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 > Schluss mit der Vaterlandsrhetorik!

Salon

Reizwort PatriotismusSchluss mit der Vaterlandsrhetorik!

Von Michael Naumann13. Juli 2012
picture alliance
Deutschland,Fahne,Schwarz-rot-gold,Patriotismus,Nationalismus
Deutschland, Einig, Vaterland!
Schrift:

Verwirrend und politischem Missbrauch ausgesetzt ist der Begriff des „Patriotismus“. Ein Plädoyer für die Quarantäne eines angestaubten Symbols

Seite 1 von 2

Mitten in der schwersten Krise des politischen Wunderwerks der Europäischen Union, diesem transnationalen, grenzüberschreitenden Friedens-Gebilde, regen sich allerlei Gefühle aus der Gemütsvitrine der nur scheinbar überwundenen  blutigen Vergangenheit des Kontinents. In Deutschland waren sie jahrelang in einer semantischen Quarantäne ausgelagert. Von „nationaler Identität“ bis hin zu genetischen Schwachsinns-Theoremen à la Sarrazin, von völkischer Xenophobie angesichts muslimischer Gebräuche bis hin zur kuriosen Debatte, ob „unsere“ Fußballspieler mit patriotischer Inbrunst die Nationalhymne singen sollten oder nicht: Wieder einmal versammeln wir uns im deutschen Lieblings-Quiz rund um die Bankettfrage: „Wer sind wir?“ Und neuerdings:  „Wer sind wir eigentlich, dass wir die halb-bankrotten Staaten Südeuropas mit unserem herrlichen Steuergeld vor der Pleite retten müssen?“

[gallery:Persönlichkeit statt Patriotismus – Die Ahnengalerie deutscher Bundeskanzler]

Während die Karlsruher Verfassungsrichter die staatsrechtliche Antwort darauf in einer unvermeidlichen Neudefinition der Souveränität des Bundestags suchen – wie weit darf dessen Verzicht auf seine Budgethoheit eigentlich gehen? – meldet sich fast unvermeidlich der etwas verblasste Begriff des „Patriotismus“ aus der Vergangenheit zurück. Für die einen ist „Patriotismus“ ein allzu oft missbrauchtes Reizwort der Geschichte – „dulce et decorum est pro patria mori“:„Süß ist’s, und ruhmvoll: Fallen fürs Vaterland“ (Horaz) – für die anderen ist es ein abgenutzter Titel für die gewöhnliche Heimatliebe. Sind also die scheinbar unvermeidlichen Einschränkungen der demokratischen deutschen Parlamentsrechte zwecks Rettung der Euro-Union unpatriotisch oder nicht gerade das Gegenteil?

Hinter dem verfassungsrechtlichen Dilemma verbirgt sich das gleichsam seelische Problem, dass alle europäischen Nationen „Erinnerungsgesellschaften“ sind, die ihr politisches Selbstverständnis aus der Geschichte ihrer Kulturen und Sprachen, aber doch auch aus ihren blutdurchtränkten Konflikten der letzten Jahrhunderte schöpfen. „Patriot“ zu sein, war zumal in Deutschland genauso aus der Mode gekommen wie Butzenscheiben in Neubauten.  Die Folgekosten für diese emotionale Form der politischen Selbstdefinition waren in zwei Weltkriegen einfach zu hoch geworden. Doch genau jene Kriege haben anderswo die umgekehrte Wirkung entfacht. Die Karikaturen Angela Merkels in den griechischen Medien und die germanophoben Kommentare der britischen Boulevardpresse  steigen aus den Kriegserinnerungen Europas auf und illustrieren die Zerbrechlichkeit des europäischen Projekts: Es sei, so heißt es, das Konstrukt einer politischen Elite, die versäumt habe, „das Volk“, genauer, „die Völker“ „mitzunehmen.“ Nicht anders ist auch die Aufforderung Joachim Gaucks zu verstehen, Angela Merkel sollte den Menschen genauer erklären, wohin die europäische Reise quer durch die Finanzkrise gehe. Als ob sie das wüsste …

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Ist schon scheiße wenn man

Ist schon scheiße wenn man kein Vaterland hat, mit dem man ohne sich vorher Gedanken machen zu müssen, identifizieren kann. Ihr würdet euch auch heute keine Gedanken machen. Aber zu eurem bedauern muß man feststellen, euch wurden zurecht die Flügel gestutzt.

