Schulreform - Hausaufgaben abschaffen? Gefährlicher Unsinn!

Der Autor Armin Himmelrath fordert die Abschaffung von Hausaufgaben in der Schule. Er setzt stattdessen auf selbstgesteuertes Lernen. Doch das ist erlösungspädagogischer Kitsch

Ein Mädchen übt in ihrem Schulheft ihre Hausaufgaben, das große Einmaleins: Schulstoff lernt sich eben nicht von selbst
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Christian Füller arbeitet als Fachjournalist für Bildung und Lernen im digitalen Zeitalter. Zuletzt erschien sein Buch "Die Revolution missbraucht ihre Kinder: Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen". Er bloggt unter pisa-versteher.com. Foto: Michael Gabel

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Die Geschichte ist mehr als 30 Jahre alt. Über viele Seiten arbeitete sich damals ein Magazin daran ab, die Hausaufgaben in den Orkus der Geschichte zu verbannen.

Das Lernpensum der Lehrer für Zuhause mache die Eltern zu „Hilfslehrern der Nation“, so mutmaßte ein Ministerpräsident. Hausaufgaben seien ein großes Risiko für die Lernfreude, wollte ein Autor herausgefunden haben. Und ein Dritter erkannte gar eine „moralische Gefährdung“ der Kinder – denn die würden dazu verleitet, zu lügen und zu betrügen. Klang irgendwie nach Untergang des Abendlandes.

An all dem sollten die Hausaufgaben schuld sein. Das also, was die Lehrer Schülern auftragen, zuhause nachzurechnen, aufzufrischen oder schlicht auswendig zu lernen. Wenn man so will, versuchte sich der Spiegel 1982 an einer pädagogischen Revolution. Nur war es keine, sondern eine kurzsichtige Bilderstürmerei. Denn Hausaufgaben, also Memorieren, Üben und selber Erarbeiten – das wird es solange geben, wie Menschen versuchen, sich gegenseitig etwas beizubringen.

Hausaufgaben seien „eigentlich schwarze Pädagogik“


Aber Geschichte wiederholt sich. Gerade ist ein Buch auf den Markt gekommen, das die alte Leier wieder dreht. Und es benutzt exakt dieselben alten Argumente. Hausaufgaben zwängen die Kinder zum Lügen, machten keinen Spaß – und degradierten den armen Vater zum „Hilfsmittel der Lehrer.“ So jedenfalls beschreibt Autor Armin Himmelrath die Hausaufgaben-Erfahrung mit seinen Kindern in dem Buch „Hausaufgaben – Nein Danke!“ (Hep Verlag).

Himmelrath ist ein kluger Journalist, diesmal aber ist er einem thesenstarken Lektor und seiner eigenen flotten Schreibe aufgesessen. Hausaufgaben seien „eigentlich schwarze Pädagogik“, sagte er in einem Interview. Der Vergleich ist abwegig. Hausaufgaben mögen oft eine Pein sein. Mit Schlägen, Unterwerfung und Missbrauch haben sie nichts zu tun.

Schon allein deswegen, weil heute fast alles anders ist. Hausaufgaben sind inzwischen keine Lehrerdoktrin, sondern eher der verzweifelte Versuch überforderter Lehrer, vollgestopfte Stundenpläne durchzukriegen – und halbwegs Zeichen von Ordnung in heterogenen Klassen zu setzen. Schule hat sich nämlich geändert. Und zwar grundlegend.

Erstens gibt es heute viel mehr Ganztagsschulen als noch vor zehn Jahren. Hausaufgaben im traditionellen Sinne finden dort nicht mehr statt.

Druck entsteht eher von den Eltern


Zweitens wird der Druck auf die Schüler längst nicht mehr von den Lehrern ausgeübt, sondern von den Eltern. Der Pisa-Schock verleitet die Mittelschicht dazu, alles auf eine Karte zu setzen – den eigenen Nachwuchs. Druck entsteht nicht also durch Hausaufgaben, sondern durch ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder bis abends um 21 Uhr mit Büffelei malträtieren. Die Verkürzung des Gymnasiums hat viel zu diesem gruseligen Missverständnis beigetragen.

