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 > „Sentimentalität ist der Tod“

Salon

Michael Haneke spricht über „Liebe“„Sentimentalität ist der Tod“

Interview mit Michael Haneke1. Oktober 2012
picture alliance
Haneke,Interview,Liebe,Amour
Filme müssen weh tun
Schrift:

Er ist zur Zeit der erfolgreichste Regisseur des europäischen Kinos: Im Interview spricht der Österreicher Michael Haneke über seinen neuen Film „Liebe“, die Angst vor dem Alter – und die Frage, warum gute Filme weh tun müssen

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Herr Haneke, Sie sagen, bei Ihren Filmen sollten im Kino die Sessel klappen, weil sie nicht jedem Zuschauer gefallen dürfen. Warum eigentlich nicht?
Ich habe nicht unbedingt etwas dagegen, wenn meine Filme Gefallen finden. Man arbeitet ja auch für die Anerkennung. Aber ich mache keine Filme, um das Publikum zu erfreuen, sondern um mich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Und um die Menschen bestenfalls dazu zu bewegen, dasselbe zu tun. Da darf ein Film auch schon mal eine Zumutung sein, mit der nicht jeder Zuschauer umgehen kann.

Weil auch die Wirklichkeit eine Zumutung ist?
Ja, in der Regel schon. Jedenfalls ist sie nicht bequem. Das tägliche Leben ist nie  bequem. Kunst, die diesen Ausdruck verdient, muss deshalb genauso eine Zumutung  sein, wie das Leben selbst. Ich mache keine Filme, die der Zerstreuung dienen. Als  Regisseur und Autor habe ich es ganz gern, wenn der Zuschauer getroffen ist und  wenn der Film bei ihm eine Reaktion auslöst. Das bedeutet nicht, dass ich ihn  permanent provozieren und ihm auf die Füße steigen muss. Aber ein guter Film  muss schon weh tun, sonst erreicht er niemanden. Dramatische Kunst lebt vom  Konflikt. Das wiederum mag Teile des Publikums verschrecken. Doch das ist gut so,  weil es dazu gehört.

Nun haben Sie im Mai die Goldene Palme in Cannes gewonnen, die Weltpresse überschlägt sich mit Lob und alle sind begeistert von Ihrem neuen Film. Haben Sie da nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben?
Es ist schon ein wenig befremdlich, wenn auf einmal alle so einverstanden sind mit  dem, was man macht. Vor allem, weil dies früher ja nicht unbedingt immer der Fall  war. Deshalb fragt man sich schon, woran das liegt. Aber mir ist das natürlich lieber, als wenn alle vom bösen Haneke sprechen und sagen, mein neuer Film ist scheiße. Dennoch ist „Liebe“ für den Zuschauer sicher vieles, aber eines nicht: bequem. 

Der Film handelt von einem alten Ehepaar, deren Liebe auf die Probe gestellt wird, nachdem die Frau einen Schlaganfall erleidet und zum Pflegefall wird.  Ein ungewöhnlicher Stoff für ein Haneke-Werk. 
Das höre ich oft. Aber warum eigentlich? 

Sowohl in „Funny Games“ und „Caché“ als auch in „Das weisse Band“ spielt  der Umgang mit körperlicher und psychischer Gewalt eine Rolle. „Liebe“ ist  dagegen ein zärtlicher Film. 
„Funny Games“ war der einzige Film, den ich gedreht habe, um zu provozieren. Seitdem schreibt man mich gerne auf das Thema Gewalt fest. Ich wehre mich aber  dagegen, denn es ist keinesfalls meine Obsession. Dass „Liebe“ sich stark davon  unterscheidet, kann schon sein. Aber das liegt auch am Sujet: Natürlich ist ein Film, der „Liebe“ heißt, viel leiser und zärtlicher als einer, der mit der medialen  Repräsentation von Gewalt spielt. Die Empathie für meine Figuren war jedenfalls in  allen meinen Filmen gleich groß. 

In Ihrem neuen Film zeigen Sie das ganze Leid eines Paares, dass sich der  Unerbittlichkeit des Alters stellen muss. Genauso stark wie die gegenseitige  Liebe, wird dabei das verzweifeltes Festhalten an der eigenen Würde spürbar. 
Wir kämpfen immer um unsere Würde, an jedem Tag und ganz unabhängig vom  Alter. Das ist unser Schicksal. Aber natürlich sind diese beiden Menschen in einer  Situation, die den Kampf um die eigene Würde erbarmungslos macht. Alter und  Krankheit können gnadenlos sein. 

Seite 2: Sentimentalität ist der Tod

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