Scheinbar haben einige immer noch nicht bemerkt, daß ein Vaterland Europa mind. genauso problembehaftet ist. Hinter euch selbst könnt ihr euch nicht verstecken.

  • Antworten
ugur15.07.2012 | 12:26 Uhr

Volle Zustimmung

In der Tat: Mit dem Begriff Patriotismus kann ich wenig anfangen. Und ein 'richtiger Patriot' erklärte mir jüngst, dass Verfassungspatriotismus nicht zu diesem erhebenden Gefühl der Vaterlandsliebe gehört.

Im Deutschlandfunk spielt man übrigens vor Mitternacht Haydn. Ohne Worte. Echt schön.

  • Antworten
Katharina K.15.07.2012 | 13:24 Uhr

So einen Kommentar würde kein Franzose über sein Nationagefuehl

machen,denn es ist typisch deutsch Begriffe wie Vaterland,Muttersprache negativ darzustellen.Oder besser gesagt,
sind es die 68er,die den Deutschen das Recht auf Patriotismus absprechen wollen.Das Land meines Vaters ist
Deutschland,die Sprache meiner Mutter ist Norwegisch und ich lasse mir beides nicht absprechen!

  • Antworten
Lill-Karin Bryant15.07.2012 | 21:59 Uhr

Deutscher Sonderweg und europäischer Bärendienst

Verehrter Herr Naumann, Sie argumentieren mit der Lebenserfahrung ihrer Generation gegen einen deutschen Patriotismus. Es mögen ja viele Deutsche - je linker und je intellektueller desto mehr - Ihre Ansichten teilen. Auf Konservative und Bild-Zeitungs-Leser werden Sie vermutlich mit einer Mischung aus gönnerhaftem Bedauern und leichtem Schaudern herabblicken. Haben Sie sich jedoch gefragt, wie die anderen europäischen Völker zu dieser Frage stehen? Sehen Sie denn nicht, dass Nationalstaaten das Ziel aller europäischen Völker im 20. Jahrhundert waren, und dass gerade der Zerfall der Völkergefängnisse Habsburg und Jugoslawien den ersten und den letzten Krieg im letzten Jahrhundert ausgelöst haben?

Der Zustand, den die EU vor der Währungsunion erreicht hatte, war doch in einem idealen Gleichgewicht von Selbstbestimmung der Völker (immerhin ein von der UNO kodifiziertes Menschenrecht) und gegenseitigem Bündnis. Warum müssen wir uns alle gegenseig ruinieren, um eine leichtfertig eingeführte, nicht praktikable Währungsunion noch ein paar Jahre am Leben erhalten, wenn wir genau wissen, dass es uns allen vor dieser Währungsunion besser ging und es uns ohne sie nach einer tiefen Anpassungskrise wieder besser gehen würde?

Der andere Ausweg, die Vereinigten Staaten von Europa, ist doch ein Wunschtraum kosmopolitischer Eliten, der sich allenfalls gegen Mehrheiten in den betroffenen Völkern durchsetzen ließe. Lasst doch die Griechen Griechen, die Italiener Italiener und die Deutschen Deutsche sein! Flexible Wechselkurse und unterschiedliche Inflationsraten sind bestens geeignet, zwischen den verschiedenen Wirtschaftskulturen zu vermitteln. Der Euro für alle oder gar die Vereinigten Staaten von Europa sind für die Völkerverständigung so untaugliche Instrumente, wie die Kunstsprache Esperanto eines war und werden hoffentlich bald wie diese in der Mottenkiste der Geschichte verschwinden. Die Ironie der Geschichte: je zwanghafter die Eliten an ihren euroimperialen Plänen festhalten, desto nachhaltiger werden sie die Nationen, die sie abschaffen wollen, auf sich selbst und ihr Eigeninteresse zurückwerfen.