Es kommt ein Drittes hinzu, das die Entwicklung der nächsten Jahre bestimmen wird: Das Lernen des 21. Jahrhunderts wird die Haus-Aufgabe als Pflicht, die zuhause erledigt werden muss, mehr und mehr ablegen. Schüler werden überall arbeiten, zunehmend außerhalb der Schule, in virtuellen Klassenzimmern, in sozialen Projekten und ab und zu auch zuhause.

Aber die „Schule ohne Hausaufgaben“ darf nicht als unkritische Apologie verstanden werden. Manch einer verkündet schon, mit der Vollendung des reformpädagogischen wie des digitalen Lernens träten wir in das Nirwana des intrinsischen Lernens ein. In diesem Reich des Guten nähmen sich alle Eleven mit großer Freude, Heißa!, Themen, Hefte und Lerngegenstände vor.

Pardon, aber das ist schlimmer erlösungspädagogischer Kitsch, ein gefährlicher noch dazu. Man muss das gar nicht bis in die Grausamkeiten von Landerziehungsheimen und Umerziehungslagern zu Ende erzählen. Es reicht ein Blick in die real existierenden Zwischenreiche des modernen Lernens. Es gibt ja bereits einige sehr fortschrittliche Schulen, deren Idee – kurz gesagt – darin besteht, das Lernen per ordre in ein selbstgesteuertes zu verwandeln, also ohne Hausaufgaben. In diesen Schulen werden überall die gleichen Erfahrungen gemacht.

Viele Schüler sind weiterhin stinkfaul


Ja, es gibt bei Schülern, vor allem Mädchen, große Erfolge, weil sie sich mit Spaß an der Sache selbst Aufgaben stellen – und losspurten. Wunderbar. Lernen aus eigener Motivation geht auch im schulförmigen Stil.

Und, nein, es sind eben lange nicht alle Schüler, die „Heißa“ rufen oder „Ich will lernen“. Sondern viele agieren weiterhin sehr behäbig, sehr abgelenkt durch alte Verführungen (Hormone) und relativ neue (Games). Sie sind, auf gut deutsch, stinkfaul. Eine Eigenschaft, die anscheinend unausrottbar ist. Es ist sicher nicht der Job von Schule, diese Schüler mit dem Rohrstock anzutreiben, was es hierzulande ja ohnehin nicht mehr gibt. Es ist aber eben auch nicht der Job von Schule, Schüler achtlos scheitern zu lassen. Nur weil sie (noch) nicht kapiert haben, dass es verdammt hilfreich sein kann, wenn man Englisch, quadratische Funktionen sowie den Zitronensäurezyklus gelernt hat. Übrigens: In diesen Schulen finden sich ganz normale Schüler, die sich nach Frontalunterricht und Noten geradezu verzehren – und nach Hausaufgaben als simpler Abhak-Übung. Hausaufgaben, ja bitte!

Hausaufgaben oder Lernpensen sind eben kein Quatsch (Himmelrath), sondern in vielen dieser Fälle ein sinnvolles Mittel. Sie helfen an einer der besten deutschen Schulen, dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, bestimmten Schülern, anregungsreich über die Sommerferien zu kommen. Sie können, klug eingesetzt, eine verwahrloste Klasse in eine engagierte Truppe verwandeln. Und sie sind ein wichtiges Mittel, um Eltern Einblick in die (Nicht-)Fähigkeiten ihrer Kinder zu verschaffen.

Hausaufgaben können anstrengend sein. Aber keine Hausaufgaben sind auch keine Lösung. Denn wer Hausaufgaben abschaffen will, der zerstört eine der Säulen, auf denen Lernen fußt.

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