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 > Schreiben gegen die Angst vorm Tod

Salon
Julian Barnes

Schreiben gegen die Angst vorm Tod

von 
Thomas David
10. Januar 2012
picture alliance
Julian Barnes
Julian Barnes: Sein jüngster Roman wurde mit dem diesjährigen Booker Prize ausgezeichnet

Seit dem Tod seiner Frau steht Julian Barnes für Interviews nicht mehr zur Verfügung. Aber er schreibt. Denn er hat eine Hoffnung

Wer Julian Barnes in den Jahren vor dem Tod seiner Frau in seinem Londoner Haus in der Gegend von Tufnell Park besucht hat, wird sich an den alten Billardtisch erinnern, der in einem der hellen Zimmer steht. Tufnell Park klingt nach Toffee und feinem Porzellan, nach braunem, am Hosenboden durchgescheuerten Cord. Im benachbarten Friedhof von Highgate kann man sich für ein Eintrittsgeld von drei Pfund einen schönen Nachmittag in Gesellschaft von Karl Marx und neuerdings Lucian Freud machen. Bäume, Hecken und Metastasen parkender Autos säumen die Gehwege. Auf dem grünen Kammgarn des Billardtischs, an dem Barnes in glücklicheren Tagen mit Martin Amis so manche Kugel gestoßen hat, stapelten sich schon damals Bücher und Papiere.

„Snooker Frames mit Julian dauern etwa doppelt so lang wie mit irgendjemand anderem“, sagt Amis. „Sein Spiel zeichnet sich durch übertriebene, sogar psychotische Sorgfalt aus.“ Amis zählte früher zu Barnes’ engsten Freunden, aber die Zeiten, in denen die beiden Romanciers gemeinsam mit den Lyrikern James Fenton und Craig Raine und dem Journalisten Christopher Hitchens zum „Rat Pack“ der jungen britischen Literatur gehörten, sind schon lange vorbei.

Barnes ist inzwischen 65 Jahre alt. Seit dem Tod von Pat Kavanagh, der im Oktober 2008 an einem Gehirntumor verstorbenen Literaturagentin, mit der Barnes seit 1979 verheiratet war, steht er für Interviews nicht mehr zur Verfügung. „Das ist dann ein Leben, nicht wahr? Ein paar Erfolge und ein paar Enttäuschungen“, sagt der Ich-Erzähler seines jüngsten Romans „Vom Ende einer Geschichte“, für den er nach drei vergeblichen Anläufen im Oktober endlich mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, dem wichtigsten Literaturpreis Großbritanniens. „Ich habe viel erlebt und viel überstanden. Wer viel erlebt, kann viel erzählen – so heißt es doch, nicht wahr?“

Barnes kam im Januar 1946 als Sohn eines frankophilen Lehrerehepaars im englischen Leicester zur Welt, seine Mutter fuhr zeitlebens nur Renault. Er kann noch heute aus dem Stegreif Gautier und Renard zitieren. Nach dem Umzug in die Londoner Vororte, das „Metroland“ seines ersten Romans, besuchte er die renommierte, in den sechziger Jahren noch am Ufer der Themse gelegene City of London School. Aus der Zeit stammt wohl auch der Nukleus seines neuen Romans: die Geschichte eines begabten, schon als 16-Jähriger in Wittgenstein vertieften Mitschülers, von dessen Selbstmord er erst Jahrzehnte später erfährt.

„Geburt, Koitus und Tod“, T. S. Eliots düstere, von Barnes zitierte Zusammenfassung eines Menschenlebens, zieht sich als roter Faden durch sein gesamtes Werk. „Ist das Schreiben der Versuch, sich den Tod vom Leib zu halten?“, fragte sich Barnes 2007 in einem Interview, als sein Roman „Arthur und George“ auf Deutsch erschien. Damals beendete er bereits „Nichts, was man fürchten müsste“. „Ich würde mich keiner Psychoanalyse unterziehen, um es genauer zu verstehen“, sagte er damals. „Aber ich glaube schon, dass in meinem Fall ein Zusammenhang zwischen dem Schreiben und der Angst vor dem Tod besteht.“

Nach dem Studium der Philosophie, der französischen und der russischen Sprache war Barnes von 1969 bis 1972 als Lexikograf des „Oxford English Dictionary“ für die Rubriken Sport und Obszönitäten zuständig, danach studierte er Jura, um dann als Journalist zu arbeiten. Zur Schriftstellerei fand er erst spät, aber umso dringlicher war das Bedürfnis, das diese für ihn erfüllte. „Ich werde auch weiterhin über diese Angst schreiben“, sagte er, „und vielleicht schreibe ich sie mir ja irgendwann vom Leib.“

Deckenhohe Bücherregale, an einer der Wände des Billardzimmers Karikaturen von Graham Greene, Philip Larkin und Philip Roth; ein Brief von Flaubert. „Schon witzig, dass Sie auf den Tod zu sprechen kommen“, sagte Barnes, der im Januar 2007 von der gleichen unernsten Ernsthaftigkeit war, die eine der Figuren seines jüngsten, wie die meisten von Barnes’ Büchern wieder seiner Frau gewidmeten Romans voller Empörung als typisch englisch denunziert. „Sie müssen mich auch über mein nächstes Buch interviewen“, so Barnes, der damals erst „zwei Tote gesehen und eine Leiche berührt“ hatte. „Darin fabuliere ich mehr über den Tod.“ Er hatte noch nie einen Menschen sterben sehen.

„Vom Ende einer Geschichte“ ist im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet 18,99 Euro

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