Kannte Jensen das biblische Wort «Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge»? Der Brügger Ex-Inspekteur und Hobby-Physiker sitzt in der dämmrigen Salvatorkirche vor dem ruhig brennenden Ewigen Licht. Er versucht, sich zu erden, eine Theorie zu finden, die ihm kompassgleich den Weg durch den Strudel der Ereignisse weisen würde. Ein Fremder, ein Afrikaner, hat ihn vor dem Umgang mit einer Frau gewarnt, deren Namen er noch nie gehört hat. Lachhaft! Der Schweizer Linus Reichlin hat seinem ersten, doppelt prämierten Roman um den Ex-Polizisten Jensen nun mit «Der Assistent der Sterne» eine so wunderbar fabulierte und elegant geschriebene Fortsetzung hinterhergeschickt, dass man sich unausweichlich nach einem dritten Band sehnt. Mit Leichtigkeit, fast schwerelos hat er den aufregend verwickelten Plot mal in ironisch gefärbte, mal philosophisch angeleuchtete Reflexionen über Liebe, Alter und Tod eingearbeitet. Linus Reichlin Chelsea Cain Petra Ivanov
Schon seine Exkursion unter Leitung des Physikprofessors De Reuse ins winterfinstere Island hatte eine bizarre Wendung genommen. Nur die abenteuerlichste Flucht rettete Jensen, gemeinsam mit De Reuses Assistentin, zurück ins frostige Brügge. Und nun: Diese Liebhaberin einer Nacht biss ihn leidenschaftlich und so tief in den Hals, dass das entzündete Wundmal behandelt und unter einem Schal versteckt werden muss. Ist das ein Grund, vor der schwangeren Freundin niederzuknien? Vielleicht nicht. Ahnungslos aber ist er jener Frau allzu nahe gekommen, schuldlos hat er einen Tod verursacht. «Herrgott noch mal! Er hatte doch einfach nur eine Gelegenheit ergriffen. Seit Margaretes Tod hatte er mit drei Frauen je einmal geschlafen, verteilt über einen Zeitraum von fast dreizehn Jahren. Noch seltener waren nur Walsichtungen im Mittelmeer.»
Im Gegensatz zur atavistisch zubeißenden Frau ist Gretchen Lowell eine Künstlerin, eine Chirurgin des Todes. Sie weiß mit Hammer und Nagel ebenso geübt und inspiriert umzugehen wie mit einem Skalpell. Ihre Morde sind äußerst publikumswirksam, ihre Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt wird von einer aberwitzigen Sympathiewelle getragen. Herzförmige digitale Schlüsselanhänger zählen ihre Tage in Freiheit. Ihr Verfolger, Detective Archie Sheridan, robbt sich in einer Nervenklinik ins Leben zurück. Seine Milz hatte die ebenso attraktive wie grausame Organjägerin ihm aus dem Leib geschnitten und per Kurier an die «Beauty-Killer-Task-Force» verschickt. Sie hatte ihn an sich gebunden und wieder abgestoßen. Als die 1972 in Iowa geborene Journalistin Chelsea Cain die Serienmörderin Gretchen erfand, wurde diese Figur als weiblicher Hannibal Lecter verkaufsträchtig in die Werbemaschinerie eingespeist. Sie
teilt jedoch weder dessen geschmäcklerischen Kannibalismus, noch erfahren wir in Cains Thriller irgendetwas über das Psychogramm und die traumatische Genese einer Massenmörderin. Gretchen Lowell ist im Gegensatz zum Forensischen Psychiater Lecter geschichtslos. Doch für Freunde gepflegter Abartigkeiten und hollywoodesken Talmis ist dieser spannend erzählte Splatterkrimi eine empfehlenswerte Bettlektüre.
Was man von Petra Ivanovs beunruhigend genau recherchiertem Roman «Fremde Hände» nicht sagen kann. Als die ehemalige Journalistin im Auftrag des Schweizer Kirchlichen Hilfswerks durch Albanien reiste, sagte ein Mädchen in Tirana zu ihr: «Wenn du einen dunklen Mercedes siehst, renn weg» – Jäger und Sammler von frischem, jungem Frauenfleisch sind unterwegs und feiern die durchlässigen Grenzen. In der Züricher Müllverbrennungsanlage wird eine verschweißte Autodachbox gefunden, aus der ein rot lackierter Fingernagel ragt. Bezirksanwältin Regina Flint und Polizist Bruno Cavalli, die sich nach einer gescheiterten Beziehung widerstrebend als Arbeitskollegen arrangieren müssen, sehen zu, wie die Polizeitechniker im Labor Millimeter für Millimeter ein totes Mädchen freisägen. Aus der künstlichen Welt der «Beauty-Killer»-Serie folgt der Leser dem Züricher Ermittler-Duo auf seiner mühsamen Spurensuche in eine gemeine Wirklichkeit. Das ist spannend und beinhart, schafft aber schlechte Träume und taugt darum als Kopfkissenbuch eher nicht.
Der Assistent der Sterne
Galiani, Berlin 2009. 380 S., 19,95 €
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Gretchen
Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel.
Limes, Zürich 2009. 352 S., 19,95 €
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Fremde Hände. Ein Fall für Flint und Cavalli
Union, Zürich 2009. 444 S., 12,90 €
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lesen: Journal
Sex and Crime
von 11. Dezember 2009
Barbara Oetter
Linus Reichlin: Der Assistent der Sterne / Chelsea Cain: Gretchen / Petra Ivanov: Fremde Hände. Ein Fall für Flint und Cavalli
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