Ich müsste rauchen. Seit Jahrzehnten ist das klar. Dummer- oder praktischerweise wird mir davon übel, außerdem habe ich höllische Angst vor der Abhängigkeit. So einen Genuss kriege ich nie mehr in den Griff. Also denke ich, kaum sitze ich am Schreibtisch: Eigentlich müsstest du jetzt rauchen, aber du rauchst ja nicht. Gut so: Das wären mindestens 40 am Tag! Wie gesund und vernünftig ich mich fühle. Gäbe es da nicht die Stimme, die flüstert: Fürs Schreiben wär’s aber gut! Inzwischen bin ich auf einen Hund gekommen. Und auf Schokolade. Beides gehört zusammen. Ein schöner Schreibstoff, diese Zunge und Gehirn umschmeichelnde kakaohaltige Masse, die zudem langfristig das Sitzen erleichtert, weil man so ungemein weich wird davon. Schweren Herzens versuchte ich bereits vor Jahren, von dieser figurintensiven Ersatzsucht wieder loszukommen. Schon Ersatz ist schlimm. Ersatz ist wie löslicher Kaffee. Ersatzersatz indes ist wie löslicher entcoffeinierter Kaffee. Ich weiß, wovon ich spreche, lebe ich doch seither in Zeiten des Ersatzersatzes. Bevor ich anfangen kann zu schreiben, stelle ich zur Ablenkung ein Getränk auf. Tee, Wasser, meist beides. Natürlich schüttet man so etwas mal um, ich schreibe mit einem Notebook, reiße es hoch, bislang haben wir Glück gehabt. Der Hund schläft weiter, ich war schon draußen mit ihm, also kann ich ein klitzekleines Stück Schokolade essen. Ich lutsche, lutsche Stück zwei, und arbeite, für zehn Minuten ist alles perfekt. Fehlt nur noch der Ersatzersatzstoff für die 1355,6 fehlenden Romanschreibstunden. Vor Jahren schon hätte ich Aktien meiner bevorzugten Kaugummimarke kaufen sollen. Ein Kaugummistreifen, zuckerlos und zahnpflegend, enthält nur sieben Kalorien. Auch das Kettenkaugummikauen ist kein Problem. Einzig Bubblegum ist nicht zu empfehlen: klebt für immer am Bildschirm. Endlich könnte es jetzt losgehen mit «dem Schreiben». Da grunzt der Hund unnachahmlich entspannt zu meinen Füßen. Was der schläft! Wie ansteckend das ist. Ich schlüpfe aus den Schuhen, damit ich mich selbst nicht höre, und schleiche in die Küche. Ein kleiner Keks wird ja mal erlaubt sein. Zufall, versteht sich: P.S. Für diesen Text wurden 1,5 Tassen Tee, drei Kekse und ein Stück Zartbitterschokolade verbraucht Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, lebt seit 1994 in Berlin. Sie schreibt Lyrik, Prosa und
Womit die traurige Wahrheit meines Schriftstellerlebens bereits jetzt ans Tageslicht kriecht: Ich lebe von Ersatzstoffen. In den Ökozeiten versuchte ich es mit ungeschrotetem Weizen und anderem Hülsenzeug. Gut für die Verdauung, schlecht für den Text. Der Versuch verzögerte mein erstes Buch um mindestens ein Jahr. Ich hatte damals eindeutig eine bessere Figur als heute und war daher auch anderweitig abgelenkt.
diese schmelzende, gehirnantreibende, dunkelbraune Schicht, die ihm den Rücken stärkt.
Essays. 1995 erschien ihr erster Gedichtband «Gedächtnisschleifen», 2002 ihr Debüt-Roman «Mitgift»; zudem übersetzt sie aus dem Englischen: Louise Glück, Charles Simmons, William Shakespeare und Gertrude Stein. Soeben erschien ihr neuer Roman «Vorliebe» (siehe S. 79 in diesem Heft)
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schreiben
Stoffwechsel
von 10. Februar 2010
Ulrike Draesner
Foto: André Karwath
Stoffwechsel
Kettenkaugummikauen, Ersatzersatzmittel: Schreibmobilisierungsmaßnahmen. Von Ulrike Draesner.
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