich die gegensätzlichen Ansichten dieser Figuren in Ihnen?
Ich nehme an, alle Figuren, die ich erfinde, insbesondere solche, die so unterschiedliche Ansichten vertreten wie Dave und Alma, repräsentieren die gegensätzlichen Pole meiner Persönlichkeit. Ich bin genauso wütend wie Dave, und zugleich bin ich in vielen Dingen nicht weniger pingelig und perfektionistisch als Alma und ein ebensolcher Kontrollfreak wie sie.
In einer Ihrer Kurzgeschichten haben Sie sogar aus der Perspektive einer Elefantenkuh erzählt.
In der Story „Großwildjagd“, das stimmt. Zwei oder drei Absätze lang hat mich dort ihre Sicht der Dinge interessiert, aber Figuren wie Dave LaJoy in „Wenn das Schlachten vorbei ist“ oder Ned Rise, der Trickbetrüger aus dem Roman „Wassermusik“, stehen mir am Ende dann doch etwas näher. Diese Figuren könnte man vermutlich als Punks bezeichnen – sie sind in Opposition zu bestimmten Dingen, denken aber nicht immer alles bis zu Ende durch. Sie sind sehr emotional und werden eher von ihren Gefühlen als vom Verstand geleitet.
Ist der Zorn, der „Wenn das Schlachten vorbei ist“ zu einem sehr kraftvollen Buch macht, Fiktion oder handelt es sich dabei um Ihr eigenes Gefühl?
Ich habe zu vielen Dingen eine sehr entschiedene Meinung und habe mich in meinen Büchern von Anfang an mit unserer Lebenswelt auseinandergesetzt, weshalb man mich auch gern als „grünen Schriftsteller“ bezeichnen darf. Der englische Titel meines ersten Buches lautet „Descent of Man“, zitierte also Darwins Werk von der „Abstammung des Menschen“, meint aber zugleich den „Niedergang des Menschen“, und die zentralen Fragen unserer Existenz auf diesem Planeten habe ich in meinen Romanen und Kurzgeschichten seitdem immer wieder aufgegriffen. Ja, ich bin sehr engagiert, aber ich schreibe keine Essays über Ökologie, keine Rezensionen: Abstraktes Denken bringt mich nicht sehr weit, ich kann einer Sache oder einem Gefühl nur intensiv nachgehen, wenn ich im Bann schöpferischer Arbeit stehe.
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