Der Impressionismus hatte so viel mehr zu bieten als pittoreske Landschaften und kunstvolle Stillleben. Wie Édouard Manet die Ereignisse seiner Zeit aufgriff und die Historienmalerei neu erfand.
Das Exekutionskommando des Präsidenten Benito Juárez richtet seine Gewehrläufe aus nächster Nähe auf die Verurteilten. Schüsse knallen, weißer Rauch steigt auf, aber noch stehen die Opfer. Unter ihnen, mit Sombrero, Kaiser Maximilian. Er soll nicht gleich tot gewesen sein. Aber ein Soldat ganz rechts im Bild lädt sein Gewehr schon für den Gnadenschuss.
Édouard Manet wurde 1832 geboren – im gleichen Jahr wie jener unglückliche Habsburger, der auf Betreiben von Napoleon III. im Jahr 1864 als Kaiser Maximilian von Mexiko eingesetzt wurde. Der jüngere Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph muss ein charmanter, für Literatur und Geschichte empfänglicher Mensch gewesen sein, der wie Manet die Seefahrt liebte. Das mexikanische Abenteuer betrachtete er als Chance, aus dem von Bürgerkrieg gebeutelten, von Frankreich besetzten Land einen freiheitlichen Staat aufzubauen.
Doch der Idealist war der Politik nicht gewachsen und hoffte vergebens auf die Unterstützung der mexikanischen Bevölkerung. Nachdem Napoleon III. seine Armee abzog und ihn im Stich ließ, wurde Maximilian am 19.Juni 1867 auf Befehl von Juárez in den Hügeln von Querétaro standrechtlich exekutiert. Zuvor soll er den Soldaten noch Münzen zugesteckt und sie darum gebeten haben, dass sie sein Gesicht schonen mögen, damit die Mutter seinen Leichnam identifizieren könne. Fotos von der Exekution durften nicht gemacht werden, doch ein Hoffotograf lichtete im Nachhinein den Schauplatz mit der Steinmauer ab, das blutige Hemd des Kaisers und seine einbalsamierte Leiche. Sogar das Erschießungskommando posierte für ihn: verängstigte junge Soldaten in schlackernden Uniformen.
Nur wenige Tage, nachdem die ersten Berichte über die Tragödie in Paris kursierten, fing Manet an zu malen. Inspiriert von Goyas Darstellung der „Erschießung der Aufständischen am 3.Mai 1808“ durch napoleonische Söldner während des Spanienfeldzugs, zeigt auch Manet die Soldaten von hinten. Doch er eliminiert das Pathos. Bei Goya werden die Opfer mit hochgerissenen Armen und dramatischen Posen zu Helden stilisiert. Bei Manet wirkt die Szene, ganz ohne Blut und Geschrei, seltsam beiläufig, fast so, als sei sie mit Spielfiguren nachgestellt worden – und genau daraus erwächst die politische Brisanz.
Mit ihren weißen Gürteln und Gamaschen wirken die mexikanischen Soldaten wie französische Gendarme. Diese Parallele ist durchaus als Regimekritik zu lesen, denn Manet war durch und durch Republikaner und lastete das mexikanische Verhängnis einzig und allein dem französischen Kaiser an. Die volkstümliche Menschengruppe, die über die Mauer späht, wirkt unbeteiligt und gesichtslos.
Neben einem nur in Fragmenten erhaltenen Gemälde aus der Sammlung des Künstlerkollegen Edgar Degas in London und einer meisterhaften, aber unvollendeten Leinwand in Boston hat Manet dem Thema auch eine Lithografie und eine kleine Ölskizze gewidmet. Es ist kein Zufall, dass sich keines der Bilder in einem französischen Museum befindet. Bis zu Manets Tod 1883 durften sie nicht in Frankreich ausgestellt werden.
Das hier gezeigte Gemälde aus der Sammlung der Kunsthalle Mannheim ist mit mehr als drei Meter Breite die monumentalste Fassung des Motivs. Die Öffentlichkeit muss sich allerdings noch gedulden, bis sie wieder in den Genuss des Bildes kommt. Ein Teil des Museums wird bis ins Jahr 2013 saniert, und so lange bleibt es leider im Depot.











