Verwirrend und politischem Missbrauch ausgesetzt ist der Begriff des „Patriotismus“. Ein Plädoyer für die Quarantäne eines angestaubten Symbols
Mitten in der schwersten Krise des politischen Wunderwerks der Europäischen Union, diesem transnationalen, grenzüberschreitenden Friedens-Gebilde, regen sich allerlei Gefühle aus der Gemütsvitrine der nur scheinbar überwundenen blutigen Vergangenheit des Kontinents. In Deutschland waren sie jahrelang in einer semantischen Quarantäne ausgelagert. Von „nationaler Identität“ bis hin zu genetischen Schwachsinns-Theoremen à la Sarrazin, von völkischer Xenophobie angesichts muslimischer Gebräuche bis hin zur kuriosen Debatte, ob „unsere“ Fußballspieler mit patriotischer Inbrunst die Nationalhymne singen sollten oder nicht: Wieder einmal versammeln wir uns im deutschen Lieblings-Quiz rund um die Bankettfrage: „Wer sind wir?“ Und neuerdings: „Wer sind wir eigentlich, dass wir die halb-bankrotten Staaten Südeuropas mit unserem herrlichen Steuergeld vor der Pleite retten müssen?“
[gallery:Persönlichkeit statt Patriotismus – Die Ahnengalerie deutscher Bundeskanzler]
Während die Karlsruher Verfassungsrichter die staatsrechtliche Antwort darauf in einer unvermeidlichen Neudefinition der Souveränität des Bundestags suchen – wie weit darf dessen Verzicht auf seine Budgethoheit eigentlich gehen? – meldet sich fast unvermeidlich der etwas verblasste Begriff des „Patriotismus“ aus der Vergangenheit zurück. Für die einen ist „Patriotismus“ ein allzu oft missbrauchtes Reizwort der Geschichte – „dulce et decorum est pro patria mori“:„Süß ist’s, und ruhmvoll: Fallen fürs Vaterland“ (Horaz) – für die anderen ist es ein abgenutzter Titel für die gewöhnliche Heimatliebe. Sind also die scheinbar unvermeidlichen Einschränkungen der demokratischen deutschen Parlamentsrechte zwecks Rettung der Euro-Union unpatriotisch oder nicht gerade das Gegenteil?
Hinter dem verfassungsrechtlichen Dilemma verbirgt sich das gleichsam seelische Problem, dass alle europäischen Nationen „Erinnerungsgesellschaften“ sind, die ihr politisches Selbstverständnis aus der Geschichte ihrer Kulturen und Sprachen, aber doch auch aus ihren blutdurchtränkten Konflikten der letzten Jahrhunderte schöpfen. „Patriot“ zu sein, war zumal in Deutschland genauso aus der Mode gekommen wie Butzenscheiben in Neubauten. Die Folgekosten für diese emotionale Form der politischen Selbstdefinition waren in zwei Weltkriegen einfach zu hoch geworden. Doch genau jene Kriege haben anderswo die umgekehrte Wirkung entfacht. Die Karikaturen Angela Merkels in den griechischen Medien und die germanophoben Kommentare der britischen Boulevardpresse steigen aus den Kriegserinnerungen Europas auf und illustrieren die Zerbrechlichkeit des europäischen Projekts: Es sei, so heißt es, das Konstrukt einer politischen Elite, die versäumt habe, „das Volk“, genauer, „die Völker“ „mitzunehmen.“ Nicht anders ist auch die Aufforderung Joachim Gaucks zu verstehen, Angela Merkel sollte den Menschen genauer erklären, wohin die europäische Reise quer durch die Finanzkrise gehe. Als ob sie das wüsste …












10 Kommentare