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Salon
Wir und das Tier

Raubtier Mensch

von 
Richard David Precht
15. September 2009
Hühner, Schweine, Rinder im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Was tun wir, wenn wir Tiere essen?
Seite 1 von 6

Der Mensch ist, was er isst – wie ein Orakel liegt Ludwig Feuerbachs Bonmot über der Gastro­sophie, der Lehre von der Weisheit des Essens. Kein Leben, kein Mensch, kein Gedanke ohne Stoff, der am Ende über das Blut zu «Gesinnungsstoff» verwandelt wird. Und Fleisch macht schlau, denn «ohne Phosphor kein Gedanke», dichtete der holländische Physiologe Jacob Moleschott im 19. Jahrhundert.

Aber Fleisch macht auch unsicher, schürt Ängste und Bedenken. Wer weiß heute schon, wie und wo das Tier geschlachtet wurde, das er vertilgt. Fleisch erzeugt Skrupel und Gewissensnöte. Wer möchte schon dabei sein, wenn in den Tierkörperverwertungsanlagen – früher Schlachthöfe genannt – der Bolzen in den quiekenden Schweinekopf fährt. Fleisch macht argwöhnisch gegenüber Hormonen und Wunderpillen im Riesenschwein und im Turbo-Kalb. Fleisch erzeugt Ekel und Widerwillen im Zeitalter von Gammel-Dönern, verschimmeltem Schlachtmüll und Salmonellen im Wild.

Unhaltbare hygienische Zustände in Mastbetrieben und Schlachthöfen, Lohndumping bei Schlachtereien und osteuropäischen Fleischzerlegern, versteckt und getarnt in deutschen Idyllen, hat Adrian Peter in seinem Buch über «Die Fleischmafia» aufgedeckt. Wo Politiker von einzelnen schwarzen Schafen schwadronieren, sieht Peter ein ganzes Gewerbe wirken, ein System, kriminell und skrupellos. Sieben Millionen Tonnen Fleisch werden jedes Jahr in Deutschland produziert, eine Menge, die die Nachfrage der Konsumenten weit übersteigt. Jedes dritte Tier landet nicht im Magen des Verbrauchers: Da erscheint das deutsche Tierschutzgesetz wie aberwitziger Hohn, das jedes Töten von Tieren nur aus einem «vernünftigen Grund» – dazu zählt es den Fleischverzehr – erlaubt. Ein ruinöser Wettbewerb unter den Fleischkonzernen als Folge der Überproduktion zwingt die Fleisch-Erzeuger dazu, ihre Kosten so weit wie möglich zu senken. Und jeder Gammelfleisch-Skandal ist nur der sichtbare Wahnsinn der Methode.


Schweine in ewiger Nacht, Hühner in der Batterie

Adrian Peters Sprache, das sind die griffigen Wortkleider des Fernsehjournalismus: kriminelle Geschäfte, Mafia, Sklavenhandel. Nur über den tagtäglichen Hintergrund des ganzen Spektakels will er nicht reden: über die indus­trielle Tierhaltung selbst, über Rinder auf Spaltenböden, Schweine in ewiger Nacht, Hühner in der Batterie und über das seltsame Ausmaß des Tierkonsums in heutiger Zeit. «Ich esse noch Fleisch, sogar ausgesprochen gern», stellt er gleich zu Anfang klar und schwärmt von «richtigen» Curry­würsten und «medium» gebratenen Filetsteaks als unver­gleichlichem Genuss. Das Thema Tierschutz ist er von An­fang an los. Wer B sagt, muss nicht auch A gesagt haben.

Die Begründung dafür ist so schlicht wie angreifbar: «Ich bin nun mal ein Mensch und damit ein Fleischfresser!» Wo Peters Gedanken ein schnelles Ziel finden, fängt das große Fragen erst richtig an. Die Rechtfertigungen des Kopfes für die Gelüste des Magens haben eine lange Geschichte, verwirrend vielfältig und nicht ohne Witz. Auf jede Theorie fällt ein besonderes Licht und auf alle der Schatten ihrer jeweiligen Zeit. Argumente für das Fleischessen gibt es seit der Antike. Zahnstruktur, Magen und Darmlänge des Menschen dienen als Beweise für das zoon politikon als Gemischtköstler. Für Jean-Jacques Rousseau ist nur Pflanzenkost akzeptabel. Claude-Adrien Helvétius, der wie Rousseau zum Kreis der Enzyklopädis­ten gehört, zieht dagegen Fleischkost vor. Auch der Staatstheoretiker Thomas Hobbes, der Rationalist Christian Wolff, der Aufklärungsarzt Johann August Unzer oder der Philosoph Karl Eduard von Hartmann zählen zur karnivoren Partei: Der Mensch isst Fleisch, weil er von Natur aus isst, was er ist – ein (Raub-)Tier.

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