In seiner Samstagskolumne empfiehlt Daniel Schreiber, in den Park zu gehen, innerlich aufzuräumen und Carolin Emckes neues Buch „Wie wir begehren“ zu lesen. Die Publizistin strahlt nämlich nicht nur vor natürlicher Coolness und Klugheit. Sie schreibt auch schöne Bücher
Wahrscheinlich schauen Sie beim Lesen dieser Zeilen sehnsüchtig aus dem Fenster und überlegen sich, in welchen Park Sie gehen sollten, um die famose Frühlingssonne in sich aufzusaugen. Ich habe den Eindruck, dass dies das Beste ist, was Sie an diesem Wochenende machen können. Die Auswirkungen, die solch ein Miniurlaub haben kann, sollten nicht unterschätzt werden. In meiner Erfahrung zeigt die freudige Überraschung, dass man ohne größere dauerhafte Schäden wieder einmal einen dieser Berliner Winter überstanden hat, auch innere Folgen.
Als ich diese Woche vor der Schaubühne am Lehniner Platz stand, wo Carolin Emcke ihr neues Buch „Wie wir begehren“ vorstellte, kam mir ein strahlender Ijoma M. entgegen, dem man bei vielen Premieren und Eröffnungen über den Weg läuft, und rief laut aus „Ah, der Szenekolumnist!“. Bevor ich mich für dieses zweischneidige Kompliment bedanken konnte, fühlte ich mich zur Erklärung genötigt, dass es in dieser Kolumne nicht um Szene, sondern um Gelassenheit gehe. Was natürlich einer gewissen Ironie nicht entbehrt, denn ich bin wohl der am wenigsten gelassene Mensch, den man sich vorstellen kann.
Womit wir beim Thema wären. Denn Ijoma hat natürlich die viel bessere Kolumne, gedruckt und in der besten Wochenzeitung des Landes. Und er schreibt auch noch ganz wunderbar. Mit Carolin, in deren Lesung wir nach einer sehr netten gemeinsamen Zigarette gingen, geht es mir ähnlich: Auch angesichts ihrer Talente werde ich, wenn ich ganz ehrlich bin, zuweilen etwas neidisch. Nicht nur liefert sie seit Jahren beeindruckende Berichte aus den Kriegsgebieten dieser Welt, sondern findet zwischendurch auch noch die Zeit, schöne Bücher zu schreiben und eine Reihe von Preisen entgegenzunehmen, zuletzt den für die Journalistin des Jahres 2010.
Das erste Mal begegnete ich Carolin in New York, sie war eine Freundin von Susan Sontag und deren Sohn David Rieff, und ich interviewte sie für ein Buch, das ich über Sontag schrieb. Es ist kaum möglich, sie nicht zu mögen. Sie strahlt diese seltene Mischung aus natürlicher Coolness und Klugheit aus und ist eine der interessantesten Gesprächspartnerinnen, die man sich vorstellen kann. Als ich sie vor ein paar Wochen zu ihrem neuen Buch befragte, fiel mir auf, dass sie von Sontag einiges gelernt hat.
Nicht nur ist sie in den vergangenen Jahren zu einer ernstzunehmenden Intellektuellenfigur geworden, sie hat inzwischen auch die Überzeugung angenommen, dass ihre persönliche Erfahrung so wichtig ist, dass man der Gesellschaft damit den Spiegel vorhalten kann.
In „Wie w
ir
begehren“ nervt diese Überzeugung manchmal ganz schön.
Vordergründig beschreibt sie darin ihre Coming-of-Age-Geschichte
als Jugendliche im Taunus der 1970er Jahre, die erst mit 25
erkannte, dass sie sich in Frauen verliebt und nicht in Männer. Den
Grund für diese lang anhaltende Ungewissheit sieht sie in der
Sprachlosigkeit, die um sie herum herrschte, wenn es um das Thema
Homosexualität ging. Parallel dazu schreibt sie über Daniel, ein
Schüler, mit dem sie sporadisch zu tun hatte und der sich mit 18
Jahren das Leben nahm. Wenn sie heute an ihn denkt, hat sie das
Gefühl, dass er schwul war und es nicht wusste, dass er
gewissermaßen „an einem einsamen Begehren“ gestorben sei.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Carolin Emcke unseren Kolumnisten neidisch macht











