Am 9. Juni 2012 wird in Kassel die 13. Documenta eröffnet. Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will damit einen Kontrapunkt setzen. Zu Besuch bei der Leiterin der Documenta, der weltweit wichtigsten Schau für zeitgenössische Kunst
"Ich mag die Farbe Grün.“ Auf dem Schreibtisch vor Carolyn Christov-Bakargiev liegt der fette Dummy eines grün eingebundenen Katalogs, der als sogenanntes „Buch der Bücher“ die seit Monaten herausgegebenen Essays zur Documenta 13 aufnehmen wird. Und wie so oft trägt die ebenso quirlige wie haarscharf die Wörter abwägende Leiterin der alle fünf Jahre stattfindenden Mammutausstellung auch an diesem Vorfrühlingstag ein grünes Oberteil. Die Farbpräferenz sollte man aber weder als Bekenntnis zu einer ökologisch orientierten Partei missverstehen noch als simples symbolisches Hoffnungssignal für die zeitgenössische Kunst.
Wenn sich die gebürtige Amerikanerin überhaupt zu etwas bekennt, dann zu den naturwissenschaftlich orientierten Kulturstudien von Theoretikerinnen wie Karen Barad oder Donna Haraway, die sie begeistert liest und die ihre Arbeit prägen. „Wir leben im Anthropozän“, sagt sie. „Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Erde im Wesentlichen vom Menschen gestaltet. Gerade heute ist es also wichtig, eine Perspektive auf die Welt und das Leben zu gewinnen, die nicht nur vom menschlichen Standpunkt ausgeht – eine Perspektive, die die Balance zwischen den Menschen, Tieren und den materiellen Elementen der Welt berücksichtigt.“
So viel lässt sich schon jetzt prognostizieren: Die im Juni beginnende Documenta wird einen deutlichen Kontrapunkt zu den vergangenen Ausgaben setzen. Die mitreißende Christov-Bakargiev meint es 100 Prozent ernst mit ihrer Absage an das anthropozentrische Weltbild und könnte damit tatsächlich einen Paradigmenwechsel in der Kunst einläuten. Schluss mit den nur vordergründig gesellschaftskritischen Botschaften vieler Videokunst, Schluss mit dem notorischen Überhang des Dokumentarischen.
„Ich bin an Dingen interessiert“, sagt sie, „die sich nicht in Information transformieren lassen.“ Stattdessen möchte Christov-Bakargiev nicht digitalisierbare Kunst räumlich, körperlich und atmosphärisch neu erfahrbar machen: „Die leibhaftige Erfahrung der Dinge kann dem Informationszeitalter etwas entgegensetzen“, glaubt sie. „Sie kann ein Bewusstsein schaffen für die Macht, die heute in Informationen steckt.“ Als Initiationsakt „pflanzte“ der Künstler Giuseppe Penone schon vor zwei Jahren einen von einem Stein gekrönten Bronzebaumriesen in die Kasseler Aue. Christov-Bakargiev schwärmt: „Sie sollten Penones Baum unbedingt vor Ort aufsuchen, man muss das Gras riechen.“
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