Zwischen den Feiertagen bieten viele Geschäfte noch einmal Schnäppchen an. Kolumnist Jochen Schmidt ist da völlig überfordert: "Ich möchte etwas kaufen, wer kann mir helfen? Sollte ich eine Verkäuferin fragen? Oder müsste ich eher eine Therapie machen? Vielleicht bei ihr?"
Plötzlich verspüre ich den Wunsch, mir etwas zu kaufen, das ist doch der ganze Vorteil am Erwachsensein, man kann sich seine Wünsche selber erfüllen, ein unbeschreiblicher Gewinn an Freiheit.
Aber was wünsche ich mir? Rolltreppe für Rolltreppe fahre ich in diesem Kaufhaus nach oben, und die Hoffnung wird immer geringer, während ich immer trauriger werde. Kann es denn sein, dass ich in einem so großen Kaufhaus, in dem es alles gibt, nichts haben will? Ist das noch normal? Es müsste etwas sein, das lange hält, das ich vielleicht sogar vererben kann, etwas fürs Leben. Das macht mir Angst, denn wenn ich es wirklich brauche und nicht finde, wie soll ich dann weiterleben? Oder gerade nichts fürs Leben, dann muss ich es ja immer mit mir rumschleppen, lieber etwas, was ich nur ganz kurz brauche, in diesem Moment. Es sollte aber etwas Besonderes sein, ich möchte nicht, dass es alle anderen auch haben, ich bin doch nicht wie die.
Mein Geld soll es erlösen, nur durch mich wird es seine Bedeutung finden, ich bin die Zutat, die meinem Gekauften noch fehlt, die kein Hersteller vorhersehen konnte. Wenn ich nur wüsste, was es ist? Es könnte sich irgendwo in dem riesigen Kaufhaus verstecken, die Suche ist fast aussichtslos. Es kann ja nur ein ganz bestimmter Gegenstand sein, sonst wäre mein Kaufwunsch gar nicht auf ein Objekt bezogen, sondern ein allgemeiner seelischer Zustand, der durch irgendetwas Beliebiges befriedigt würde, dann ginge es ja gar nicht um das, was ich will, sondern einfach nur ums Kaufen. Als würde ich eine Beziehung haben, in der die Frau völlig austauschbar ist, und ich nur Angst habe, allein zu sein, das ist so unromantisch, so möchte ich nicht konsumieren. Wer kann mir helfen? Vielleicht einer der Verkäufer? Oder hätte ich lieber eine Verkäuferin? Ich fühle mich von Frauen besser verstanden. Woher soll sie aber wissen, was ich mir wünsche? Ich weiß es ja selbst nicht.
Aber vielleicht reicht es, dass sie mir hilft, die Antwort zu finden. Wieviel muss ich ihr von mir erzählen, damit sie mir helfen kann? Muss ich nicht eigentlich eine Therapie bei ihr machen, damit wir herausfinden, welches Produkt mich von meinem Wunsch heilen könnte? Wie halten die Verkäufer das aus, den ganzen Tag damit konfrontiert zu werden, dass jemand etwas kaufen will? Vielleicht wollen sie insgeheim selbst auch etwas kaufen? Ich habe mal eine Verkäuferin beim Kaufen beobachtet, ein verstörender Anblick. Ich bin müde vom Suchen, die Rolltreppen führen mich wieder nach unten, ich fühle mich schuldig, weil ich das Kaufhaus mit leeren Händen verlasse, wie ein Gespenst. Man fühlt sich schlimmer als ein Ladendieb. Aber wie oft habe ich etwas gekauft und schon auf dem Heimweg den Kauf bereut. Ich hatte nicht tief genug in mich hineingehorcht. In meiner Kindheit habe ich einmal einen Hasen nicht bekommen, den man mit einem Druckluftschlauch auf einer Trommel trommeln lassen konnte. Hat es damit zu tun, dass ich jetzt beim Kaufen nicht glücklich werde? Sind meine Eltern schuld? Oder die Gesellschaft? Gibt es bei uns gar nicht für jeden etwas zu kaufen?











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