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Historiker Paul Nolte„Rumgeeiere ist Teil der Demokratie“

Interview mit Paul Nolte30. Juni 2012
picture alliance
Demokratie, Euro-Krise, Paul Nolte, Paul Nolte FAS
Historiker und Publizist Paul Nolte: "Demokratie ist flüssig"
Schrift:

Die Arabellion scheint vorbei. In Osteuropa und Asien sind Autokraten auf dem Vormarsch. In Europa wächst die Macht der Märkte. Wie steht es um die Demokratie? Ein Interview mit dem Historiker Paul Nolte

Seite 1 von 2

Herr Nolte, die Demokratie hat es zurzeit nicht leicht: In der arabischen Welt scheint sie schon wieder auf dem Rückzug, im osteuropäischen Raum greifen autoritär gelenkte Formen um sich und in Teilen Asien sind kapitalistische Systeme entstanden, die scheinbar ganz auf Demokratie verzichten. Müssen wir uns Sorgen machen, um die Zukunft der Demokratie?
Wenn wir von den Tagesschwankungen absehen und von etwas weiter oben auf die Dinge blicken, relativiert sich das Bild. Im letzten Jahr haben wir noch von einer großen Ausdehnung  der Demokratie gesprochen und nun sehen wir, dass die Prozesse schwieriger sind, als sich das viele vielleicht im Überschwang des arabischen Frühlings gedacht hatten. Aber ein Rollback ist nicht erkennbar. Wir erleben in der arabischen Welt Entwicklungen, die in sich ambivalent sind, wie die Wahl eines ägyptischen Muslimbruders  zum Präsidenten zeigt. Das ist zunächst aber, was immer der Westen inhaltlich von dem Präsidenten und seiner Partei hält, ein Erfolg für die Demokratie.

Aber zumindest der einstige Siegeszug der Demokratie, besonders nach Wegfall des Eisernen Vorhangs und einer beispiellosen Demokratisierungswelle gerade in Osteuropa, scheint vorbei.
In Osteuropa sehe ich keinen wirklichen Verfall von Demokratie. Selbst Entwicklungen wie in Ungarn, wo es autoritäre Anfechtungen gibt, bleiben letztlich kontrollierbar. Und die EU ist in dieser Region, bei aller Klage über ihre inneren Demokratiedefizite, ein ganz wichtiger Garant für Demokratiestabilisierung. Klar ist: Innerhalb der postsozialistischen Kulisse haben sich die Dinge deutlicher sortiert. Vor allem die mittelosteuropäischen Staaten, das Baltikum, Polen, Tschechien, Slowenien, oder auch Kroatien haben sich auf eine Weise stabilisiert, wie man das Mitte der 1990er Jahre noch kaum für möglich gehalten hat. Sie sind in der Normalität der Demokratie angekommen – auch in marktwirtschaftlicher Prosperität und wachsendem Wohlstand. Und wir erleben eine Reihe von Staaten weiter im Osten wie Weißrussland, die Ukraine oder Russland, die auf der Stelle treten, so dass man sie als „Transformationsländer“ kaum noch beschreiben kann.

Im arabischen Raum konnten wir zusehen, wie maßgeblich um Freiheit gerungen wurde. In Europa schafft eine ganz andere Freiheit, nämlich die der Märkte, gerade die Demokratie ab. Verspielt Europa nicht gerade diese Vorbildfunktion in Sachen Demokratie?
Abschaffung der Demokratie? Gerade wir Deutsche sollten wissen, was das wirklich bedeutet. Und Europa ist immer noch ein Vorbild dafür, wie Demokratien mit Problemen umgehen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Staaten, die sich ähnlichen Rechenschaftspflichten in der gemeinsamen Konfliktbewältigung stellen. Die immer wiederkehrende Vorstellung, nichtdemokratische Systeme wären besser dafür geeignet, mit langfristigen Problemen des 21. Jahrhunderts umzugehen, finde ich eigenartig kurz gegriffen. Ich sehe nicht, dass beispielsweise China demografische, klimatische, ökologische und letztlich auch fiskalische Problemen besser oder bewusster reflektiert als demokratische Staaten. Natürlich dauert in Demokratien alles ein bisschen länger. Es wird gerungen und auch rumgeeiert, doch das ist ein Teil der Demokratie.

