Das Abendland war schon immer im Begriff unterzugehen. Ein Blick auf den malenden Intellektuellen Pieter Bruegel legt nahe, dass es unklug wäre, die Europa- auf eine Eurokrise zu reduzieren
Vielleicht hilft es ja, unseren mit Melancholie geschlagenen Europapatriotismus aufzuhellen, indem wir uns klar werden, dass das Abendland immer schon im Begriff war unterzugehen. Es muss am Namen liegen, wenn über dieser Weltgegend die Sonne unentwegt sinken will. Auch Pieter Bruegel der Ältere hat es so empfunden. Das Dämmerlicht, in das seine „Landschaft mit Ikarussturz“ getaucht ist, belegte er daher auch mit einem humanistischen Argument. Als gelernter Kupferstecher gehörte er zu den Intellektuellen seiner Zeit. Sein Gemälde ist als gelehrsamer Kommentar auf Ovids Metamorphosen zu lesen.
Ein Fischer, ein Hirte und ein pflügender Bauer hätten den schwebenden Jüngling am Himmel gesehen, schreibt der augusteische Dichter; Bruegel malt die genannten Zeugen, um von der Sage ja kein Jota abzuweichen. Wir sehen den Verwegenen, wie er gerade ins Meer fällt, nachdem er der Sonne zu nahe kam, was das Wachs in den kunstvoll gefertigten Flügeln zum Schmelzen brachte. Er hatte den Rat seines Vaters Dädalus, nicht zu hoch zu fliegen, missachtet.
Spielt der pflügende Bauer zur Himmelsstürmerei etwa den währschaften Widerpart mit Bodenhaftung? Weit gefehlt: Bruegels Bauer bietet nur ein anderes Beispiel für Niedergang. Er steht für den Abschied vom Goldenen Zeitalter, jener Epoche ewigen Frühlings, als der Sammler von Feldfrüchten mit dem sich begnügte, was die freigiebige Natur ihm zum Essen gab. Der Ovid’sche Bauer ist hier biblisch überblendet und hört auf den Namen Kain, den Erfinder des Pflugs. Dessen Mord an Bruder Abel besiegelt im Bruegel’schen Weltbild den Kulturkampf zwischen dem Ackerbau der Sesshaften und nomadischem, dem goldenen Hirtendasein. Hinter dem Acker im Gebüsch liegt eine Leiche, Beleg für die eiserne Zeit der Gewalt. Jean-Jacques Rousseau sollte diese Denktradition später fortsetzen, als er Gold und Eisen als Ursache für die Ungleichheit der Menschen beschrieb.
Bruegels „Landschaft mit Ikarussturz“ ist Zeitkritik. Das Gemälde muss zwischen 1555 und 1569 entstanden sein. Der Krieg zwischen Spanien und Frankreich führte zur ersten kontinentalen Finanzkrise. Der Freiheitskrieg der Niederländer gegen die Spanier, der ebenfalls zu dieser Zeit begann, sollte ein paar Jahrzehnte später in den Dreißigjährigen Krieg münden – einen Kolonialkrieg im Gewand konfessioneller Konflikte. Es ging um nichts weniger als die Neuverteilung der Welt, bei der die alten katholischen Großmächte Spanien und Portugal gegen das anglikanische Großbritannien und das protestantische Holland als Verlierer hervorgehen sollten.
Bruegel glaubte wie Erasmus von Rotterdam an die Unteilbarkeit des Christentums. Der niederländische Humanist sah sich im Zeitalter der Polarisierung zwischen katholischer Inquisition und calvinistischem Gesinnungsterror auf verlorenem Posten: zwischen Scylla und Charybis, sagt uns das Gemälde. Denn der Maler führt uns vor das Panorama der Meerenge von Messina, wo, nach Homer, Odysseus bei der Passage sechs seiner Gefährten verlor.
Das kleine Werk hängt in Brüssel, wo Bruegel wirkte und begraben liegt. In jener Stadt, wo Karl V als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1555 abdankte, wird heute wieder um den Fortbestand der europäischen Einheit gestritten. Konfliktparteien sind eben jene Nationalstaaten, die aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges hervorgegangen waren. Überblickt man die blutige Geschichte Europas, scheinen die vergangenen 67 Jahre relativen Friedens wie ein Wunder. Das eiserne Zeitalter der Kriege ist vorbei. Nur im Zank um das Gold, scheint es, sind wir die Alten geblieben.












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