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 > Selbstporträt des Hitler-Jungen Joseph Beuys

Salon

Kunst und PolitikSelbstporträt des Hitler-Jungen Joseph Beuys

Von Beat Wyss25. November 2012
picture alliance
Joseph Beuys,Kunst,Die Revolution sind wir,Kunsthalle Karlsruhe
Joseph Beuys: „La Rivoluzione siamo Noi“ („Die Revolution sind wir“), Lichtdruck auf Polyesterfolie, 1972, Edition von 180
Schrift:

Deutschrömertum im Geiste des Sozialismus: Wie das Selbstporträt des Hitler-Jungen Joseph Beuys zu einer Ikone der Toskanafraktion wurde

Was da wirkt wie ein Schnappschuss, ist sorgfältig vorbereitet. Das Foto, aufgenommen von Giancarlo Pancaldi, entstand vor dem Eingang der Villa Orlandi auf Anacapri im Oktober 1971. Beuys hatte die Haltung genau einstudiert: Ruhig, aber entschlossen will er voranschreiten wie der Anführer eines imaginären Aufstands, einen endlosen Strom von Gleichgesinnten hinter sich wissend. Wer in den siebziger Jahren studierte, kennt das Gemälde, das Beuys mit dieser Pose zitierte: „Der Vierte Stand“ von Giuseppe Pellizza da Volpedo. Als Poster hing es in Klo, Küche oder Korridor jeder jugendbewegten Wohngemeinschaft.

Das Plakat, das Beuys nach seinem Porträt anfertigen ließ, war hingegen eher ein Blatt für den Kunstfreund. Unter das Bild setzte der Künstler handschriftlich den Titel: „La rivoluzione siamo Noi“ – „Die Revolution sind wir.“ Produziert in einer Auflage von 180 Stück, wurde die Grafik im Rahmen einer Neapler Ausstellung verkauft.

Der Galerist Lucio Amelio hat eine interessante Biografie. Der junge Mann war nach dem Krieg der Kommunistischen Partei beigetreten. Der studierte Architekt sprach perfekt Deutsch, denn er hatte mehrere Jahre in Ostberlin gelebt, wo er im Büro von Hermann Henselmann arbeitete, in dessen Entwurfsbüro die Stalinallee entstand.

Inzwischen allerdings hatte sich der politische Wind in Italien gedreht. Der Fotodruck von „La rivoluzione siamo Noi“ fiel zusammen mit dem kometenhaften Aufstieg der PCI in der Wählergunst. In Enrico Berlinguer hatte sie einen charismatischen Generalsekretär, dessen persönliche Integrität ihn weit über die Parteigrenzen hinaus beliebt machte. Der Antifaschist war von sardischem Adel, einer Familie, tief verwurzelt im Katholizismus des Mezzogiorno. Mit Berlinguer schien ein heiterer Friede möglich zwischen Kommunismus und Christdemokratischer Partei: ein „historischer Kompromiss“, wie ihn etwa Giovannino Guareschi in seinen lustigen Erzählungen von Don Camillo und Peppone vorgezeichnet hatte.

Es sollte nicht dazu kommen. Mit der Ermordung des Christdemokraten Aldo Moro durch die Terrorgruppe der Roten Brigaden war der Traum vom Eurokommunismus mit menschlichem Antlitz schlagartig geplatzt. Persönliche Enttäuschungen in der Politik können Gesinnungen innert Monatsfrist um Jahrzehnte zurückwerfen. Zwischen dem Plakat, das uns in die Revolution einbezieht, und der Ernüchterung im Klima des Deutschen Herbstes liegen nur fünf Jahre.

Aber wir greifen vor, bleiben wir noch einmal beim linken Hochgefühl um 1972, vor 40 Jahren. Weder zuvor noch danach hatte es dieses Deutschrömertum im Geiste des Sozialismus gegeben. Das Beuys-Plakat ist eine Ikone der Toskanafraktion. Wer aber den Werdegang unseres Protagonisten betrachtet, würde ihm diese Führungsrolle wohl nicht unbedingt zubilligen wollen.

Der hier im Bild imaginär aufmarschiert, war begeisterter Hitler-Junge und freiwilliger Bordfunker in Görings Luftwaffe gewesen. Seine Einheit hatte eine Basis auf dem Flugplatz von Foggia, wo er zusammen mit Fliegertruppen Mussolinis Maschinengewehre testete. Foggia, im mittelitalienischen Gargano, war günstig gelegen für gelegentliche Operationen der Flugstaffeln in Kroatien, wo man mit der Schwarzen Legion Ustascha zusammenarbeitete. Mit einer Stuka oder der JU 87 war es auch ein Katzensprung in die Krim. Von der Pilotenkanzel herab konnte der nachmalige Künstlerschamane denn auch Zeuge werden, wie Sewastopol unter den Fliegerbomben der Deutschen in Flammen aufging.

Davon hat Beuys nie geredet. Doch das, was er verschweigt, davon redet sein Habitus. Seine Fantasieuniform mit Hut ist das paradoxe Unikat einer Uniform. Beuys erscheint hier als der letzte Überlebende einer aufgeriebenen Armee.

Ich bin froh, später als Beuys geboren zu sein. Vielleicht wäre auch ich ein guter Hitler-Junge geworden.

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Das zum Artikel von WYSS passende Bild findet sich bei google unter "Stalingradwinter" oder bei www.ask23 unter KETZERISCHE KULTURKOMMENTARE mit der Bildunterschrift:
Der Überlebende einer vor Stalingrad aufgerie-
benen Armee – >>IST AUCH ER EIN GUTER HITLER-JUNGE ?<<

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Michael Lingner15.05.2013 | 22:21 Uhr

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