Die einen verfügen über eine Rente von 700 Euro, die anderen über 29,6 Millionen Euro. Für die meisten ist der Himmel fern, anderen wieder ist er Heimat – im Vergleich zum unendlichen Universum. Gedanken zu den Maßstäben unserer Welt
An einem Winterabend, die ersten Sterne leuchten am Himmel. Das Kind schaut zum Vater herauf. Was das denn sei, da oben? Sterne. Ob es nicht da hoch könne, es würde so gerne einen von ihnen haben. Nein, das ginge nicht, antwortet der Vater, die seien viel zu weit weg. Kurzes Grübeln des Kindes. Dann die Idee: „Aber vielleicht mit einer Räuberleiter?“
Es ist alles eine Frage der Maßstäbe. Aber erklären Sie das mal einem zweijährigen Kind. Selbst wir Erwachsenen kommen ja nicht klar mit den Relationen unserer Nachrichtenübersättigten Zeit: Mit Unsummen an Milliarden, die für die Rettung der Banken herausgehauen werden, während gleichzeitig ein Bruchteil des Geldes für eine Reform fehlt, um Demenzkranken die richtige Pflege zukommen zu lassen. Während sich die einen wund liegen, werden den anderen schon wieder Boni aus einem ertragreichen Wirtschaftsjahr ausgezahlt. Und das nach der schlimmsten Rezession der Nachkriegsgeschichte.
Selbsternannte Verfechter einer redlichen Politik wie Ursula von der Leyen und Michael Sommer streiten in Interviews über Mindestlöhne von 6,89 Euro oder 8,50 Euro. Im selben Nachrichtenfluss prangert der Spiegel die luxuriösen Renten deutscher Konzernbosse an. Daimler-Mann Dieter Zetsche etwa stehen demnach etwa 29,6 Millionen Euro zu, wenn der das Altenteil ansteuert.
Wer im Supermarkt die dargebotenen Buttermarken nach dem günstigsten Angebot durchforsten muss, schüttelt dann etwa den Kopf über den neuen Rekord, den die Herrscherfamilie des Golfemirates Katar jüngst aufstellte, als sie vor einigen Tagen den „Schrei“ von Edvard Munch ersteigerte: 119,9 Millionen Dollar war ihnen das Kunstwerk wert.
Wer soll da noch den Überblick behalten? Dem Bedürfnis, heutige Werte in die richtigen Zusammenhänge zu setzen, kommen einige Seiten im Internet nach. Denn nicht nur die Summen, mit denen so in der Öffentlichkeit hantiert wird, lassen Maßstäbe verschwimmen und die Sehnsucht nach Einordnung aufflammen. Nachrichten über Naturkatastrophen, wie die Ölpest im Golf von Mexiko im Jahr 2010 etwa, lösen zwar einen kurzen Schock aus – was aber die Zahlen über hunderte Meilen verseuchter Küstenlandstriche wirklich bedeuten, kann sich niemand so richtig vorstellen. Die BBC versucht, mit der Internetseite How Big Really? einen Eindruck dieser Maßstäbe zu vermitteln.
Dort zieht sich dann besagter Ölfilm auf einer Landkarte von Brandenburg an der Havel westlich von Berlin bis nach Frankfurt an der Oder nahe der polnischen Grenze. Ein anderer Vergleich zeigt, welche Auswirkungen die Atomkatastrophe von Tschernobyl in Europa zeigen würde, hätte der GAU in der deutschen Hauptstadt statt gefunden. Bis nach Island wären sie zu spüren gewesen.
Andere Seiten wie Magnifying the Universe oder interaktive Grafiken wie die aus dem Primax Studio in Ohio versuchen, das gesamte Universum überschaubar zu machen. Die interaktive Reise beginnt mit einem Mausklick bei 900 Yottametern, der geschätzten Gesamtgröße des Universums. Weiter geht es vorbei an der Galaxie Andromeda (1,5 Zettameter), über unser Sonnensystem, vorbei an Saturn und Neptun, die einem schon bekannt vorkommen. Dann kommt die Erde, der Mensch, rasend schnell fährt die Grafik weiter, dringt in Welten vor, die kleiner sind, als wir es uns jemals wirklich vorstellen können – vorbei am größten Virus (500 Nanometer) und zeigt, fast am Ende angelangt, klitzekleine Teilchen mit 0,000000001 Yoctometer an.
Bevor der Kopf an den irrwitzigen Zahlen zu zerbersten droht, blendet der Menschenverstand die Relationen schnell wieder aus. Der Geist ist zu klein, um all das zu erfassen. Eine Skala auf der das gesamte Universum erfasst ist, betrachten wir mit einem wohligen Schauer und wenden uns wieder unserem kleinen Leben zu.
Mit der Räuberleiter kommen wir gerade mal auf den Apfelbaum. Und das ist auch gut so.












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