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 > Laudatio auf Liao Yiwu

Salon
Herta Müller

Laudatio auf Liao Yiwu

von 
Herta Müller
30. Dezember 2011
picture alliance
Liao, Yiwu, Preis, Herta, Müller, Dissident, China, Geschwister, Scholl
Der chinesische Dissident Liao Yiwu mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller

Seine Bücher sind in China verboten, das Regime verhaftete ihn als politischen Gegner. Herta Müllers Laudatio auf den chinesischen Dichter und im Exil lebenden Dissidenten Liao Yiwu in ganzer Länge

Seite 1 von 4

Und dann kam alles anders – ich glaube, mit dieser Feststellung muss man beginnen, wenn man über das Leben und die Bücher von Liao Yiwu spricht. Denn immer wieder kam alles anders. 

„Ich hatte das alles schon immer verachtet“, schreibt er, „den Staat, die Massen, die Parteien, die Bewegungen, aber ich hatte trotzdem Angst, von all dem verschlungen oder vergessen zu werden.“

Wenn man flüchtig liest, könnte man „verschlungen UND vergessen“ lesen. Das wäre gewöhnlich. Hier steht aber: „verschlungen ODER vergessen“, ein Gegensatz. „Verschlungen werden“ meint, ins Staatsgetriebe hineingerissen, instrumentalisiert werden. Und „vergessen werden“ meint, nicht mitmachen und nichts aus seinem Leben machen können, also für nichts mehr infrage kommen, nicht einmal für sein eigenes Leben. Denn die Partei ist heute überall. Sie will „über den Körper die Seele erreichen“, wie es die chinesische KP wortwörtlich formuliert hat. Liao Yiwu hat sich anfangs als Pop-Literat und Bohemien begriffen und das Abseitsstehen probiert. Es ging nicht lange.

Denn 1989, am 4. Juni, erstickte die Partei auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Revolte ihrer Bevölkerung durch ein Massaker – und in der Nacht davor kam für Liao Yiwu alles anders: Das Schreiben wurde in die Wirklichkeit gezwungen.

„Die Zeit verschwamm, schweißgebadet brachte ich das Massaker auf dem Papier zu Ende, das reale Massaker sollte in acht Stunden geschehen“, schreibt Liao Yiwu. Das Acht-Seiten-Gedicht „Massaker“ entstand in einem einzigen Schwung, im Wahn der Vernunft. Ohnmacht und Entsetzen, grelle Sprachbilder aus innerer Not. Acht Seiten wie eine Kaskade. In direkter Anrede der Täter und der Toten krallen sich die Sätze aneinander. Hier wird der Befehlston zum Bettelton, es räsoniert der Imperativ der Verzweiflung – Liao Yiwu zwingt die Sätze auf dem Papier, um ihr Leben zu ringen:

„Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht! Schießt in den Kopf! … Macht noch ein Loch in die Seele! Macht noch ein Loch in den Stern! Die Seele im roten Rock! Die Seele mit dem weißen Gürtel! … Das Massaker geschieht in drei Welten. In den Flügeln der Vögel, in den Schuppen der Fische, im feinsten Staub, in zahllosen biologischen Uhren. … Kind, Kind, du bist kalt. Du mit dem Stein in der Hand. Komm, wir gehn heim. Mädchen, deine Lippen sind blass, komm wir gehn heim. Brüder, Schwestern, euer Hirn auf dem Boden verschmiert, wir gehn heim. Wir gehn leise. Wir gehn drei Fuß über dem Boden.“

Was für eine Koinzidenz: Die Geschwister Scholl beendeten jedes ihrer Flugblätter mit dem Satz: „Wir bitten, diese Schrift mit möglichst vielen Durchschlägen abzuschreiben und weiterzuverteilen.“ Genau das geschah mit dem Gedicht „Massaker“. Es wurde zum Flugblatt. In ganz China verbreitet, galt es nun für Tausende als DAS Totengebet zum Massaker. 

Und dann kam alles anders.

Über erfundene Dialoge aus der politischen Haft, auf der nächsten Seite

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