Die Homoehe ist das bestimmende Thema im amerikanischen Wahlkampf geworden. Warum immer wieder diese Aufregung? Cicero hat mit dem Historiker Robert Aldrich gesprochen, der zur Weltgeschichte der Homosexualität forscht
Robert Aldrich ist Professor für Kolonialismus und europäische Geschichte an der University of Sydney
Herr Aldrich, in Ihrem Buch „Gay Lives“ zeichnen Sie die
Lebensgeschichten von 80 schwulen Männern und lesbischen
Frauen nach – vom alten Ägypten bis in die Gegenwart. Sie
haben festgestellt, dass es Homosexuellen trotz massiver
Verfolgungen in allen Teilen der Welt immer auch gelang, zu leben
und zu lieben …
Viele der Menschen, von denen ich in meinem Buch erzähle, haben
natürlich extrem unglückliche Leben geführt. Viele von ihnen
starben einsam, einige von ihnen wurden ihrer Homosexualität wegen
sogar hingerichtet. Aber andererseits bin ich auch auf
überraschend viele glückliche Lebenswege gestoßen, auf romantische
Beziehungen und erfüllte Sexualleben.
Ich glaube, dass uns das etwas über die Widerstandsfähigkeit der menschlichen Psyche sagt und auch etwas darüber, dass Menschen sehr geschickt darin sind, Räume zum Ausleben ihres Begehrens zu schaffen – selbst wenn es ihre Umwelt ihnen zu verbieten scheint.
Barack Obama hat sich vor ein paar Wochen offiziell für
die Homoehe ausgesprochen. Wie kommt es, dass Rechte für Schwule
und Lesben in einem Land wie den Vereinigten Staaten immer noch so
ein kontroverses Thema sind?
Obamas Erklärung hat mich, ehrlich gesagt, überrascht. In keinem
anderen entwickelten Land ist der Einfluss religiöser
Fundamentalisten so groß wie in Amerika. Die Homoehe ist dort
deshalb ein besonders heikles Thema, obwohl einige Umfragen zeigen,
dass sie inzwischen von der Mehrheit der Amerikaner unterstützt
wird.
Woher kommt der immer noch intensive Hass bestimmter
Bevölkerungsgruppen auf Schwule und Lesben?
Rechte für Homosexuelle scheinen eine der letzten Bastionen für
rechte Fundamentalisten zu sein, die in den vergangenen Jahrzehnten
ihre Kämpfe gegen Frauenrechte, gegen Scheidung und Verhütung,
gegen sexuelle Aufklärungin den Schulen und andere in ihren Worten
„moralische“Themen verloren haben.
Homosexuelle erfüllen für sie dabei eine Sündenbockfunktion. Sie bringen sie fälschlicherweise mit politischem Aufruhr in Verbindung, mit moralischer Korruption und anderen gefährlichen Verhaltensweisen – in dieser Hinsicht sind sie tatsächlich Stalinisten und Nazis nicht unähnlich.
Schwule und Lesben sind für sie ein Symbol für Lust und Toleranz, für die Erfindung neuer Lebensstile. Über diesen Umweg gelingt es ihnen auch, auf andere Minderheiten zu zielen, die anzugreifen nicht mehr ganz so einfach ist wie früher.
Natürlich ist auch in anderen entwickelten Ländern nicht
alles rosig, was die Rechte von Schwulen und Lesben betrifft.
Heiraten oder Kinder adoptieren dürfen sie zum Beispiel auch in
Deutschland nicht …
Selbst in den europäischen Ländern oder auch bei uns in Australien
gibt es immer noch strikte Grenzen, was die soziale Toleranz von
Homosexualität betrifft, vor allem, wenn es um Fragen von
Erbschaft, Aufenthaltsstatus und Adoption geht. Auch hier müssen
wir noch einen weiten Weg zurücklegen: Schwule Männer werden immer
noch von einigen als Pädophile gesehen, immer noch wird oft davon
ausgegangen, dass homosexuelles Verhalten die soziale Ordnung
unterminiert. Es muss zu mehr echter Akzeptanz kommen und vor allem
zum Schutz durch konkrete Gesetze.
Gibt es Liebe unter gleichgeschlechtlichen Paaren?












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