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Pippi Langstrumpf - Ein wandelnder Aufstand

Durchs traute Heim nicht zu verlocken, auf bärenstarke Beschützer nicht angewiesen, eine radikale Gegenfigur zu den rosarot-zuckersüßen Lillifees unserer Tage: Pippi Langstrumpf 

Autoreninfo

Barbara Vinken ist Literaturwissenschaftlerin. Die Professorin forschte über Flaubert, Mode und Pornografie und ist durch ihr Buch „Die deutsche Mutter“ (Fischer) bekannt geworden.

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Pippi Langstrumpf ist eine Figur, die Astrid Lindgren 1941 für ihre siebenjährige Tochter erfand, die mit einer Lungenentzündung im Bett lag. Als eines der meistübersetzten Bücher der Welt wurden die drei Pippi-Romane zu Klassikern der Kinderliteratur; Astrid Lindgren wurde dadurch so berühmt, dass Rosen nach ihr benannt sind. In jedem Fall ist der Erfolg der Figur, die die Geschlechterrollen neu konfigurieren sollte, überwältigend. Und das umso mehr, als es hier gerade nicht darum geht, starke Frauen an den Mann oder die Frau zu bringen. Denn obwohl Pippi über buchstäblich übermenschliche Kräfte verfügt, ist sie sicher nicht das, was man landläufig unter einer starken Frau versteht.

Pippi Langstrumpf ist in unser Leben gesprungen. Ohne Pippi, ihre Pferdestärken, ihre langen, noch an Haltern getragenen, aber nicht zueinander passenden Strümpfe ist kein Kinderzimmer wirklich vorstellbar – fast so undenkbar wie ohne Grimms Märchen. Die Strümpfe mit Strapsen, weiblichstes Kleidungsstück par excellence, trägt Pippi völlig unabsichtlich wie ein Mann, ja, wie ein Seeräuber. Pippi ist als mutterloses Kind Halbwaise. Ihr Vater «Negerkönig» im «Taka-Tuka-Land», einem Land, ganz weit weg, das wie aus einer anderen Zeit mitsamt seinen echten Goldtalern in der Truhe mythisch in die Erzählzeit hinüberragt. Pippi, irgendwie von hoher See angespült, fehlt so das Herzstück der bürgerlichen Ideologie: trautes Heim, Glück allein.

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In der «Villa Kunterbunt» waltet keine Mama als Engel des Hauses. Kein Papa, der tagsüber seinen Geschäften nachgeht, kommt abends nach Hause, um seinen frischgewaschenen Kindern, die selbstverständlich ihre Schularbeiten erledigt haben, in kuscheligen Schlafanzügen liebevoll einen Gutenachtkuss auf die Wange zu drücken. Die meisten Kinderbücher spielen im Rahmen solch bürgerlicher, in jeder Hinsicht wohltemperierter Kleinfamilien. Diese Familien zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie eine in unserer Geschichte selten krasse Ausprägung von Gendertypisierung zeigen.

Das Zuhause, das Daheim, ist im Wesentlichen ein von «weiblichen» Werten bestimmtes Reich, eine harmonische, von wahrer Menschlichkeit und Liebe durchdrungene Gegenwelt. Mit Haken und Ösen wird diese Idylle gegen das Eindringen der ach so kalten und schlechten Welt verteidigt. Dieses Daheim ist von Rosamunde Pilcher (da geht es eher darum, wie man den Mann findet, um dort hinzukommen) bis Lillifee, die die ganze herzlose Außenwelt schon gleich um der losgelösten Autonomie ihrer selbstverständlich besseren Welt willen ausblendet, in ein süßliches Rosa getaucht. Resolut will Lillifee von der Welt da draußen nichts wissen. Sie kennt ihren Platz: das traute Heim. Vollständig ist sie damit beschäftigt, dieses selbstverständlich umweltverträglich auszuschmücken. Liebevoll achtet sie auf noch auf das kleinste, mit Polka Dots besetzte Detail. Die rosa Brille blendet ökonomische Abhängigkeiten und Hierarchisierungen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern effektiv aus. Der gigantische Disziplinierungsapparat, der wesentlich der Reproduktion der Geschlechts-Charaktere zwecks reibungslosen Funktionierens des Gesellschaftsapparates dient, erscheint als beschützendes und geschütztes Idyll, in dem reizend angezogene und außerdem für die wirklich wichtigen moralischen Werte engagierte Mädchen sich glücklich auf das Verzieren ihres Platzes beschränken: das Private.

