Soziale Konstruktion

Die Gendertheorie ist ein kollektiver Irrtum

Kolumne Grauzone: Die Gendertheorie geht davon aus, dass Geschlechter keine natürliche Arten, sondern soziale Konstruktionen sind. Doch Geschlechter sind ebenso wenig eine soziale Konstruktion wie die Methode ihrer Bestimmung, auch wenn diese wissenschaftshistorisch gewachsen ist.

Menschen lassen sich eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen, sagt unser Kolumnist
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Unser Autor

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Die Theorie von der sozialen Konstruktion ist eine der erfolgreichsten Denkansätze des letzten Jahrhunderts. Und einer der folgenreichsten. Denn es gibt kaum etwas, was nicht in dem Verdacht steht (oder gestellt wurde), eine soziale Konstruktion zu sein: Krankheit, Behinderung, Autorenschaft, Quarks, Homosexualität, die Realität an sich.

Der populärste und wirkungsmächtigste Bereich des sozialen Konstruktivismus ist allerdings das Geschlecht. Stichwort: Gendertheorie. Die geht davon aus, dass Geschlechter keine natürlichen Arten sind, sondern soziale Konstruktionen.

Doch lassen wir den Daueraufreger Gendertheorie zunächst beiseite und widmen uns der Theorie dahinter: Dass die Welt um uns herum entweder gar nicht oder ganz anders ist, als wir sie wahrnehmen, hat der eine oder andere Philosoph schon immer vermutet. Allerdings gingen diese Skeptiker (oder auch Antirealisten) stets davon aus, dass die Ursache für die fehlerhafte Weltwahrnehmung in unseren Sinnen liegt, unserer Vernunft oder unserem Denkvermögen – wir würden heute von Kognition sprechen.

Dieser kognitive Konstruktivismus geht von der Erkenntnisleistung des Einzelnen aus. Kollektivirrtümer – etwa, dass die Welt aus einzelnen Dingen besteht – sind aus dieser Sicht das Produkt fehlerhafter individueller Erkenntnisvermögen.

Anders das Argument des sozialen Konstruktivismus: Er geht davon aus, dass Dinge oder Eigenarten sozial konstruiert werden. Soll heißen: in oder mittels der Gemeinschaft. Hier aber liegt das erste von vielen Problemen.

Kultur als Konventionskonglomerat
 

Zunächst: Gemeinschaften sind keine Subjekte. Sie können nichts vereinbaren, verabreden oder konstruieren. Nur Individuen können untereinander Konventionen ausbilden. Das aber ist etwas ganz anderes.

Individuen werden in Konventionen hineingeboren. So ein Konventionskonglomerat nennen wir Kultur. Die Frage lautet also: Was ist kulturell erlernt und was nicht?

Kulturell erlernt sind zunächst alle rein kulturellen Größen: Normen, Werte, Institutionen, Regeln. Da wir solche Dinge mit Substantiven bezeichnen, behandeln wir sie sprachlich als Gegenstände. Das ist irreführend. Es „gibt“ keine Werte. Sie sind tatsächlich soziale Konstruktionen.

Bleiben Dinge oder Eigenschaften in Zeit und Raum. Theoretiker, die behaupten, unsere Realität sei durchweg konstruiert, nennt man radikale Konstruktivisten. Soziale Konstruktivisten sind nicht notwendigerweise radikale Konstruktivisten. Sie behaupten lediglich, dass es Gegenstände oder Eigenschaften gibt, die wir als natürlich wahrnehmen, obwohl sie eigentlich rein kulturell bedingt sind – etwa Krankheiten oder eben das Geschlecht.

Keine Frage: Es gibt solche sozialen Konstruktionen, etwa die Wissenschaften. Die Diagnosen psychischer Erkrankungen zum Beispiel erweisen sich häufig als abhängig von kulturellen Kontexten: Man denke nur an die Neurasthenie Anfang des 20. Jahrhunderts oder ADHS heute. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass alle psychischen Erkrankungen soziale Konstruktionen sind.

Unscharfe und trennscharfe Begrifflichkeiten
 

Soziale Konstruktivisten machen häufig den Fehler, von „nicht eindeutig definierbar“ auf „sozial konstruiert“ zu schließen. Doch so funktioniert Sprache nicht. Viele alltägliche Begriffe sind an ihren Bedeutungsrändern äußerst unscharf. Was noch eine Tasse ist und was schon ein Becher, ist manchmal nicht klar zu entscheiden. Das ändert aber nichts daran, dass die Ausdrücke „Becher“ und „Tasse“ überwiegend sinnvoll und eindeutig verwendet werden können.

Hinzu kommt, dass nicht alle Begriffe unscharf sind. Es gibt eine Reihe von Dingen, die aufgrund eindeutiger Merkmale trennscharf zu bezeichnen sind. Eine Flüssigkeit etwa, deren Moleküle aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht, ist Wasser. Eindeutig.

Ähnlich sieht es mit dem Geschlecht aus. Es mag unromantisch und reduktionistisch klingen, doch die Ausdrücke „Mann“ und „Frau“ verweisen auf eine spezifische Kombination von Makromolekularen Komplexen in den Zellkernen, den Chromosomen. Damit sind Menschen eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordenbar, und auch jene, die eine Chromosomenanomalie haben, sind eindeutig identifizierbar. Die Ausdrücke „Mann“ und „Träger von XY-Chromosomen“ sind bedeutungsgleich, egal was der Mann für Kleidung trägt oder er operativ mit sich machen lässt.

Geschlechter sind ebenso wenig eine soziale Konstruktion wie die Methode ihrer Bestimmung, auch wenn diese wissenschaftshistorisch gewachsen ist.

Kurz: Manche „Dinge“ sind sozial konstruiert, andere nicht. Woran erkennt man aber die ideologisch motivierte Verwendung des sozialen Konstruktivismus?

Typischer Entlarvungsgestus
 

Ideologische Konstruktivisten sind genötigt, ihren Konstruktivismus-Vorwurf zu erweitern. Um etwa zu zeigen, dass das Geschlecht eine soziale Konstruktion ist, muss man wiederum die Wissenschaft als Konstruktion entlarven.

Typisch für den ideologischen Konstruktivismus ist daher auch sein Entlarvungsgestus. Wie die Psychoanalyse, unterscheidet er zwischen dem oberflächlichen Schein und dessen tieferen Ursachen, die es zu demaskieren gilt. Wer dem widerspricht, bestätigt die Theorie nur, da er zeigt, wie sehr er in ideologischen Mustern befangen ist.

Wenn es ein wissenschaftliches Konzept gibt, das offensichtlich sozial konstruiert ist, dann ist es der radikale soziale Konstruktivismus selbst. Er ist ein pseudowissenschaftlicher Taschenspielertrick zu Durchsetzung (wissenschafts-) politischer Interessen. Man sollte sich nicht von ihm beeindrucken lassen.

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