Er ist zur Zeit der erfolgreichste Regisseur des europäischen Kinos: Im Interview spricht der Österreicher Michael Haneke über seinen neuen Film „Liebe“, die Angst vor dem Alter – und die Frage, warum gute Filme weh tun müssen
Herr Haneke, Sie sagen, bei Ihren Filmen sollten im Kino
die Sessel klappen, weil sie nicht jedem Zuschauer
gefallen dürfen. Warum eigentlich nicht?
Ich habe nicht unbedingt etwas dagegen, wenn meine Filme Gefallen
finden. Man arbeitet ja auch für die Anerkennung. Aber ich mache
keine Filme, um das Publikum zu erfreuen, sondern um mich mit der
Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Und um die Menschen bestenfalls
dazu zu bewegen, dasselbe zu tun. Da darf ein Film auch schon mal
eine Zumutung sein, mit der nicht jeder Zuschauer umgehen kann.
Weil auch die Wirklichkeit eine Zumutung
ist?
Ja, in der Regel schon. Jedenfalls ist sie nicht bequem. Das
tägliche Leben ist nie bequem. Kunst, die diesen Ausdruck
verdient, muss deshalb genauso eine Zumutung sein, wie das
Leben selbst. Ich mache keine Filme, die der Zerstreuung dienen.
Als Regisseur und Autor habe ich es ganz gern, wenn der
Zuschauer getroffen ist und wenn der Film bei ihm eine
Reaktion auslöst. Das bedeutet nicht, dass ich ihn permanent
provozieren und ihm auf die Füße steigen muss. Aber ein guter
Film muss schon weh tun, sonst erreicht er niemanden.
Dramatische Kunst lebt vom Konflikt. Das wiederum mag Teile
des Publikums verschrecken. Doch das ist gut so, weil es dazu
gehört.
Nun haben Sie im Mai die Goldene Palme in Cannes
gewonnen, die Weltpresse überschlägt sich mit Lob
und alle sind begeistert von Ihrem neuen Film. Haben
Sie da nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu
haben?
Es ist schon ein wenig befremdlich, wenn auf einmal alle so
einverstanden sind mit dem, was man macht. Vor allem, weil
dies früher ja nicht unbedingt immer der Fall war. Deshalb
fragt man sich schon, woran das liegt. Aber mir ist das natürlich
lieber, als wenn alle vom bösen Haneke sprechen und sagen, mein
neuer Film ist scheiße. Dennoch ist „Liebe“ für den Zuschauer
sicher vieles, aber eines nicht: bequem.
Der Film handelt von einem alten Ehepaar, deren Liebe auf die Probe
gestellt wird, nachdem die Frau einen Schlaganfall erleidet und
zum Pflegefall wird. Ein ungewöhnlicher Stoff für ein
Haneke-Werk.
Das höre ich oft. Aber warum eigentlich?
Sowohl in „Funny Games“ und „Caché“ als auch in „Das
weisse Band“ spielt der Umgang mit körperlicher und
psychischer Gewalt eine Rolle. „Liebe“ ist dagegen ein
zärtlicher Film.
„Funny Games“ war der einzige Film, den ich gedreht habe, um zu
provozieren. Seitdem schreibt man mich gerne auf das Thema Gewalt
fest. Ich wehre mich aber dagegen, denn es ist keinesfalls
meine Obsession. Dass „Liebe“ sich stark davon unterscheidet,
kann schon sein. Aber das liegt auch am Sujet: Natürlich ist ein
Film, der „Liebe“ heißt, viel leiser und zärtlicher als einer, der
mit der medialen Repräsentation von Gewalt spielt. Die
Empathie für meine Figuren war jedenfalls in allen meinen
Filmen gleich groß.
In Ihrem neuen Film zeigen Sie das ganze Leid eines
Paares, dass sich der Unerbittlichkeit des Alters stellen
muss. Genauso stark wie die gegenseitige Liebe, wird dabei
das verzweifeltes Festhalten an der eigenen Würde
spürbar.
Wir kämpfen immer um unsere Würde, an jedem Tag und ganz unabhängig
vom Alter. Das ist unser Schicksal. Aber natürlich sind diese
beiden Menschen in einer Situation, die den Kampf um die
eigene Würde erbarmungslos macht. Alter und Krankheit können
gnadenlos sein.
Seite 2: Sentimentalität ist der Tod











