Die Arabellion scheint vorbei. In Osteuropa und Asien sind Autokraten auf dem Vormarsch. In Europa wächst die Macht der Märkte. Wie steht es um die Demokratie? Ein Interview mit dem Historiker Paul Nolte
Herr Nolte, die Demokratie hat es zurzeit nicht leicht:
In der arabischen Welt scheint sie schon wieder auf dem Rückzug, im
osteuropäischen Raum greifen autoritär gelenkte Formen um sich und
in Teilen Asien sind kapitalistische Systeme entstanden, die
scheinbar ganz auf Demokratie verzichten. Müssen wir uns Sorgen
machen, um die Zukunft der Demokratie?
Wenn wir von
den Tagesschwankungen absehen und von etwas weiter oben auf die
Dinge blicken, relativiert sich das Bild. Im letzten Jahr haben wir
noch von einer großen Ausdehnung der Demokratie gesprochen
und nun sehen wir, dass die Prozesse schwieriger sind, als sich das
viele vielleicht im Überschwang des arabischen Frühlings gedacht
hatten. Aber ein Rollback ist nicht erkennbar. Wir erleben in der
arabischen Welt Entwicklungen, die in sich ambivalent sind, wie die
Wahl eines ägyptischen Muslimbruders zum Präsidenten zeigt.
Das ist zunächst aber, was immer der Westen inhaltlich von dem
Präsidenten und seiner Partei hält, ein Erfolg für die
Demokratie.
Aber zumindest der einstige Siegeszug der Demokratie,
besonders nach Wegfall des Eisernen Vorhangs und einer
beispiellosen Demokratisierungswelle gerade in Osteuropa, scheint
vorbei.
In Osteuropa sehe ich keinen wirklichen
Verfall von Demokratie. Selbst Entwicklungen wie in Ungarn, wo es
autoritäre Anfechtungen gibt, bleiben letztlich kontrollierbar. Und
die EU ist in dieser Region, bei aller Klage über ihre inneren
Demokratiedefizite, ein ganz wichtiger Garant für
Demokratiestabilisierung. Klar ist: Innerhalb der
postsozialistischen Kulisse haben sich die Dinge deutlicher
sortiert. Vor allem die mittelosteuropäischen Staaten, das
Baltikum, Polen, Tschechien, Slowenien, oder auch Kroatien haben
sich auf eine Weise stabilisiert, wie man das Mitte der 1990er
Jahre noch kaum für möglich gehalten hat. Sie sind in der
Normalität der Demokratie angekommen – auch in
marktwirtschaftlicher Prosperität und wachsendem Wohlstand. Und wir
erleben eine Reihe von Staaten weiter im Osten wie Weißrussland,
die Ukraine oder Russland, die auf der Stelle treten, so dass man
sie als „Transformationsländer“ kaum noch beschreiben kann.
Im arabischen Raum konnten wir zusehen, wie maßgeblich
um Freiheit gerungen wurde. In Europa schafft eine ganz andere
Freiheit, nämlich die der Märkte, gerade die Demokratie ab.
Verspielt Europa nicht gerade diese Vorbildfunktion in Sachen
Demokratie?
Abschaffung der Demokratie? Gerade wir
Deutsche sollten wissen, was das wirklich bedeutet. Und Europa ist
immer noch ein Vorbild dafür, wie Demokratien mit Problemen
umgehen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Staaten, die sich ähnlichen
Rechenschaftspflichten in der gemeinsamen Konfliktbewältigung
stellen. Die immer wiederkehrende Vorstellung, nichtdemokratische
Systeme wären besser dafür geeignet, mit langfristigen Problemen
des 21. Jahrhunderts umzugehen, finde ich eigenartig kurz
gegriffen. Ich sehe nicht, dass beispielsweise China demografische,
klimatische, ökologische und letztlich auch fiskalische Problemen
besser oder bewusster reflektiert als demokratische Staaten.
Natürlich dauert in Demokratien alles ein bisschen länger. Es wird
gerungen und auch rumgeeiert, doch das ist ein Teil der
Demokratie.
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Und dennoch kann man sich in diesen europäischen
Krisenzeiten schwer dem Eindruck entziehen, dass Kapitalismus allen
voran eines braucht: Stabilität. Die Wähler werden zur
unberechenbaren Variablen, Merkel ruft die „marktkonforme
Demokratie“ aus, Regierungen müssen „Märkte beruhigen“. Wird der
Demos einfach durch den Markt ersetzt? Überspitzt gefragt: Wie
lange wollen wir uns Demokratie noch leisten?
