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Salon

Martina Gedeck in „Die Wand“„Sie ist froh, dass die Wand da ist“

Interview mit Martina Gedeck15. Februar 2012
Berlinale
Martina Gedeck, Die Wand, Marlen Haushofer
Die Frau hinter der Wand – „Niemand weiß, was für ein Wesen sie am Schluss ist“
Schrift:

Sie ist die Frau mit der besonderen Stimme – Martina Gedeck. Auf der Berlinale präsentierte sie ihren neuesten Film „Die Wand“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Marlen Haushofer. Nun läuft er in den deutschen Kinos. Cicero Online sprach mit ihr über innere Grenzen, Zweifel und Ängste

Seite 1 von 2

Martina Gedeck spielt in „Die Wand“ – einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Marlen Haushofer – eine Frau, die durch eine unsichtbare Wand plötzlich von der Außenwelt abgetrennt wird. Sie ist allein mit sich und ihren Ängsten und wird vor die unausweichlichen Grundfragen des Lebens gestellt. Nach und nach richtet sie sich ein in ihrer neuen Welt,sie lernt, im Einklang mit der Natur zu leben und sich mit der einzigen Gesellschaft zu arrangieren, die ihr bleibt – ihre Tiere

Frau Gedeck, was ist die Wand für Sie? Welche Bedeutung hat sie?
Die Wand bedeutet, dass man nicht mehr in sein altes Leben zurück kann. Sie ist der Bruch mit dem bisherigen Leben.

Und die Wand hat eine doppelte Funktion: Sie schützt und hält gleichermaßen gefangen.
Ja, ich glaube, dass die Wand der Protagonistin die Möglichkeit gibt, sich neu zu verorten und sich im eigenen Raum anzusiedeln. Das ist für sie, aber im Grunde auch für jeden Menschen wichtig.

Täuscht der Eindruck, dass dieser plötzliche Verlust der Außenwelt für die Frau gar nicht so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick scheint? Die Wand hält sie im Grunde doch auch irgendwie am Leben. Es scheint, als wolle sie diesen geschützten Raum gar nicht wirklich verlassen.
Ja. Sie ist eigentlich froh, dass die Wand da ist. Sie hat ihr bisheriges Leben als von sich selbst entfremdet empfunden. Sie sagt ja selbst, dass sie eigentlich nie in ihrem eigenen Leben angekommen ist. Sie ist fremdbestimmt, unglücklich. Hinter der Wand aber geht es ihr besser und besser, obwohl sie sich dort natürlich mit einem schweren und harten Leben konfrontiert sieht. Aber die Grundlagen werden besser: Sie fühlt sich identer mit sich, sie fühlt sich wohler. Am Schluss des Films sagt sie sogar, dass sie weiß, dass dies noch nicht das Ende ist. Das ist doch großartig, wenn man das sagen kann.

Der Film endet dann auch mit dem Beginn neuen Lebens: Die Kuh erwartet ein neues Kalb. Trotz aller Schwere senden Film und Buch am Ende ein leises, positives Signal des Aufbruchs.
Sie ist zunächst sehr traurig, weil sie weiß, ihre nach und nach sterbenden Tiere Perle, Luchs und Stier wird es nicht mehr geben. Sie weiß aber auch, dass etwas Neues heranwächst und sie sich diesem Neuen nicht entziehen kann und will. Und dann gibt es ja noch die weiße Krähe, die sie jeden Tag füttert. Die Krähe wartet jeden Tag auf sie. Es ist doch schön zu sehen, dass es immer jemanden gibt, der auf einen wartet.

