Plädoyer für mehr Langeweile

Nichtstun lernen

Durch Smartphone- und Internet-Gedaddel hat die moderne Zivilisation eines verlernt: Nichtstun. Unsere Kolumnistin hat angefangen zu üben und tut - einfach mal nichts

Meister im Nichtstun: die Katze
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Unser Autor

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Wir hatten viele gute Gründe für unseren Umzug raus auf einen Bauernhof. Der eine war die Verlockung, nun mehr Zeit für die wahrhaft wichtigen Dinge im Leben zu haben. In gewisser Weise stimmt das. Zwischen Müsli und Kinder-in-die-Kita bringen zwei Minuten feuchte Wiesenluft einatmen und sich von einem Pferd beschnauben zu lassen zum Beispiel. Für so etwas war in der Stadt keine Zeit. Auf der anderen Seite eilt auch hier der Bauer zwischen Weiden, Ställen und Werkstatt hin und her, während ich mich zwischen Schreibtisch und Kindergarten abhetze. Und wenn da mal freie Zeit ist? Dann tappe auch ich viel zu häufig in die Medienfalle.

Die moderne Zivilisation, ob auf dem Land oder in der Stadt, hat eine ernstzunehmende Krankheit: Sie kann nicht mehr Nichtstun. Wir kennen das von permanent über ihre Smartphones wischelnden Mitfahrern in der Bahn, von den Kindern, die ohne App auf dem Tablet nur schwerlich fünfzehn Minuten Langeweile aushalten – und von uns selbst. Denn irgendwie war doch der Abend vor der Glotze früher weniger anstrengend. Seitdem wir über das Internet fernsehen, wird mehr zwischen Streams, Fernsehseiten, E-Mailprogrammen und Facebook hin- und hergesprungen, denn je. Wir verplempern Momente kostbarer Zeit am PC und ärgern uns hinterher, dass wir unsere Batterien nicht aufgeladen sondern strapaziert haben. So ist das Post-Netzbesuch-Gefühl doch häufig, wenn wir mal ehrlich sind.

Wir treten die Freizeit mit Füßen


Freizeit mit Sinnhaftem zu füllen, fällt uns schwer. Unsere Beziehung zur Freizeit hat zunehmend etwas von einer klassischen Tragödie. Nichts wird in der modernen Arbeitswelt so sehr beklagt wie die fehlende Freizeit. Und nichts treten wir so sehr mit Füßen, wenn wir sie erlangt haben.

Gleichzeitig gilt der „Burnout als moderne Tapferkeitsmedaille“, wie Stephan Grünewald, Autor des kürzlich erschienenen Buches „Die erschöpfte Gesellschaft“ im Cicero-Interview sagt. Die Deutschen sollten vielmehr wieder lernen zu träumen. Genau davor aber hätten sie Angst, meint Grünewald, denn durch das Träumen könnten sie erkennen, dass sie ihr Leben ändern müssten. Lieber also arbeiten wir uns kaputt oder lenken uns mit Mediengedaddel ab – da weiß man, was man hat.

Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und des Transferzentrums für Neurowissenschaften versucht herauszufinden, was das für unser Gehirn bedeutet und ist sich sicher: Nichts Gutes. Immer wieder mahnt Spitzer den Konsum sozialer Medien an. Wer in jungen Jahren viel Zeit am Computer verbrächte, verspiele soziale Fertigkeiten und Empathie. Im Bayrischen Rundfunk erklärt er, was das Gehirn beim Nichtstun tut und siehe: Dieses knorpelige Gebilde ist zwar immerzu aktiv, wenn es aber mit nichts Bestimmten beschäftigt wird, dann bezieht es sich auf sich selbst, kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten sozusagen. Was das im Einzelnen bedeute, könne die Wissenschaft noch nicht sagen. Aber ein Gehirn, das endlich einmal Zeit für sich hat – das klingt vernünftig, meine ich.

Zwei Ratten und ein Stromschlag


Und jetzt naht die Urlaubszeit, Gipfel der Freizeit, das unendliche Glück. Endlich Zeit für uns, für die Familie – für unser stressgeplagtes Hirn? Im Urlaub dürfen wir selbst über unsere Zeit bestimmen. Es ist der Moment, wo nicht Arbeitgeber, Lehrer oder Auftraggeber die Kontrolle haben, sondern wir selbst übernehmen. Die „Hoheit der Gestaltung liegt bei uns“, schreibt Martin Hecht, Soziologe, in seinem Urlauberanalysebuch „Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt“. Und genau da liegt wohl die Krux: Dass wir diese Hoheit über unsere eigene Freizeit kaum noch haben. Manfred Spitzer beschreibt in „Rotkäppchen und der Stress“ ein Experiment mit zwei Ratten, von denen die eine Stromschläge in einem Käfig versetzt bekommt, die sie allerdings mit Hilfe eines Tastendrucks verhindern kann. Im Nebenkäfig sitzt die Nachbarratte – ohne diese Möglichkeit, sich selbst zu retten. Sie bekommt die gleichen Stromschläge, muss aber tatenlos dabei zusehen, wie ihre Kumpanin sich abmüht, beide zu erlösen. Bei letzterer Ratte wurden deutlich mehr Stresshormone gemessen.

Trauen wir uns also öfter mal raus aus dem Käfig, ziehen den Stecker, öffnen die Türen, machen Unvorhergesehenes: Der Vorteil ist ja, dass unsere Ausgänge nicht verriegelt sind. Keine Angst also vor unverplanten Stunden, vor Langeweile oder Müßiggang. Und mir fällt ein, dass Wasser hilft. Der Blick aufs fließende Wasser beruhigt, macht glücklich und erfüllt. Das erinnere ich aus einem liebenskranken Urlaub am Mittelmeer.

Wir wohnen jetzt in der Nähe eines kleinen Flusses. Ich sollte endlich ein Stück der Uferböschung von Brennnesseln befreien. Zum Nichtstun üben.

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