Der
Begriff „marktkonforme Demokratie“ war sehr unglücklich, er ist
falsch. Demokratie kann nicht an der Funktion von Märkten gemessen
werden. Aber Demokratie werden wir uns – da bin ich zuversichtlich
– noch lange leisten. Besonders dann, wenn wir neue institutionelle
Regelungen gefunden haben, die die europäische Demokratie auf eine
andere Basis stellen. Zurzeit stößt die Demokratie im europäischen
Gefüge an ihre Grenzen. An anderer Stelle wiederum entstehen ganz
unvermutete neue Knospen. Interessanterweise auch dort, wo man es
gar nicht mehr erwartet hatte: nämlich im Parteiensystem. Nehmen
wir die Piratenpartei. Vor dem Hintergrund einer langen Tradition
der Parteiverdrossenheit, einer generellen Skepsis gegenüber dem
Parteiensystem, ist diese Entwicklung doch sehr überraschend und
zeigt die Erneuerungsfähigkeit der parlamentarischen
Demokratie.
Gleichzeitig erleben wir einen Aufbruch und Ausbruch von Demokratie, das Entstehen einer sehr lebhaften Protestdemokratie, die in die Mitte der Gesellschaft zurückgekehrt ist. Es ist auch kein Zufall, dass wir zugleich einen großen Schwung der direkten Demokratie erleben. Das ist gewissermaßen eine Kompensationsleistung für das, was an anderer Stelle: nämlich in der nationalstaatlich verfassten Repräsentativdemokratie, bedroht und gefährdet zu sein scheint.
Ist dieses Piratenphänomen deshalb so erfolgreich, weil
es in eine legitimatorische Lücke stößt, die gerade im Zuge der
europäischen Integration gerissen wurde. Man hat den Eindruck, die
Exekutiven denken Demokratie nur noch vom Output her. Nach dem
Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.
Ja, obwohl mir
ein solcher Zusammenhang zwischen Piraten und europäischer Krise
doch sehr konstruiert erscheint. Das Streben nach Transparenz ist
ein Signalwort des frühen 21. Jahrhunderts geworden. Das wurzelt
zuerst in technischen Entwicklungen: im Internet, mit seinen
sozialen Wirkungen der Öffnung und Egalisierung. Die Piraten
wiederum sind momentan ein sehr deutsches Phänomen.
Postideologischer Protest, Fehlen eines rechten Populismus, das
sind Stichworte zur Erklärung dieser Besonderheit. Im übrigen ist
die Tatsache, dass in Europa die entscheidenden Fortschritte durch
exekutive Verhandlungen erzielt werden, ja keineswegs neu. Jetzt
haben wir unter dem Zeitdruck der Zuspitzung der Krise eine andere
Problem- und Gefährdungslage, was Parlamentsrechte betrifft. Aber
die Steuerung Europas ist von Adenauer über Schmidt bis Kohl immer
eine Sache der Exekutive, nicht zuletzt der deutsch-französischen
Regierungsgespräche gewesen. Mit dem Wissen, dass in Deutschland
die Mehrheit der Bevölkerung das am Ende gutheißt.
Glauben Sie wirklich, dass die europäische Integration
soweit vorangeschritten wäre, wenn man jedes Mal die Bevölkerung
gefragt hätte?
Das vielleicht nicht unbedingt. Aber
ich glaube, dass im Nachhinein die Bevölkerung die Schritte, die in
der europäischen Integration gegangen worden sind, gutgeheißen
hat.
Ja, im Nachhinein, im Ergebnis. Der Fokus lag auf dem
Output von Demokratie. Aber ist Demokratie nicht mehr als das? Geht
es nicht auch um die Art und Weise, wie Entscheidungen zu Stande
kommen? Ist sie nicht mehr als Methode und hat eine normative
Dimension?
Bei den Piraten zumindest scheint es mir umgekehrt. Dort ist
Demokratie letztlich reine Methode. Das klassische Modell von
Demokratie setzt, viel eher als die liquid democracy der Piraten,
auf das Normative, orientiert sich an Werten.












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