Im Grunde durchzieht Film und Buch eine permanente Traurigkeit, die aber letztlich immer versöhnlich wirkt. Wie würden Sie die Grundstimmung beschreiben?
Es gibt so etwas wie eine Schwere, eine Last, die die Protagonistin trägt, tragen muss. Sie muss gegen Widrigkeiten ankämpfen und braucht alle Kraft, um das Notwendige für sich überhaupt sicher zu stellen. Und das heißt, dass das Leben hinter der Wand sie sehr viel Energie kostet. Es gibt wenige leichte Momente. Sie ist permanent damit beschäftigt, für sich und die Tiere zu sorgen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was Martina Gedeck speziell an dieser Rolle gereizt hat

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Die Wand

Sicher ein sehr nachdenklich machender Film mit einer intelligenten Schauspielerin. Nach dem wenigen, das ich bisher von dem Film kenne, scheint mir die politische Brisanz des Buches aber keineswegs auf dem Weg in den Film verloren gegangen zu sein. "Sie geht mit der Wirklichkeit um. Mit dem, was da ist und nicht mit dem, was sein müsste." Dieser Satz berührt mich als ehemaligen DDR-Bürger sehr. Ihn sollten Besserwessi genau lesen. Leute, die uns bis heute darüber belehren wollen, wie wir hätten leben müssen, hinter der Wand, wo man sich sein Leben einrichtete mit dem, was da war und nicht mit dem, das hätte sein müssen.

  • Antworten
Max Hoffmann07.10.2012 | 17:11 Uhr

Mikrokosmos als Schutzgebiet

Sehr spannend die Antwort auf die Frage, ob die Frau nicht insgeheim froh ist, hinter der Wand bleiben zu können. Eben diesen Eindruck hatte ich auch im Film, denn ich fand, dass die Frau weitaus größere Anstrengungen hätte unternehmen können, um die Wand zu überwinden.

  • Antworten
Stefanie Laube09.10.2012 | 19:20 Uhr

Man muss u.a. bereit sein,

Man muss u.a. bereit sein, sich mit einem so schwierigen Thema wie ‘Depression‘ auseinander zu setzen, um den Film zu verstehen. Man kann sich aber auch an Martina Gedecks Schauspielkunst erfreuen und die tollen Naturaufnahmen genießen. All das sind Erklärungsoptionen zu diesem ungewöhnlichen Film.
Die großartige Martina Gedeck stößt an eine unsichtbare Wand und wird auf sich zurückgeworfen. Um sie herum ist die Welt menschenleer. Ihr bleiben nur Hund, Katze und Kuh als Gesprächspartner. Für die fühlt sie sich verantwortlich. Das motiviert sie, aufzustehen und sich und die Tiere zu versorgen. So beginnt sie uralte, inzwischen nur noch von Spezialisten getane Arbeiten zu erledigen: sie pflanzt, erntet, mäht, melkt die Kuh und geht auf die Jagd. Sie wird autark. Versucht sich über ihre Situation und über sich selbst Klarheit zu verschaffen. Dafür hat sie jede Menge Zeit droben auf der Alm. Die Selbstbesinnung weckt also verloren geglaubte Fähigkeiten.
Und da kann die Interpretation sowohl des Romans von Marlen Haushofer als auch des sich eng daran orientierenden Films von Julian Pölsler einen Schritt weitergehen. Der Mensch wird in einen quasi paradiesischen Zustand zurückversetzt. Er kann eine nie gekannte Freiheit und Unabhängigkeit erlangen auf seiner ‘Insel‘. Und lebt in völligem Einklang mit der Natur. Vorausgesetzt dies kleine Universum ist ihm genug. Und diejenigen, die dieses Paradies bedrohen, müssen bekämpft werden. Die Einsamkeit darf ihm nichts anhaben, menschliche Nähe nicht fehlen. Suizidale Gedanken bleiben außen vor. Was für ein geniales Konstrukt.

  • Antworten
Martin Zopick23.10.2012 | 18:56 Uhr

Das Buch / Der Film : Die Wand

Wie gerne hätte ich erfahren, WIE diese Frau diese unfreiwillige, trostlose und intensive Einsamkeit -vor allem nach Fuchs' Tod- weiter erlebt und überlebt. Vor allem nachdem sie weiß, dass "das Böse" in den Glaskäfig eindringen kann.

  • Antworten
Adelina Santander29.10.2012 | 20:24 Uhr

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