Pippi Langstrumpfs Haushalt hat in der wohlgeordneten Harmonie des Privaten keinen Platz. Dem Platzverweis aus dem Raum der Geschichte, der Platzanweisung im Raum des Heims an die Seite eines Mannes fügt sie sich nicht. Das ist heutzutage, wo die Frauen und Mädchen aus dem trauten Heim gar nicht mehr an die Öffentlichkeit drängen, sondern sich mit allen Kräften an die häusliche Rolle zu klammern scheinen, schwer vermittelbar. Deshalb so viel Lillifee. Pippi jedenfalls ist dazu zu randständig, ja, unanständig randständig. Am Rande des Dorfes liegt ihre Villa bezeichnenderweise; sie ist verfallen, der Garten verwildert – kurz, alles ist aus dem Lot gekommen, verkehrt. Kunterbunt geht alles drunter und drüber. Mensch und Tier, Nacht und Tag, Kinder und Erwachsene, Mädchen und Jungen, all diese Ordnungen stehen Kopf. Pippis Schmuckstücke, ihr Nippes, der Schmuck ihres Daheims ist der Abfall, der Müll der Gesellschaft. Pippi verrückt die Ordnung, wo sie geht und steht. Alles gerät aus den Fugen. Sie ist nicht wohlerzogen mit Handarbeiten beschäftigt, sondern spinnt erfindungsreich Seemannsgarn und erzählt die unglaublichsten Geschichten aus aller Welt. Die Familien, die Pippi mit Hilfe der Staatsgewalt in die Ordnung zurückdrängen wollen, hetzen ihr selbstverständlich in bester Absicht die Polizei auf den Hals. Virtuos spielt Pippi Streiche und hebelt die Autorität aus, indem sie sie beim Wort nimmt – sie zwingt der Polizei, die sie in ein Waisenhaus stecken will, zu ihrem größten Vergnügen ihr «Kinderspiel» auf: Nachlaufen und Fangen.

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Pippi ist als Fremdkörper ein Störfall, der aus einer anderen Zeit und von woanders herkommt. Eher aus Versehen nimmt sie den einem Mädchen zugedachten Platz nicht ein. Sie spielt nicht die für sie vorgesehene Rolle, sie passt sich nicht ein und nicht an. Das aber nicht, weil sie ihr authentisches Ich gegen alle Entfremdung behaupten will oder bewusst für andere Rollen und Wertvorstellungen kämpft. Sie revoltiert nicht eigentlich; seltsam ortlos, tatsächlich wildfremd, kennt sie ihren Platz einfach nicht. Sie weiß nicht, wie es geht. Kurz, sie benimmt sich gerade, wenn sie die allerbesten Absichten hat, grundsätzlich daneben. Dass das viel Kraft braucht, wird klar, als sie, die anders als eine richtige Frau nicht schön, sondern stark ist, ihr Pferd auf den Balkon hebt: Ohne ein paar P. S. geht es nicht.

Wie Jeanne d’Arc bringt Pippi Langstrumpf alle gegen sich auf, weil sie die Gemeinplätze der Weiblichkeit schlicht nicht kennt, obwohl ihr nichts mehr am Herzen liegt, als allen Leuten und sich selbst Freude zu machen. Wie immer gibt sie ihr Bestes. Mit den allerbesten Absichten demontiert sie den Herz- und Traumraum des bürgerlichen Familienlebens. Die harten Seiten des sanften Engels im Haus bringt Pippi zum Vorschein und erlöst von der Hausfrau und Mutter. Beim Kaffeeklatsch, dem weiblich-bürgerlichen Ritual par excellence, muss die Hausfrau ihresgleichen gegenüber bestehen. Frau Settergren, die Mutter von Pippis Freunden Annika und Tommy, zaubert nicht nur in einem geschmackvoll eingerichteten, aufgeräumten und sowieso sauberen Heim himmlische, selbstverständlich selbstgebackene Kuchen – rote Marzipanrose auf Sahnetorte inklusive. Ihre reizenden, wohlerzogenen Kinder halten sich unauffällig im Hintergrund. Die Damen haben vor allen Dingen ein Gesprächsthema: ihre Dienstmädchen und deren Unzulänglichkeit. So wird demonstriert, dass man zu einer Klasse gehört, die sich dadurch definiert, dass sie ihre Frauen nicht arbeiten lässt – die Bourgeoisie –, sondern dafür andere Frauen einstellt. Aufgabe der bürgerlichen Frau ist es, Muße zu inszenieren und die Disziplin ihres guterzogenen Überflusses zu demonstrieren. Das kann mitunter sehr anstrengend sein.

