Frühjahr 1976 in New York, Sigrid Nunez lernt Susan Sontag kennen: eine grandiose Mentorin, die das Unterrichten von Herzen verabscheute
Als ich Susan kennenlernte, hatte ich mein Studium schon abgeschlossen, aber ich war eine meist gleichgültige, hochgradig zerstreute Studentin gewesen, und meine Bildungslücken waren riesig. (…) Susan Sontag trug es mit Fassung. Sie hatte keine hohe Meinung vom amerikanischen Bildungswesen und von der amerikanischen Kultur im Allgemeinen, und für sie war es selbstverständlich, dass ich in einem Jahr in ihrer Wohnung am Riverside Drive 340 mehr lernen konnte als in sechs Jahren an einer amerikanischen Universität.
Susan Sontag war die geborene Mentorin. Sie hatte zwar nicht das, was man gemeinhin unter Protegés versteht (…), aber man konnte nicht mit ihr zusammenleben oder auch nur eine nennenswerte Zeit mit ihr verbringen, ohne dass sie einen unter ihre Fittiche nahm. Sogar wer ihr nur einmal begegnete, ging wahrscheinlich mit einer Lektüreliste nach Hause. Sie war von Natur aus didaktisch und moralistisch; sie wollte Einfluss nehmen, ein Vorbild darstellen, sie wollte beispielhaft sein. Sie wollte das Denken und den Geschmack der Leute verfeinern, sie wollte ihnen Dinge erzählen, die sie noch nicht wussten (in manchen Fällen Dinge, die die Leute gar nicht wissen wollten, die sie aber Susans Ansicht nach verdammt noch mal wissen sollten). Menschen zu bilden war ihr eine Pflicht, es machte ihr aber auch jede Menge Spaß. (…) Sie wollte alle an ihren Leidenschaften teilhaben lassen, und die größte Freude konnte ihr machen, wer mit gleicher Intensität auf ihre geliebten Werke reagierte.
Nicht immer konnte ich ihren Eifer nachvollziehen. Als wir mal im Kino saßen und uns einen dicken Schokoriegel teilten, fragte ich mich die ganze Zeit, warum sie zwei alte Katherine-Hepburn-Filme sehen wollte, von denen sie behauptete, sie hätte beide schon über zwanzigmal gesehen. (…) Wir gingen ständig ins Kino. Ozu, Korusawa, Godard, Bresson, Resnais – jeder Name ist in meinem Kopf mit ihrem verknüpft. Mit ihr habe ich zum ersten Mal erlebt, wie viel aufregender ein Film ist, wenn man sich ihn von einem Platz dicht vor der Leinwand anschaut. Ihretwegen sitze ich noch heute immer ganz vorne im Kino. Ich widerstehe noch heute der Versuchung, mir einen Film im Fernsehen anzugucken, und ich habe mich nie durchringen können, mir Filme auf Video oder DVD auszuleihen.
Unter den lebenden amerikanischen Schriftstellern bewunderte Susan neben Hardwick vor allem Donald Barthelme, William Gass, Leonard Michaels, Joan Didion und Grace Paley. Doch für die meiste zeitgenössische amerikanische Prosa (die, wie sie klagte, meist in eine von zwei Kategorien fiel: altbackener Vorstadtrealismus oder «Bloomingdale’s Nihilismus») hatte sie ebenso wenig übrig wie für die meisten zeitgenössischen Filme. In ihren Augen stellte «Licht im August» von Faulkner (ein Autor, den sie respektierte, aber nicht liebte) den letzten großen amerikanischen Roman dar. Natürlich waren Philip Roth und John Updike gute Schriftsteller, aber sie konnte für das, worüber sie schrieben, keine Begeisterung aufbringen. Den Einfluss Raymond Carvers auf die amerikanische Prosa hielt sie für wenig begrüßenswert. «Nichts gegen Minimalismus», wie sie sagte; nur könne sie sich einfach nicht für jemanden begeistern, «der genau so schreibt, wie er redet».
Statt dessen begeisterten sie die Werke der Europäer: Italo Calvino, Bohumil Hrabal, Peter Handke, Stanislaw Lem. Diese – und Lateinamerikaner wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar – hielt sie für weitaus kühner und origineller als ihre weniger ambitionierten amerikanischen Landsleute. Jede Art erfindungsreichen, Form- oder Genre-verändernden Schreibens bezeichnete sie als Science Fiction, im Gegensatz zum banalen zeitgenössischen amerikanischen Realismus. Diese Form von Literatur war es, nach der ein Autor ihrer Meinung nach streben musste, nach der auch sie selbst strebte und in der sie eine Zukunft sah.
Ich kann mich an kein einziges von ihr empfohlenes Buch erinnern, das ich nicht gern gelesen hätte. Bei einer unserer letzten Begegnungen war es W. G. Sebalds «Die Ausgewanderten», worüber sie unaufhörlich redete. Es sollte zu einem meiner Lieblingsbücher werden und Sebald zu einem wichtigen Einfluss – und auch in diesem Fall hat sie mich erst auf ihn gebracht. Ich hätte jede Buchempfehlung von ihr beherzigt. Was das Schreiben anbelangte, sah die Sache allerdings etwas anders aus.
