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hören & sehen: Hörbuch

Solches tut zu ihrem Gedächtnis

von 
Bernhard Gleim
11. Dezember 2009
Alexander Kluge. Foto: Kunstmann Verlag
Solches tut zu ihrem Gedächtnis
Gründliche Denkmuskelmassage im Kraftfeld deutscher Erinnerung: Alexander Kluges «Chronik der Gefühle»
Seite 1 von 2

Wer Alexander Kluge lange nicht gelesen oder gesehen hat, bei seinen Fernsehsendungen schon zu müde war und die dickleibigen Bücher aus jüngster Zeit wegen ihres Gewichts umging, der befindet sich vor dem Hören der «Chronik der Gefühle» in einer ambivalenten Erwartungsspannung. Man erinnert sich an kleine Knallfrösche der Erkenntnis. Seltsame Figuren wie Knautsch-Betty, Mutzlaff oder Gabi Teichert (die mit dem Geschichtsspaten) mäandern durchs Gehirn. Aus den Nebelfeldern des Vergessenen ragen große Prosamassive heraus, denen man Erschüt­terung und Klarheit verdankte, etwa die «Schlacht­beschreibung». Fühlt man nicht beim bloßen Namen «Kluge» schon das lebendige Interesse des Autors, der seine Figuren umkreist, seine den Geist anspannende Energie, die einen durch die verschiedenen Realitätsebenen treibt? Erinnert aber auch ungläubiges Staunen, Stirnrunzeln und Skepsis: Stimmt das alles? Wird der Autor jetzt nicht albern?

Am Ende der Reise durch die «Chronik der Gefühle» ist man dann erfrischt wie nach einer gründlichen Denkmuskelmassage. Diese CDs werden künftig als akustischer Führer durch das als Taschenbuch 1,8 kg schwere Werk dienen. Karl Bruckmaier geht nämlich mit der entschlossenen Entdeckerfreude eines Mannes zu Werk, der zwar großen Respekt vor der Leistung des Autors hat und es «repräsentieren» will (deswegen findet sich jedes Kapitel des Buches in einer der 14 CDs), der aber mit dem Mut zur Auslassung andererseits genau die Erzählfäden aus dem kompakten Gewebe der Prosa herauszieht, die ihn interessieren und die nun einen kleinen, eigenen Zusammenhang bilden. Das Schwierigste bei Kluge ist ja die Mannigfaltigkeit der Textsorten. Hochkonzentrierte Passagen, die so mager sind wie das rote Fleisch in einem luftgetrockneten Schinken, stehen Diskursen, Bildern, Ausweitungen und Auslagerungen gegenüber. Bruckmaier bildet diese Vielfalt im Kleinen ab und schafft durch akustische Kontraste, durch eine sparsame, aber folgenreich assoziative Musik, durch Unterbrechungen und Sprecherwechsel eine ungewöhnliche Lebendigkeit: Sein Kluge ist kurzweilig.


Kleist, Hebel – Kluge gräbt weiter

Auf der Suche nach vertrauten Kluge-Stimmen findet man auch die Stimme von Hannelore
Hoger, zum Beispiel in der Geschichte «Trudes Wert» . Es ist die Erzählung einer 81-jährigen Frau, die darauf wartet, in ein Alterheim transportiert zu werden, und einen Rest von Erinnerungsbildern vor der vom Heim verordneten Besitzlosigkeit retten will. Es gibt ja immer auch diese Ebene des juristisch geschulten, knappen, faktisch-logischen Erzählens bei Kluge, das man in seiner konkreten Beispielhaftigkeit mit Kleist und Johann Peter Hebel verglichen hat. Kluge gräbt weiter und erzählt von Trudes «Schicksal»: Tochter, Enkelkinder beim Luftangriff auf Magdeburg  verloren, dann den Sohn. Mit dem Unglück sind Lebensenergie und Emotion der Frau verbraucht, für die überlebende Tochter bleiben nur Missbehagen und das lustlose Gefühl des Aufeinander-Angewiesenseins, die Ehe der vereinsamten Eltern dient der Abdichtung des pochenden Gefühls, am Tod der Kinder schuld zu sein.

Das Bündel von Erinnerungsdokumenten, und dies ist nun gleichsam die dritte Grabung, ist aber nicht nur Erinnerung an das verlorene Glück, nein, dieses Glück selbst ist «falsch»: Vorher schon folgte das Leben der Protagonistin einer bloßen Einrede von Glück, war schief zusammengesetzt. Der Satz vom richtigen Leben, das es im falschen nicht geben kann, spiegelt sich in einer Geschichte, in der jemand die falsche Programmierung seines Lebens nicht auflösen kann. Selbst das, was das Innerste der Person auszumachen scheint, identitätsstiftende Erinnerung, «lag zurück, war nie sie».

Hannelore Hoger spürt dieser Geschichte staunend nach. Der helle, bewegliche Impuls dieser Prosa wird mit ihrer dunklen Stimme eher verlangsamt und aufgehalten. So wie man kurz vor der Kasse des Supermarktes sich den Einkaufszettel noch einmal vorliest, um zu vergleichen, ob man etwas vergessen haben könnte.

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