Zwitter zwischen Natur und Technik: In Alexis Dworskys „Dinosaurier! Die Kulturgeschichte“ gelten die prähistorischen Echsen als Schlüsselfigur unserer Kulturgeschichte
Ein Gespenst geht um in unserer Kultur – halb real und halb erfunden. Es ist ein Wechselbild von Angst und Begehren, wird bei Atomkatastrophen wie der von Fukushima ebenso aktiviert wie bei Finanz- und Schuldenkrisen. Es belegt den wissenschaftlichen Fortschritt und die grenzenlose Phantasie der populären Kultur. Das Gespenst heißt: Dinosaurier.
Die „Dinomania“, diese zum Glück meist vorübergehende Kulturkrankheit, die vor allem bürgerliche Jungen in den Metropolen erfasst, konstruiert und rekonstruiert den Saurier, das ausgestorbene Supertier, den wissenschaftlich belegten Bruder des mythischen Drachens, den Superstar der Fantasy-Welten. Er begleitet nun schon mehrere Generationen im Kino, im Spielzeugschrank, in Büchern und Computerspielen, und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Es ist in Japan, USA und Europa kaum möglich, ohne Dinosaurier, in lustiger oder schrecklicher Form, aufzuwachsen. Und Eltern können die Obession ihres Sohns (oder auch mancher Tochter) sehr leicht erklären: Er (oder sie) ist eben gerade im Saurier-Alter. Was heißen mag: Dieser junge Mensch tritt in seine Phase wissenschaftlicher Neugier ein. Oder: Er wird noch sehr heftig von den Widersprüchen zwischen Ablösungsangst und Freiheitsdrang geplagt. Dinosaurier sind die perfekte Verbindung von Wissenschaft und Märchen, und so ist der ironische Untertitel des vorliegenden Titels vielleicht nicht einmal allzu sehr übertrieben: „Das sensationellste Buch der Gegenwart“.
Alexis Dworsky hat der Kulturgeschichte der Dinosaurier endlich eine umfassende und vertiefende Studie gewidmet, die sich obendrein spannend und unterhaltsam liest, ohne dass der wissenschaftliche Anspruch dem Pop-Diskurs geopfert würde. Bedeutend an dieser populären Mythe ist ja, dass es eben nicht nur um ein Fabelwesen geht, sondern um eine Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Fiktionen. Das ist insbesondere an den „Jurassic Park“-Filmen und – Romanen abzulesen.
Der Saurier scheint die Grenzen seiner Zeit, des „Erdmittelalters“, und die Grenzen seiner Erzählung mühelos zu überschreiten. So tauchen Saurier auf einsamen Inseln und in versunkenen Welten auf, sie werden, wie Godzilla, aus ewigem Tiefschlaf wieder erweckt (durch die Sünde der Atomkraft), und sie werden geklont. Saurier sind mal als blutgierige Bestien zu fürchten, mal als kleinbürgerliche Nachbarn zu beobachten, zugleich stehen sie für Zerstörungskraft und unbändige Energie – sie sind gleichsam die Lausbuben der Evolution. Und sie sind stets vom Aussterben bedroht: „Die Dinosaurier werden immer trauriger“, hieß es einmal in einem Pop-Song, denn sie dürfen nicht mit auf Noahs Arche. Kein Wunder, dass, wo sie überleben, nicht nur Trauer, sondern unbändiger Zorn ihre Taten bestimmt. Unser vernünftiges Saurier-Wissen ist erst zweihundert Jahre alt. Wissen und Phantasie haben sich seitdem stark miteinander verschlungen. Nicht einmal die Vorstellung, Saurier und Ur-Menschen hätten eine Zeit mit- und gegeneinander existiert, verschwand je ganz und taucht ganz ernsthaft bei den „Kreationisten“ oder Populärwissenschaftlern wie Carl Sagan wieder auf.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sich das Saurier-Bild gewandelt hat.