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Und dennoch kann man sich in diesen europäischen Krisenzeiten schwer dem Eindruck entziehen, dass Kapitalismus allen voran eines braucht: Stabilität. Die Wähler werden zur unberechenbaren Variablen, Merkel ruft die „marktkonforme Demokratie“ aus, Regierungen müssen „Märkte beruhigen“. Wird der Demos einfach durch den Markt ersetzt? Überspitzt gefragt: Wie lange wollen wir uns Demokratie noch leisten?
Der Begriff „marktkonforme Demokratie“ war sehr unglücklich, er ist falsch. Demokratie kann nicht an der Funktion von Märkten gemessen werden. Aber Demokratie werden wir uns – da bin ich zuversichtlich – noch lange leisten. Besonders dann, wenn wir neue institutionelle Regelungen gefunden haben, die die europäische Demokratie auf eine andere Basis stellen. Zurzeit stößt die Demokratie im europäischen Gefüge an ihre Grenzen. An anderer Stelle wiederum entstehen ganz unvermutete neue Knospen. Interessanterweise auch dort, wo man es gar nicht mehr erwartet hatte: nämlich im Parteiensystem. Nehmen wir die Piratenpartei. Vor dem Hintergrund einer langen Tradition der Parteiverdrossenheit, einer generellen Skepsis gegenüber dem Parteiensystem, ist diese Entwicklung doch sehr überraschend und zeigt die Erneuerungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie.

Gleichzeitig erleben wir einen Aufbruch und Ausbruch von Demokratie, das Entstehen einer sehr lebhaften Protestdemokratie, die in die Mitte der Gesellschaft zurückgekehrt ist. Es ist auch kein Zufall, dass wir zugleich einen großen Schwung der direkten Demokratie erleben. Das ist gewissermaßen eine Kompensationsleistung für das, was an anderer Stelle: nämlich in der nationalstaatlich verfassten Repräsentativdemokratie, bedroht und gefährdet zu sein scheint.

Ist dieses Piratenphänomen deshalb so erfolgreich, weil es in eine legitimatorische Lücke stößt, die gerade im Zuge der europäischen Integration gerissen wurde. Man hat den Eindruck, die Exekutiven denken Demokratie nur noch vom Output her. Nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.
Ja, obwohl mir ein solcher Zusammenhang zwischen Piraten und europäischer Krise doch sehr konstruiert erscheint. Das Streben nach Transparenz ist ein Signalwort des frühen 21. Jahrhunderts geworden. Das wurzelt zuerst in technischen Entwicklungen: im Internet, mit seinen sozialen Wirkungen der Öffnung und Egalisierung. Die Piraten wiederum sind momentan ein sehr deutsches Phänomen. Postideologischer Protest, Fehlen eines rechten Populismus, das sind Stichworte zur Erklärung dieser Besonderheit. Im übrigen ist die Tatsache, dass in Europa die entscheidenden Fortschritte durch exekutive Verhandlungen erzielt werden, ja keineswegs neu. Jetzt haben wir unter dem Zeitdruck der Zuspitzung der Krise eine andere Problem- und Gefährdungslage, was Parlamentsrechte betrifft. Aber die Steuerung Europas ist von Adenauer über Schmidt bis Kohl immer eine Sache der Exekutive, nicht zuletzt der deutsch-französischen Regierungsgespräche gewesen. Mit dem Wissen, dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung das am Ende gutheißt.

Glauben Sie wirklich, dass die europäische Integration soweit vorangeschritten wäre, wenn man jedes Mal die Bevölkerung gefragt hätte?
Das vielleicht nicht unbedingt. Aber ich glaube, dass im Nachhinein die Bevölkerung die Schritte, die in der europäischen Integration gegangen worden sind, gutgeheißen hat.

