Deutschlands erfolgreichster Entertainer will sich als Polittalker neu erfinden. Doch sein Konzept hat einen entscheidenden Fehler
Wolfgang Kubicki ist nicht abgeneigt. Klar, könne er sich vorstellen, sich auf einen Schlagabtausch mit Stefan Raab einzulassen, sagt der Muhammed Ali der Liberalen. „Schon allein, um anderen nicht das Feld zu überlassen.“
Will sich der FDP-Fraktionschef als Iron Man versuchen? Hat er schon heimlich Pfannenkuchenwenden trainiert? Keine Angst, es ist nicht Kubicki, der fremdgeht. Es ist Stefan Raab. Der Mann, der die Wok-WM erfunden hat, will sich als Polittalker neu erfinden.
Ab dem 12. November tritt er einmal im Monat gegen einen Mann an, der zwar eloquenter ist als er, dem aber nach einem Jahr in der ARD die Puste auszugehen droht: Marktführer Günther Jauch. „Die absolute Mehrheit“, heißt die neue Talkshow. Und schon der prägnante Titel lässt erahnen, wohin die Reise geht: Noch weniger Talk, noch mehr Show!
Raab ist schließlich Entertainer, der innovativste, den Deutschland hat. Er hat schon die Wok-WM erfunden und das Zerschrotten alter Schleudern zur Unterhaltung erhoben. Entsprechend unkonventionell ist sein Zugang zur Politik.
Er wirbelt das Genre auf, indem er ein Element einführt, das man aus Castingshows kennt. Den Televote. Berufspolitiker, Promis und Normalos sollen pro Folge über gesellschaftlich relevante Themen debattieren. Die Zuschauer entscheiden per SMS oder Telefon, wer sie überzeugt hat. Nun hat ein Polittalk ungefähr so viel mit einer Castingshow gemein wie Gregor Gysi mit Usain Bolt. Im Talk geht es um Pro und Contra, in der Castingshow um On oder Off.
Dass sich der TED nicht eignet, um Menschen an die Politik heranzuführen, die sich sonst schnell wegzappen, wenn Besserwisser bei den „Jauchmaischbergerillnerwillplasbergs“ über den Fiskalpakt und andere Fisimatenten schwadronieren, hat schon der Flop der ZDF-Show „Ich kann Kanzler“ gezeigt.
Doch das schreckt den Raabinator nicht ab, es fordert ihn heraus. Er hat der ARD schon demonstriert, wie man eine Gewinnerin für den Eurovision Song Contest castet. Per Televote. Jetzt will er beweisen, dass sich dasselbe Instrument auch eignet, den Polittalk zu revolutionieren. Der, findet der Entertainer, sende einen „oft ins Koma“. Die immer gleichen Experten zerredeten die immer gleichen Themen. Der Erkenntnisgewinn: beschränkt.
Bei Raab soll der Zuschauer König werden. Damit er außer der Frisur und dem Charme auch die Argumente der Kandidaten nicht aus dem Auge verliert, hat der Moderator einen Kollegen vom Fach engagiert: Peter Limbourg, Nachrichtenchef der ProSiebenSat.1-Gruppe. Er soll die Ergebnisse zusammenfassen und, wenn nötig, Fachchinesisch übersetzen. Der Kandidat, der die absolute Mehrheit gewinnt, bekommt 100.000 Euro.
Man muss kein Politikwissenschaftler sein, um Bauchweh bei der Vorstellung zu bekommen, wohin dieser verschärfte Leistungsdruck führt. Schon jetzt leiden die Talkshows an der Morbus Kubicki: Sie müssen als Bühne für Kandidaten herhalten, denen es weniger um Argumente als um die Selbstdarstellung geht.














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