  • Antworten
Karl Schade15.07.2012 | 22:29 Uhr

"Lass doch die Griechen

"Lass doch die Griechen Griechen sein"
Ist denn ein Bayer kein Bayer, weil sich Bayern in Deutschland befindet? Und ist ein Grieche/Deutsche in einem europäischen Bundesstaat kein Grieche/Deutscher mehr? Doch, eben ein Europäer griechischer/deutscher Abstammung. Ich bin Deutscher, ja, aber eben auch Schwabe, ein schwäbisch-stämmiger Deutscher, wo ist also das Problem? Mal wieder ein neuer Angstreflex, verpackt im scheinbar emotional nachvollziehbaren "Argument". Wir sprechen letztlich von den gleichen Prozessen wie bei der Nationalstaatenbildung, nur auf der nächsten Ebene, auch wenn man glauben könnte, dass dadurch jegliche nationale Identität erodiert. Der Gedanke muss für viele ja grauenvoll sein und mit dem Kollabieren jeglicher Tradition gleichgesetzt werden. Was waren Nationalstaaten aus der Sich kleiner Fürstentümer anderes als die EU aus unserer heutigen Sicht? Was wurde gebibbert von unregierbaren, bürokratischen Monstren, die wir heute wiederum bibbenrd und festkrallend bewahren möchten, dabei jedoch die gleichen Ängsten schüren.
Die EU ist sicherlich kein Allheilmittel, aber reflexhafte Nationalismen, die sich aus Ängsten nähren, die keinerlei Legitimation haben, wird dem 3. Jahrtausend nicht gerecht. Hoch die Flaggen, hoch die Zölle, die alten Lösungen sind die neuen, oder wie? Sich als Individuum über willkürlich gezogene Landesgrenzen zu identifizieren und zu definieren sei jedem gegönnt, nachvollziehen muss man es aber nicht zwangsweise könnnen.

  • Antworten
Stefan Komkusch16.07.2012 | 17:36 Uhr

"Lass doch die Griechen Griechen sein"

Träumen Sie gerne weiter vom großeuropäischen Riesenreich!
Aber versuchen sie bitte nicht, diesen Großmachttraum uns anderen aufzudrängen.

Und natürlich sind die Nationalstaaten, welche sich auf gemeinsame Sprache, Kultur, und Geschichte begründen, etwas anderes als abstrakte Bündnisse.
Ich spreche mehrere europäische Sprachen - "Europäisch" als Sprache ist nicht darunter - sprechen Sie etwa "europäisch"?

Was Griechenland angeht - vielleicht wäre es besser, die Griechen einfach in Ruhe zu lassen, und sich konsequent weder mit Transferzahlungen noch mit Vorschriften in deren Angelegenheiten einzumischen. :-)

  • Antworten
Andreas Thomsen16.07.2012 | 22:52 Uhr

Deutscher Sonderweg und europäischer Bärendienst

Bravo, sehr schöner Kommentar! Ich stimme Ihnen zu 100% zu!

  • Antworten
Der Bremer17.07.2012 | 10:18 Uhr

Die schöne neue Welt von 1984

Der ideologisch ideale Europäer hat demnach weder Heimat, Herkunft noch Kulturkreis verhaftet zu sein, da sie ihn ständig mit hinderlichen Emotionen belasten, sondern lediglich dem warmen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Elite und deren Segnungen.
Huxley und Orwell lassen grüßen.

  • Antworten
Domingo16.07.2012 | 11:32 Uhr

Vaterland

...dann doch lieber Mutter Erde. Wie heißt es doch so schön und wahr: "Das Proletariat hat kein Vaterland". Man konnte es bei der WM vor allem an den Äußerungen des spanischen Ministerpräsidenten ablesen, wozu "Patriotismus" (also die Nährung der Illusion der verarmenden Mehrheit der Menschen, dass die Regierenden und die Wohlhabenden auch nur einen Furz drum gäben, mit den Elenden eine "Nation" zu bilden. Das tun sie natürlich aber nur um der Ausbeutung anderer und des Schutzes des eigenen Reichtums wegen) dient: Die Menschen sollen "glücklich" sein und vergessen, wie beschissen es eingentlich wirklich ist und vor allem: Wer davon profitiert. Scheiß auf Patria.

  • Antworten
Paul16.07.2012 | 15:11 Uhr

Schluß mit der Vaterlandsrhetorik

von Herrn Naumann habe ich nichts anderes erwartet!

  • Antworten
Augustinus16.07.2012 | 15:30 Uhr

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