Ja, im Nachhinein, im Ergebnis. Der Fokus lag auf dem Output von Demokratie. Aber ist Demokratie nicht mehr als das? Geht es nicht auch um die Art und Weise, wie Entscheidungen zu Stande kommen? Ist sie nicht mehr als Methode und hat eine normative Dimension?
Bei den Piraten zumindest scheint es mir umgekehrt. Dort ist Demokratie letztlich reine Methode. Das klassische Modell von Demokratie setzt, viel eher als die liquid democracy der Piraten, auf  das Normative, orientiert sich an Werten.

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Die Habermas-Ära ist noch

Die Habermas-Ära ist noch nicht blank,

.....in ihren verhängnisvollsten Ausführungen, die da währen die Ausblendungen von Trägheitselementen wie Klima, langwierige kulturelle Prägungen (ethnische Unterschiede), unterschiedliche Raum-Zeit-Wahrnehmung
(durch Geschichte) und viele, viele Kleinigkeiten, die sich den Zeittaktgebern aus Brüssel entziehen......werden,
durch wirtschaftlich-technisch-politische Faktoren der Euro-Zonen-Kalkulation, in ein ungeheures, zyklonartiges
Schleudertrauma versetzt, - das Wesen aller großräumigen Sozialismen, in das Wesen einer platonischen Idee –
der „mystische“ Habermas; so daß es kein Entkommen zu vernünftigen, sozialen Klein-Räumigkeiten kommen
kann mit ihren jeweiligen Assoziationen den jeweiligen „historischen“ Situationen gemäß.
Deswegen bleibt am Ende nur die Zitation M. Heideggers: "Die Wahrheit >ist< nie, sondern west. Denn sie ist Wahrheit des Seyns, das >nur< west. Daher west auch alles, was zur Wahrheit gehört, der Zeit-Raum und in der Folge dann >Raum< und >Zeit<." Martin Heidegger.

Die List der Vernunft.

Der Euro als Perpetuum Mobile des vergessenen Seins. Eine durchaus komische Vorstellung von der Ausdehnung des nicht dehnbaren, allumfassenden, doch raum-zeitlich gefassten, jeweils gefächerten Seins, in die Vernünftigkeiten aller Großraumpolitik;.
wobei es nur in den Kleinigkeiten der einzelnen Völker, ihrer jeweilige Magie und Erotik, sich entfalten
läßt.
Die doppelte Aufhebung des Deutschen Idealismus, des schon falsch verstandenen Habermaschen`
Schelling, in einen abstrakten Hegel, ergibt „die List der Vernunft“;
Dies ist die Katastrophe der vollendeten, defizienten Metaphysik des Abendlandes: Die letzte „platoni-
sche Idee in den Anschein einer Wirklichkeit der letzten Variante des Sozialismus, als post-christlicher Haltepunkt vor den Aporien des Nihilismus.

  • Antworten
petervonkloss02.07.2012 | 09:31 Uhr

Bescheidene Hinweise zum

Bescheidene Hinweise zum Artikel – ein Gedankensplitter für Paul Nolte.
Doch zur Sache:
Frau Krone-Schmalz analysierte den Westen, auf Grund ihres bodenständigen
Blickes von tief unten aus dem Osten – hin zum „höherwertigen“ Westen da oben, so scheint es!?? Siehe Artikel + Kommentar – ich will hier nichts wiederholen.
http://www.cicero.de/weltbuehne/russland-funktioniert-nicht-als-parlamentarische-demokratie/49858

Paul Nolte – ein schicker kerniger Denker, aus dem Sichtmilieu studierter Historiker, ein Denker mit gepflegt glasverstärkten sicheren Augenaufschlag geht ran an die Sache.

Sein „Rumgeeiere“ Artikel gibt einen sorgfälligen Blick auf die aktuelle sichtbare Scheinoberfläche einer westlichen Theaterlandschaft frei. Ein gelungenes Kulissen-Relief, aber was dahinter ist, gibt er uns noch nicht Preis. Noch pflegt Paul Nolte den lockeren luftigen westlichen Charme, um geschickt ins Spiel zu kommen.

