Die Adaption von Michael Morpurgos Jugendbuch „Gefährten“ ist vielleicht Steven Spielbergs bester Film geworden. In einem märchenhaften Drama erzählt er die Leidensgeschichte eines zwangsrekrutierten Kriegspferdes
Als kleines Kind liebte ich Max Kruses Urmelbücher bis auf das eine, das aus der Perspektive der Schweindame Wutz geschrieben war. Nach jedem zweiten Satz grunzte die Erzählerin ihr charakteristisches «öff-öff». Ein sprechendes Schwein? Durch diese Abneigung vorgeprägt musste mir auch Michael Morpurgos Roman «Gefährten» einigermaßen suspekt erscheinen.
Erschließt sich doch dieses märchenhafte Drama über die heroische Leidensgeschichte eines zwangsrekrutierten Kriegspferds aus der Perspektive seines Protagonisten: Es ist braun, trägt einen weißen Flecken zwischen den Augen und ebensolche «Socken» und hört auf den Namen Joey. Ich zweifele nicht daran, dass es begabte Pferde gibt, die sehr verständig auf das reagieren, was man ihnen in die Ohren flüstert. Doch selbst, wenn mir gleich mehrere Lehrer den Rat gaben, das Denken getrost den Pferden zu überlassen – schließlich hätten sie die größeren Köpfe – glaube ich doch nicht, dass sich in deren Innern selbst schicksalshafte Erlebnisse zu schönen Worten formen.
Es müsste doch eine andere Möglichkeit geben, diese wirklich bewegende Fantasie aus dem Ersten Weltkrieg zu erzählen, ohne dabei Joeys Perspektive aufzugeben: Wie er von einem jungen Bauernsohn daran gewöhnt wird, einen schweren Pflug zu ziehen - und so das Rüstzeug erwirbt, einem mörderischen Fronteinsatz zu trotzen.
Denn ganz gleich auf welcher Seite der treue Hengst auch seinen Dienst tut – stets muss er schwere Artillerie durchs raue Land bewegen, wobei seine Leidensgefährten reihenweise ihr Leben lassen. «War Horse», wie Buch und Film etwas prosaischer im Original heißen, verklärt in dieser Hinsicht nichts: In diesem Krieg – und wohl auch in jedem anderen – sind Tier und Mensch Kanonenfutter.
Im Londoner Westend und an New Yorks Broadway hat eine erfolgreiche Theaterproduktion das Pferde-Englisch bereits in ein kunstvolles Puppenspiel mit menschlichen Nebendarstellern übersetzt. Eine andere Möglichkeit, dieser Figur auch ohne inneren Pferdemonolog die Treue zu halten und dabei doch stets ein komplettes Bild zu zeichnen, bietet das Kino. Wenn dieses sympathische aber stilistisch doch nicht wirklich überzeugende Buch jetzt an Steven Spielberg geriet, ist das eine ähnlich glückliche Fügung, wie sie auch Joey auf seiner Odyssee immer wieder erleben darf, wenn er selbst im Feindesland auf Pferdefreunde trifft.
Steven Spielberg, der mit 29 Jahren bekannt wurde, weil er einen Gummihai zum modernen Moby Dick erhoben hatte, hat einen wunderbaren Film gedreht und dabei die einzig adäquate Sprache für eine Tiergeschichte gefunden: Es ist die Sprache von Bildern und Tönen. «Gefährten» ist trotz des Ernstes seines Kriegsthemas ein Epos von schwelgerischer Sinnlichkeit. Nicht, dass es nicht auch Dialog gäbe, und der ist sogar besonders präzise und geschliffen. Doch Spielberg reduziert ihn auf ein Minimum. Die universelle Sprache dieses Films passt zu seinem pazifistischen Thema.
Kein Film, den er sich privat ansehe, behauptete der Regisseur einmal, sei jünger als siebzig Jahre. «Gefährten» erinnert mit seinen weiten Panoramen und den satten, von Gefühl getränkten Farben an die Dramen von John Ford. Spielberg gehört zu den ganz wenigen Regisseuren, die sich daran messen können. Und «Gefährten» ist vielleicht sein bester Film.
Gefährten. USA 2011, Regie: Steven Spielberg. Mit Jeremy Irvine, Emily Watson, David Thewlis. 146 Minuten.
Michael Morpurgo: Gefährten. Aus dem Amerikanischen von Klaus Fritz. Carlsen, Hamburg 2012, 167 Seiten, 6,95 Euro.











