Nach Jahrzehnten der Skandale hat man diesen Mann komplett vergessen. Seine Prosa leuchtet immer noch. Anmerkungen zum 120. Geburtstag des lebensfrohen Henry Miller und ein Seitenblick auf den giftigen Willem Frederik Hermans
Am 26. Dezember wäre Henry Miller 120 Jahre alt geworden. Nach Jahrzehnten der Skandale haben wir den Mann komplett vergessen. In Berliner Buchhandlungen ist die Suche nach seinem ersten großen Buch, dem lange verbotenen „Wendekreis des Krebses“, völlig erfolglos. (Vielleicht ist es ins Astrologieregal gerutscht?) In New York sieht es nicht besser aus: Große, berühmte Buchhandlungen, kulturelle Institutionen, kommen heute ohne Miller aus. (Dabei stammt er aus Brooklyn!)
Anfang der dreißiger Jahre lebt Miller als erotomaner Hungerkünstler in Paris, ein Amerikaflüchtling von vielen, der sich zum Bohemien stilisiert. Er schreibt und findet dabei ganz zu sich selbst. Der Vorgang des Schreibens ist das eigentliche Ereignis seiner Bücher. Sie sind ein Flechtwerk aus Anekdoten, Naturphilosophie und Potenzprotzerei samt der herrlich eitlen Weigerung, auch nur einen einzigen der vielen Triebe ihres Autors unbesungen zu lassen. Dieser Weigerung verdankt Miller es, dass man das alles als Pornografie verbietet. Jahrzehntelang wird er unter dem Ladentisch verkauft. Aber: Er schreibt! Und das Unmittelbare, Existenzielle dieser Geste ist es, was seine Bücher bis heute so leuchten lässt, dass man ihm selbst antisemitische und rassistische Passagen verzeiht.
Viele Jahre später wird Miller einer neuen Generation von Bohemiens zum Vorbild, den Beatniks um Jack Kerouac. Noch später geht es dann mehr um die Befreiung der weiblichen Sexualität, man liest lieber die Tagebücher seiner Geliebten und Mäzenin Anaïs Nin und macht sie zur Ikone. Ein Kind ließ Anaïs Nin abtreiben, das vielleicht von Miller war, dann ging sie nach New York und praktizierte Psychoanalyse, um anderen dabei zu helfen, ganz zu sich zu finden. So groß war schon damals das Vertrauen in das „wahre Selbst“ als höchste Wahrheit. Und es sollte noch wachsen, bis es zur Mode wurde. „Ein furchtsamer Mann“ sei Miller gewesen, so hat Erica Jong ihm zum 100. Geburtstag nachgesagt, „der einen furchtlosen Stil pflegte. Die Stimme, die er fand, zeigte den Überschwang des Mannes. Nicht das Sexuelle hassten und fürchteten die Puritaner, sondern diesen Überschwang. Nicht die Zote war anstößig, sondern die Lebendigkeit.“
Skurrile Pointe des deutschen Streites um die Durchsetzung Millers als Literatur: Erst nachdem der kleine Merlin-Verlag Jean Genet durchgekämpft hat, traut der große Rowohlt-Verlag sich 1963, den „Wendekreis des Krebses“ an den Buchhandel auszuliefern. Da ist der Autor über 70. Miller war ein beseelter Sanguiniker. Gegen Ende seines Lebens schreibt er nicht mehr viel, sondern malt vor allem sehr mittelmäßige, heitere Aquarelle – schöne Tapeten für jene Häuser auf Ibiza, in denen sich die siebziger Jahre am stilvollsten genießen ließen. Das war die Zeit, als Miller plötzlich „in“ war. Das Flächige seiner Prosa hat natürlich etwas genauso Tapetenartiges, nur dass seine Kraft als Schriftsteller so viel größer ist.
Das Feuer seiner vielen gelungenen Sätze brennt noch. Die deutschen Übersetzungen aus den fünfziger und sechziger Jahren, die auch in ihrer durchgesehenen Form inzwischen einfach veraltet sind, lassen nur wenig davon ahnen. Kurt Wagenseil war ein bedeutender Übersetzer dieser Zeit. Er hat alles weggeschaufelt, was damals wichtig war, auch den ganzen Miller. Schon im dritten Satz des „Wendekreis des Krebses“ stellt er eine literarische Distanziertheit her, die allem zuwiderläuft, was Miller will. Miller schreibt: „We are all alone here and we are dead.“ – Wir sind hier ganz allein und wir sind tot. Wagenseil übersetzt: „Wir sind hier ganz allein und wie Tote.“ Und was bei Miller Lebenslust und sucht ist, wird auf Deutsch dann ein gestelzter Krampf mit verschwitzten Ausflügen ins Vulgäre. Was bei Miller swingt und groovt, wird Umstandskrämerdeutsch: „Auf dem Meridian der Zeit gibt es keine Ungerechtigkeit: Dort ist nur die Poesie der Bewegung, welche die Illusion von Wahrheit und Drama schafft.“ Hier wird auch die generelle Krux deutscher Übersetzungen aus dem Amerikanischen sichtbar: Die Amerikaner wollen das nackte Leben. Die Deutschen wollen Grammatik.
Und was die Triebe hierzulande angeht: Da herrscht ein ganz unmillersch mildes, feuerloses Leuchten. Wir dürfen uns Deutschland zur Jahreswende 2011/12 als befriedigtes Land vorstellen. Die Wallungen der sexuellen Revolution sind vorüber. Wir treiben es auf mittlerem Niveau, es geht uns gut. Noch bestehende sexualtechnische Rückständigkeiten beheben die Frauenzeitschriften mit ihren monatlichen Kolumnen für Gefühls- und Hormonmechanik.
Henry Miller: „Wendekreis des Krebses“; Roman, übersetzt von Kurt Wagenseil, durchgesehen von Renate Gerhardt; Rowohlt, Reinbek 1979; 400 Seiten, 9,95 Euro
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