Ich denke aber an seine und meine noch nicht geborenen Enkel, es geht mir nicht um die finanztechnische Verschuldung der noch nicht geborenen Generation......!??

Nein, ich denke an eine andere Sünde, die wir alle indirekt zu verantworten haben, auch der sich selbst erleuchtende SPD- Altkanzler Helmut Schmidt, Paul Nolte und ich!

„Die Spermienproduktion des Mannes hat sich in den letzten 50 Jahren um durchschnittlich 50 % verringert. Missbildungen der männlichen Fortpflanzungsorgane nehmen zu ähnliches Beobachten Biologen auch bei Tieren.
Warum?
Die Probleme des männlichen Fortpflanzungsapparates sind heute ebenso ernst zu nehmen wie die Weltklimaveränderung.

Das ist die gewagte Hypothese zahlreicher Wissenschaftler, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa. Sie sind davon überzeugt, dass solche Pathologien und Missbildungen auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Die „Schuldigen sind nach ihrer Überzeugung die zahlreichen Moleküle, die von der chemischen Industrie auf den Markt gebracht werden: PCB, DDT, Flammenverzögerer, Phtalate, Pestizide usw. - eine ellenlange Liste chemischer Komponenten, die auf das Hormonsystem einwirken („hormonaktive Stoffe) und eine Verweiblichung verschiedener Lebensformen bewirken. Eine folgenschwere Erkenntnis, denn mit der Fruchtbarkeit steht auch die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Sollten diese Wissenschaftler Recht haben, müssen wir weite Felder unseres Konsumverhaltens völlig überdenken. Angesichts der mächtigen Industrielobby ist das eine echte Herausforderung und erfordert auch auf politischer Ebene eine Debatte.“ Siehe Arte und: http://www.youtube.com/watch?v=jNjJVKPEPDk

Vielleicht, lieber Paul Nolte (ganz persönlich) bleibt mal Zeit zu einem Gläschen Rotwein, ich wohne mitten auf den Acker in Mecklenburg, dort wo es leise und der Himmel noch ohne Flugzeuge ist.
Ihr Biorhythmus gestaltet sich vielleicht über das Licht der Straßenlaternen.
Jetzt will ich noch ein wenig Stroh zwischen die Kartoffelreihen streuen, das Kartoffelkraut schießt diese Jahr so, ich kommen mit der normalen Hacke nicht mehr durch und kann den Boden nicht häufeln. So kam mir Stroh in den Kopf.
– Übrigens baue ich damit schon tolle Häuser mit Stroh, die die Hochfrequenzstrahlung erheblich reduzieren – und ich hoffe immer noch , die Menschen finden über ihre natürlichen Instinkt zur Vernunft der Selbstheilung zurück.
Mich ärgert, dass die Bauern in meiner Nachbarschaft Phosphordünger bestellten und Uranhaltigen Dreck bekamen, wie uns Inge Lindemann kürzlich offenbarte (google). Jetzt ärgert uns hier nicht nur die „produktive chemische Spritzkanone“ jetzt kommen noch die Verseuchungen des Grundwassers mit Schwermetallen dazu.- kaum auszuhalten,
die Luft in der Stadt ist vielleicht schon besser, als hier.
Ihnen wünsche ich viel Glück in der Wahrheitsfindung und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel Ihres Lebensschiffes und das Ihrer Familie
Wir, Sie, ich leben noch – also sind wir die aktiven Lebensretter, wenn wir es ehrlich wollen und versuchen die aktuellen Dinge zu begreifen und nicht feige den allwissenden Historiker spielen.
Insofern bleiben Sie mutig und in Ihrem kritischen Leben, am Ende im Rückblick sind Sie glücklicher – auch wenn das mit den Honoraren mal nicht so klappt!
Mein persönliches Vorbild ist Frieder Wagner - Uranmunition.
Ich mag des "Rumgeeigere der westlichen Demokratie" auch überhaupt nicht!

  • Antworten
Uwe E. Mertens04.07.2012 | 23:06 Uhr

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