Es dauerte Wochen, bis ich den Mut aufbrachte, ihr etwas von meiner Arbeit zu zeigen, obwohl sie immer wieder nachhakte («Ich sterbe vor Neugier!»). Die Geschichte, die ich ihr schließlich zu lesen gab, war gar keine Geschichte, sondern etwas in der Art, wie es Flannery O’Connor (noch eine amerikanische Autorin, die Susan nicht liebte) im Sinn hatte, als sie klagte, Prosaschriftsteller befassten sich «vor allem mit unausgegorenen Ideen und Gefühlen». Susan sah das Problem sofort. «Du brauchst einen Agon», sagte sie. Und dann musste sie mir natürlich erklären, was sie damit meinte.
Manchmal warnte sie mich davor, allzu explizit zu sein, und empfahl mir, elliptischer zu schreiben und meine Prosa stromlinienförmiger zu gestalten, um ihr mehr Schubkraft zu geben. «Wenn es eines gibt, was uns der Modernismus gelehrt hat, dann dies: dass Geschwindigkeit alles ist.» Einen Abend als schwül zu bezeichnen sei genauso schlimm, wie über jemanden zu sagen, er habe distinguierte graue Schläfen.
Davon abgesehen ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben, was mir in Bezug auf meine Arbeit weitergeholfen hätte. Das Problem lag größtenteils bei mir: Ich war genau wie viele meiner künftigen Studenten. Viele junge Leute, die schreiben, wollen gar keine Kritik hören, sondern ausschließlich Lob. Und Susan lobte, sogar über die Maßen. («Ich bin so erleichtert», gestand sie, nachdem sie zum ersten Mal etwas von mir gelesen hatte. Und man merkte ihr an, dass es wirklich so war. Sie hatte in Schreibseminaren unterrichtet und wusste, dass ein Master-Titel noch lange nicht heißen musste, dass jemand auch nur einen einzigen Satz zu Papier bringen konnte.) Aber da ich ihre Prosa nicht mochte – da ich an ihrem Stil, ihrem Sprachgebrauch so wenig Bewunderswertes sah –, hielt ich das, was sie über das Schreiben zu sagen hatte, für wenig vertrauenswürdig.
«Andere versuchen, niemals dasselbe Wort zweimal in einem Satz zu verwenden. Ich verwende ungern dasselbe Wort zweimal auf derselben Seite.» Das war Angeberei – genau wie ihre ständige Behauptung: «Jedes Komma ist mir wichtig». Eine selbstbewusstere Autorin wäre nicht so furchtsam und kategorisch gewesen, dachte ich. Eine selbstbewusstere Autorin wäre auch nicht so abhängig vom Thesaurus wie sie. Etwas anderes, wovon sie sich beim Schreiben oft abhängig machte, war jemand, der sich mit ihr zusammensetzte und stundenlang an ihren Texten feilte. Manchmal wohnte diese Person tagelang bei ihr zu Hause, und die beiden saßen in Susans Zimmer, diskutierten jede Idee, jeden Satz und jedes Komma. Ich kenne niemanden sonst, der so arbeitet, wobei Susan von dieser Methode offensichtlich profitierte, und sie sagte immer, sie sei dabei viel glücklicher, als wenn sie allein arbeiten müsse.
Sie hasste es überhaupt, etwas allein zu tun, und wenn Einsamkeit im Leben eines Autors eine Notwendigkeit ist, versuchte sie diesen Zustand doch, so weit es ging, zu vermeiden. Anders als andere Autoren, die ich kennengelernt habe, reichte sie ihre Texte außerdem gern in verschiedenen Stadien der Vollendung herum. Viele ihrer unfertigen Texte gab sie David, mir und diversen anderen Leuten zu lesen. Einmal holte ich sie zu Hause ab (David und ich waren zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr zusammen), und als Erstes legte sie mir eine vorläufige Fassung von «AIDS und seine Metaphern» vor. Sie wollte, dass ich die gesamten hundert Seiten an Ort und Stelle las; das Abendessen konnte warten.
Auf einer meiner Manuskriptseiten umkringelte sie das Wort hurried. «Denk mal drüber nach. Beeilen sich Leute eigentlich wirklich? Oder sagen wir das nur so? Hasten sie nicht eigentlich eher? Ich würde es ändern und hastened schreiben.»
Ich nahm den Rat nicht an.
In den meisten Fällen lehnte ich ihren Rat sogar ab, und das kränkte sie. Es muss arrogant und respektlos gewirkt haben (so kommt es mir jedenfalls heute vor – und auch dumm). Und sie war nachtragend. In späteren Jahren bat sie mich um einen Text, und als ich ihn ihr gab, kümmerte sie sich nicht darum. Obwohl sie immer wieder nachfragte, gab ich ihr danach nie wieder etwas zu lesen, und irgendwann hörte sie auf zu fragen. Als ich ihr zum letzten Mal etwas gab (eine frühe Fassung des ersten Kapitels dessen, was mein erstes veröffentlichtes Buch werden sollte), vergingen Monate ohne Rückmeldung. Irgendwann aßen wir zusammen zu Abend, und ich fragte sie, ob sie den Text je gelesen habe. «Natürlich habe ich ihn gelesen», sagte sie fast beleidigt. «Ich habe ihn sofort gelesen.» Aber mehr war aus ihr nicht herauszubringen.
Als ich anfing, meine Geschichten an Literaturzeitschriften zu schicken, tat sie, als wäre es meine Schuld, wenn sie abgelehnt wurden. «Du brauchst unbedingt eine Veröffentlichung», sagte sie in einem Tonfall, der mich demoralisieren musste. Und einmal sagte sie vor mehreren Leuten zu mir: «Jeder andere veröffentlicht seinen Mist. Warum nicht auch du?»










