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 > „Scheiß doch auf die Kohle!“

Salon

Jürgen Vogel zu „Gnade“„Scheiß doch auf die Kohle!“

Interview mit Jürgen Vogel9. Oktober 2012
picture alliance
Vogel,Gnade,Film,Glasner
Angstfrei, unneureutisch, Jürgen Vogel
Schrift:

Er grinst als gäbe es kein Morgen mehr: Jürgen Vogel. Cicero Online sprach mit dem Schauspieler über seinen neuen Film„Gnade“. Außerdem erklärte er, warum Politiker Verbrecher sind, er den Tauschhandel wieder einführen und eine Stadt aus Scheiße bauen will

Seite 1 von 3

Ein kleines feines Stadtpalais in Berlin Charlottenburg. Fünf Sterne, preußisch-mediterran. Die freundliche Dame vom Empfang geleitet mich mit festgeklemmtem Lächeln in den überdachten Innenhof. Japanischer Garten inklusive. Ein PR-Mädel macht einen hektischen Haken hinter meinen Namen, der Pferdeschwanz wackelt, und bedeutet mir einen Platz auf der Journalistenbespickten Sitzecke, in die ich etwas umständlich gleite.

Auftritt Jürgen Vogel: Locker-lässig kommt er aus dem Interviewraum gegenüber geschwoft, Jeans, Karohemd, lichtes Haupthaar, Fünftagebart. Der Vogel halt. Das Smartphone in der einen, Zigarette in der anderen Hand grinst er sein einzigartiges Jürgen-Vogel-Zahnlückengrinsen in Richtung der nun ebenfalls grinsenden Journalistenmeute. Augenzwinkern, Piff-Paff-Pistolengeste, jippie yeah.  Und ich muss mich anhalten, mit dem bereits gezückten Zeigefinger samt Daumen nicht zurückzuschießen. Sichern, entladen, wieder einstecken.

Nach einer Zigarettenlänge winkt das Pferdeschwanz-PR-Mädel, der Jürgen Vogel sei nun soweit. Mein Körper löst sich geräuschvoll vom klebrigen Lederpolster. Die Herren Kollegen überhören das diskret. Hüpfenden Schrittes geht es auf die andere Seite, Herr Vogel, Guten Tag, wieder wird gegrinst, Handshake und ab durch die heilige Interviewzimmerglastür an den einzigen bestuhlten Tisch im Raum. Dem Sohnemann eben noch einmal schnell über den Kopf getätschelt und seiner Mutter an die Hand gegeben, schwoft Jürgen Vogel mit etwas Verzögerung hinterher und berlinert: „Kann et losjehn?“ Mein Gott, diese Zähne!

Und, will der auch schon vor die Kamera (gemeint ist der kleine Sohn)?
Um Gottes Willen! (lacht) Verhindern kann man das ja nicht. Aber ich glaube, man tut seinen Kindern damit keinen Gefallen. Das Kostbarste, was sie haben, ist ihre Anonymität, das Privileg, sich außerhalb der Öffentlichkeit zu entwickeln. Dazu gehört auch, ganz viele Fehler machen zu dürfen. Und das geht nicht, wenn man ständig unter Beobachtung steht.

Welche Rolle räumen Sie den Medien in Ihrem Leben ein?
Für mich ist das ein Spiel, ein erhöhtes Spiel an Informationen, die fließen – oder eben auch nicht. Guter Journalismus hängt vom Journalisten und von seiner Bereitschaft ab, sich auf das Projekt, die Arbeit, den Film – was auch immer – einzulassen. Schreiben ist ein Talent, eine Kunstform, bei der sich die Spreu vom Weizen trennt. Davor habe ich Respekt. Ich bin nach dem Interview wieder weg. Was Sie daraus machen, ist Ihr Ding.

Interessiert es Sie denn gar nicht, was hier am Schluss rauskommt?
Nee. (lacht) Gut, sagen wir so: Aufgrund meiner Erfahrung schließe ich bestimmte Formen des Journalismus schon von vornherein aus. Frau und Herr Soundso von den Boulevardblättern hätte ich gar nicht erst eingeladen. Ich habe keine Lust, mit Leuten zu reden, die ihren Beruf nicht verstehen.

Kommen wir zu Ihrem neuen Film: „Gnade“ handelt von einer deutschen Kleinfamilie, die in Norwegen einen hoffnungsvollen Neuanfang plant, bis ein schrecklicher Unfall passiert, der alles in Frage stellt. Regisseur Matthias Glasner hat gesagt, Sie hätten beim Drehen am Rande des Eismeers alle existenzielle Erfahrungen gemacht. Was war die existenzielle Erfahrung für Jürgen Vogel?
Dass man hier so vollkommen reduziert ist auf sich selbst – reduziert in der Einsamkeit. Ein halbes Jahr in der Dunkelheit, dieser ewige Dämmerungszustand. Ich könnte so nicht leben.

Lässt sich die Polarnacht als Chiffre verstehen, als Metapher für den eigenen Dämmerungszustand, der sich im Film ja nicht nur faktisch nach sechs Monaten sondern auch innergeistlich nach und nach auflöst?
Absolut. Man ist hier sehr mit sich selbst beschäftigt, weil man sich den ganzen Tag extrem spürt, allein durch das Frieren. Der Körper arbeitet permanent gegen etwas, er kämpft, die ganze Zeit. Du versuchst ständig, dein Gesicht aus dem Wind zu nehmen. Deine Stimme wird brüchig, das Sprechen strengt an. Aber irgendwann steigt die Sonne Richtung Horizont.

Seite 2: Wir brauchen einen Volksentscheid beim Thema Organspende

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J. Vogel ist eienr der intensivsten Schauspieler, die ich kenne. Aber was er das von sich gibt....
Vögelchen, auch zum Brotbacken braucht man ZUTATEN - die entweder Geld kosten oder die man selber hergestellt haben muss. Ohne hier allzu rezeptkundig zu sein tippe ich mindestens auf Getreide und Hühner. Irgendwie erinnert der flotte Spruch an die alte Marie-Antoinette: wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen.
Ich weiß schon: unsere Hysterie, zu meinen, man bräuchte irgendwelche vermeintlich fetten Vermögensanlagen um sich scheinbar sicher zu fühlen, ist auch nach meiner Auffassung Blödsinn. Aber die Alternative ist manchmal nicht so einfach Brotbacken. Nebenbei: selbst wenn die Zutaten da wären, müsste man es auch noch KÖNNEN, das Brotbacken. Das nennt man dann neudeutsch Resilienz, und darauf imemrhin kann man sich vorbereiten...
Ansonsten wünsch ich viel Glück mit dem neuen Film, auch wenn mich der jetzt inhaltlich nicht so reißt.

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Leo10.10.2012 | 10:48 Uhr

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