Die Filme des spanischen Filmemachers Pedro Almodóvar handeln von menschlichen Obsessionen und den letzten Fragen. Pünktlich zum Kinostart seinens jüngsten Films „Die Haut, in der ich wohne“ ist jetzt ein Bildband erschienen, der das ganze Panorama seines faszinierenden Werks eröffnet
Zwischen andalusischem Flamenco und katalanischer Molekularküche liegen Welten. Und vielleicht sind es historische Gründe, die die immense Kluft erklären, die sich in der spanischen Kultur zwischen traditioneller Härte und unendlicher Verfeinerung auftut. Das Tempo, in dem man sich erst in den siebziger Jahren vom repressiven Franquismus in die Postmoderne katapultierte, war beträchtlich, und weil die Zäsur von ´68 in spanischen Geschichtsbüchern fehlt, kam die Emanzipation im Hauruckverfahren. Bisweilen finden das Ruppige und Feine aber auf grandiose Weise zusammen: so in den Filmen Pedro Almodóvars.
Beim Tod des Diktators im Jahr 1975 war der Regisseur schon 26 Jahre alt und arbeitete für die Verwaltung der staatlichen Telefongesellschaft. Weil Franco die Filmhochschulen geschlossen hatte, konnte er seiner eigentlichen Leidenschaft erst jetzt professionell nachgehen. Fünf Jahre später, sein erster Film: Er handelt von nichts Gewöhnlicherem als einem Erektionswettbewerb in der Punk-Rock-Szene von Madrid. Almodóvar schöpfte aus eigenen Erfahrungen, er pflegte sich nach Feierabend selbst in den grell überschminkten Untergrund der Hauptstadt zu stürzen. Allmählich aber traten melancholischere Stimmungen, Schicksal und Tod in den Vordergrund. Gleich zweimal, in «Matador» (1986) und «Sprich mit ihr» (2002), ging es um Stierkampf, diese Hauptzeremonie des iberischen Existenzialismus. «Alles über meine Mutter» (1999) behandelt die Menschheitsgeißel AIDS in der Erzählform der antiken Tragödie. Die Filme wurden immer filigraner und machten Penélope Cruz und Antonio Banderas zu Weltstars.
Seit letzter Woche läuft «Die Haut, in der ich wohne» im Kino, und auch hier vereint der Meister seine Talente fürs Grelle und Verfeinerte. Die Geschichte eines Schönheitschirguren, der einer Frau aus manischer Hingabe eine den ganzen Körper umspannende zweite Haut schafft, handelt von sexueller Überspannung und dem utopischen Projekt, die Tragödie des Todes zu überwinden. Von Thierry Jonquets gleichnamigem Thriller, auf dem der Film basiert, heißt es, er gleiche einer unheiligen Zusammenarbeit von de Sade und Sartre. Das prunkvoll ausgestattete «Pedro Almodóvar Archiv» aus dem Taschen-Verlag bezeugt von den Anfängen bis heute das Schaffen des großen Regisseurs. Und reserviert ihm einen prominenten Platz im Kanon der Filmgeschichte.
"Das Pedro Almodóvar Archiv", Taschen, Köln 2011. 410 S., 150 Euro.
"Die Haut, in der ich wohne" läuft seit dem 20. Oktober in deutschen Kinos.
Dieser Artikel ist auch in der Ausgabe Oktober/November 2011 des Magazins "Literaturen" erschienen










