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 > Der Mythos um Roms Wölfin

Salon

Sagenhafte StadtgründungDer Mythos um Roms Wölfin

Von Beat Wyss12. August 2012
sdhaddow/flickr Creative Commons
Kapitolinische Wölfin,Romulus und Remus,Rom,Wolf
Die Kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus in Rom
Schrift:

Bis heute hält sich der Glaube, dass es sich bei der Kapitolinischen Wölfin um die bildgewordene Rom-Gründung handele. Doch die echte Lupa Romana wurde zuletzt in Byzanz gesehen

Wer kennt die Kapitolinische ­Wölfin nicht? Allgegenwärtig ist das Muttertier beim Säugen von Romulus und Remus im Stadtbild von Rom: an den Lieferwagen des Frischmilchvertriebs von Lazio, als Emblem an den Eimern der städtischen Müllabfuhr und an den Schals und Tattoos der Tifosi von SR Roma. Wer der Lupa dann im Original begegnet, jenem schmächtigen Bronzetier von nur 75 Zentimetern Höhe, muss einen Anflug von Enttäuschung unterdrücken. Sind die Kapitolinischen Museen nicht gerade brechend voll von Touristen, entschädigt aber ein angenehmer Schauer beim Gedanken, man stehe hier neben der bildgewordenen Rom-Gründung auf dem Hügel, wo sich einst das religiöse Machtzentrum der Ewigen Stadt befand. Doch das ist zu schön, um wahr zu sein.

Das Sinnbild der Romanità hat einen Riss bekommen. Noch vor wenigen Jahren galt die Kapitolinische Wölfin unbestritten als etruskisches Werk. Zweifel tauchten auf, als die Lupa für das Jubeljahr 2000 im neuen Glanz erstrahlen sollte. Die Restauratoren entdeckten, dass die Bronze nicht antik sein kann, weil es sich um ein Wachsschmelzverfahren in einem Guss handelt, eine Technik, die erst im christlichen Mittelalter aufkommt. Aus einem Guss sind auch die Kirchenglocken, deren voller, runder Klang eine nahtlose Metallform benötigt.

Aber wer ist dann diese Wölfin, die uns so unverwandt und zähneble­ckend entgegenblickt? Es könnte sich um das Wappentier der Grafen von Tusculum handeln, die im Hochmittelalter zu Roms führenden Patriziern gehörten. Acht Päpste stellte die Familie, die es darüber hinaus verstand, die Kurie über Mätressenwirtschaft gefügig zu halten. Dieser Typ von Nobilität war der geborene Feind republikanisch gesinnter Bürger. 1191 griffen römische Bürgermilizen die Stadt Tusculum an und zerstörten sie zusammen mit der Burg der Grafen. Die Kapitolinische Wölfin, in der wir das ehrwürdige Symbol von Senat und Republik von Rom verehren, könnte also eine Kriegstrophäe von Bürgern sein, die einen Adelssitz geplündert hatten. Dieser Sachverhalt geriet in Vergessenheit, als die Bronze vor dem Papstpalast zu stehen kam. Hier herrschte ein buntes Treiben. Neben Schenken und Herbergen gab es Bordelle für die wogenden Pilgerströme. Der Spitzname einer berühmten Kurtisane – „Luparella“ – beweist, dass sich in der frühen Neuzeit der Name der Wölfin nicht ausschließlich mit staatstragenden Ideen verband.

Dass die Zwillinge unter den Zitzen der Lupa aus der Renaissance stammen, hatte man schon länger gewusst. Sie entstanden im Auftrag von Papst Sixtus IV, der die Bronze im Jahr 1471 auf das Kapitol versetzen ließ. Damit bekräftigte der Pontifex, dass er nicht nur der Oberhirte über die Christen auf dem Erdkreis, sondern auch der weltliche Herrscher Roms sei.

Und was geschah mit jener Bronzewölfin, von der Titus Livius, Cicero und Dionysios von Halikarnass berichten? In der Tat hatte eine solche einmal in Rom gestanden, zuletzt wohl im Lupercal, jener künstlichen Grotte, die Kaiser Augustus ihr zur Weihe bauen ließ. Das Bildwerk begleitete als Palladium und Kriegstrophäe den Niedergang des Weltreichs. Zuletzt wurde die Lupa Romana in Byzanz gesehen. Nach der Plünderung Konstantinopels während des Vierten Kreuzzugs steckten die Venezianer die Bronze 1204 in den Schmelzofen, um daraus Kupfermünzen zu schlagen.

Bildergeschichten wie diese lehren, dass das historische Gedächtnis viel kürzer ist als das Alter seiner visuellen Zeugen. 

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