Benjamin Black beschwört das Dublin der fünfziger Jahre
Nebel wallen, Frost überzieht Straßen und Bäume mit einer schimmernden Eisschicht, das Licht der Laternen wird von der Feuchtigkeit verschluckt: Dies ist das ideale Wetter für alle Dunkelmänner, aber ebenso für diejenigen, die gern von ihnen lesen. Wer sich Benjamin Blacks Roman „Eine Frau verschwindet” vornimmt, hat jedenfalls sofort das Bedürfnis, es dessen Figuren gleich zu tun: sich eine heiße Milch mit Honig zu kochen und dann mit dem Buch aufs Sofa zu schlüpfen, in ein wärmendes Plaid gehüllt. Mindestens in einem Punkt wird es ihm jedoch hoffentlich anders ergehen als dem Roman-Personal: Die Heizung funktioniert, und es weht nicht eisig durch die Fenster.
Dies
sind nur zwei Indizien, die darauf hindeuten, dass „Eine Frau
verschwindet” in einer schon länger zurückliegenden Zeit spielt.
Nicht nur ist es mit der Heizwärme im winterlichen Dublin übel
bestellt, auch Handys etwa sind vollkommen abwesend (manche
Telefone haben sogar noch eine Kurbel), in Kneipen und Privaträumen
wird geraucht, was das Zeug hält: Es sind die fünfziger Jahre, und
der Pathologe Quirke hat gerade beschlossen, sich selbst aus der
Entzugsklinik zu entlassen, in die er sich Wochen zuvor eingewiesen
hat. Nun ist er wieder draußen und setzt alsbald seinen Vorsatz um,
sich ein Auto zu kaufen, ein Fabelfahrzeug der Marke „Alvis”.
Quirke hat zwar keinen Führerschein, eine Versicherung für sein
Auto schließt er auch nicht ab; immerhin aber lässt er sich von
seinem Schwager im Schnellstdurchgang das Autofahren beibringen.
Dass das herrliche Automobil das Ende des Romans nicht fahrtüchtig
erreichen wird, liegt allerdings nicht an Quirkes mangelnder
Fahrpraxis oder am Alkohol, sondern an den Schwierigkeiten, in die
er bald nach seiner Rückkehr ins Dubliner Stadtgeschehen
unversehens gerät.
Oder doch nicht ganz unversehens: Es ist seine Tochter Phoebe, die ihn um Hilfe angeht. Und obwohl Quirke genug damit zu tun hat, seiner Lust am „Bushmill’s Black Label” nicht völlig zu erliegen, und nebenbei ja auch seiner Arbeit im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität nachgehen muss, setzt er sich auf die Spur von Phoebes verschwundener Freundin April Latimer. Was wiederum kein so leichtes Unterfangen ist, da die Verschwundene einer der mächtigsten Familien Dublins angehört – Aprils Onkel ist Minister, ihr Bruder ein über die Einhaltung des Abtreibungsverbots wachender, frömmelnder Gynäkologe, ihre Mutter eine für ihre Eiseskälte ebenso wie für ihre Wohltätigkeit berühmte Lady. Ein hermetischer Clan von einiger krimineller Potenz, wie sich nach und nach zeigt.
Nächste Seite: Kleinstadtleben in allseitiger Radikal-Entschleunigung













