Schleckerfrauen als Kindererzieherinnen? „Bloß nicht!“ schallt es aus weiten Teilen der Gesellschaft. Unsere Kolumnistin Marie Amrhein plädiert dafür, den Gedanken doch ernsthaft zu erwägen und die Familienministerin bei diesem Vorhaben zu unterstützen
Ein Aufschrei ging durch die Presselandschaft als Ursula von der Leyen es wagte, Schleckerfrauen als mögliche Erzieherinnen ins Gespräch zu bringen. Warum aber diese Aufregung? Die Empörung ist groß: „Unseriös“, „absurd“, „ein Schlag in die Magengrube“ sei die Idee von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, ausrangierte Schleckerfrauen in Erzieherinnen umzuwandeln.
Warum eigentlich die ganze Aufregung? Es ist doch nichts weiter als ein Vorschlag, der zunächst einmal ein Gutes hat: Endlich ziehen die beiden verfeindeten Arbeits- und Familienministerinnen mal an einem Strang: Kristina Schröder hat die Idee ihrer schärfsten Konkurrentin begeistert aufgegriffen. Denn bundesweit fehlen zwischen 14.000 und 20.000 Erzieher. Etwa 160.000 Kindergartenplätze müssen noch bis zum August 2013 geschaffen werden – da geht vor allem der Familienministerin der Po auf Grundeis.
Nun also die Idee: Die Schleckerfrauen sollen’s regeln. Sogar Verdi ist ergriffen und springt auf den Zug auf . Und der Opposition fällt nicht mehr ein, als darauf zu drängen, die „vollwertige“ Ausbildung der Erzieherinnen sicherzustellen, so Manuela Schwesig, das soziale Gewissen der SPD in Persona. Brigitte Pothmer, arbeitsmarkpolitische Sprecherin der Grünen sieht es ähnlich.
Warum also lesen sich die Kommentare der landläufigen Medien so, als hätte Frau von der Leyen vorgeschlagen, unsere Kinder künftig entlassenen Gewaltverbrechern zur Aufbewahrung in die Hände zu geben? Ein Teil der Antwort ist schnell gefunden: Wir Journalisten, getrieben vom sekündlichen Gezwitscher der Konkurrenz, von Eilmeldungen und neuen Aufmachern im Stundentakt, können nicht schnell genug die nächste Sau durchs Dorf jagen, die dann auch ganz aufgeregt und herzerweichend quieken muss damit überhaupt noch jemand aus dem Fenster schaut.
Aber ein anderer Aspekt aber ist vor allem im vermeintlich objektiven Gewerbe des Pressewesens entlarvender. Es gibt auch hier Berufsgruppen, die mehr und andere, die weniger wert geschätzt werden. Die Schleckerfrau gehört zur letzteren. Ähnlich wie Al Bundy in den 90ern das Ansehen der Schuhverkäufer in den Dreck zog, müssen sich die Schleckerfrauen jetzt neben der Pleite ihres Arbeitsgebers auch noch mit ihrem schlechten Image in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Sie stünden alle „unter Generalverdacht, nur den Hauptschulabschluss zu haben und auch nach bestandener Ausbildung nicht für Kitas geeignet zu sein“, beschwert sich ein Leser bei der Süddeutschen Zeitung.
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