Diese so durch und durch temperierte Szene eines bürgerlichen Intérieurs mit knisterndem Kaminfeuer atmet in den leisen, gedämpften Stimmen und albumblätternden Kindern auf dem Sofa Ruhe und Frieden, Zurückhaltung, Maß, Mäßigung, Selbstbeherrschung und guten Geschmack. Pippi bricht hier im Zeichen der Ausgeschlossenen wie ein sprengender Fremdkörper ein. Sie ahnt die Bedeutung des Rituals und lässt sich selbstverständlich nicht lumpen. Maßlos geht sie in die Vollen, malt sich an und wirft sich groß in Schale: knallrote Lippen und rote Fingernägel, mit Ruß geschwärzte Augenbrauen, offene Haare, die wie eine Löwenmähne auf ihre Schultern fallen und, als Höhepunkt, große grüne Schleifen auf den Schuhen! Man sieht förmlich die hochgezogenen Augenbrauen der Damen ob dieses Aufgedonnertseins.

Selbstbeherrschung kann Pippi nur dadurch erreichen, dass sie sich selbst ganz unzivile militärische Befehle zubrüllt. Mit Pauken und Trompeten bricht so das Militär in die zivilisierte Konversation. Nach demjenigen des Brüllsoldaten schlägt Pippi den mindestens ebenso unpassenden, frivolen Ton eines alternden Charmeurs an, der sich aus leicht verkommenen adligen Salons in eine bürgerliche, wohlanständige Wohnstube verirrt hat. Die tugendhaften Hausfrauen schillern da plötzlich wie öffentliche Frauen und werden für eine Sekunde zu Kokotten. Bei Tisch wiederum benimmt sich Pippi wie ein wildes Tier. Guterzogene junge Damen – man erinnere sich an Scarlett O’Hara – dürfen an den Speisen nur wie ein Ziervögelchen picken und auf gar keinen Fall zügellosen Appetit zeigen.

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Pippi hingegen schlägt ihre Zähne gierig und genusssüchtig in Kuchen und Torten. Sogar vor der roten Marzipanrose macht sie nicht halt. Kein Wunder, dass die Szene ins Tierische abgleitet und unter dem Firnis der Zivilisation das Wilde die Zähne bleckt. Nun kommt das Bestialische der anscheinend so sanften Damen zum Vorschein: Frau Settergren muss handgreiflich werden und hart zupacken; wenig später beschimpfen die Damen ihre Dienstmädchen als «Ferkel». So viel Dreck war noch nie in den Heiligen Hallen des gutbürgerlichen Wohnzimmers. Von der douceur du foyer bleibt auch nicht mehr übrig als klebrige Torten und der von Pippi auf dem Boden verstreute Zucker. Die dreht den Spieß um: In ihren Anekdoten erweisen sich nicht die Dienstmädchen als die Tierischen, Betrügerischen, kurz als die unzivilisierten Wilden – Pippi lässt ihre Großmutter ihrem Dienstmädchen eine Gabel ins Ohr stechen. Sie bringt die Dienstherrin in den Geruch des wilden und außerdem noch rassistischen Kannibalen. Wobei selbst diese Dienstherrin, Pippis Großmutter, immer noch erfrischender ist als die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der um den duftenden Kaffeetisch versammelten Damen.

Aufruhr und Chaos säumen Pippis Weg. Sie ist ein wandelnder Aufstand; meist amüsiert sie sich dabei köstlich. Hin und wieder hat sie als eine Art Reinkarnation des Heiligen Florian, der als einer der vierzehn Nothelfer für die Rettung aus Feuersbrünsten zuständig ist, auch erbaulichere Momente. Ohne mit der Wimper zu zucken und um ihr eigenes Leben zu fürchten, gelingt ihr das Unmögliche: Virtuos rettet sie zwei kleine Jungen aus dem obersten Stock eines lichterloh brennenden Hochhauses. Alle hatten sie schon verloren gegeben – auch die verzweifelt schreiende Mutter unten auf dem Marktplatz. Aber auch in diesen Augenblicken ist Pippi eines ganz sicher nicht: ein richtiges Mädchen so wie Lillifee, an der niemand Anstoß nimmt. Der Glorienschein des Heiligen wird durch den helfenden Affen namens Herr Nilsson, der dem Ganzen einen Hauch von Tarzan gibt, seltsam schillernd.

Unwiderstehlich finde ich Pippi als Retterin der Schwachen und Verfolgten. Eine Meute brutaler, feiger Schläger verbreitet Angst und Schrecken, um ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Zu fünft schlagen sie gerade einen kleinen Jungen «zu Brei». Ein scheinbar hilfloses Mädchen, das es wagt, sich einzumischen, verhöhnen und verspotten sie. Dummerweise aber sind die Schläger hier an die Falsche geraten. Pippi hängt die Rohlinge ohne langes Fackeln auf die umstehenden Bäume und erteilt ihnen eine Lektion in Sachen Ritterlichkeit. Wer würde in solchen Momenten nicht ein Königreich für ein paar Pferdestärken geben? In letzter Zeit hat Pippi Langstrumpf es allerdings nicht als moderne Heilige, sondern aus einem ganz anderen Grund in die Medien gebracht. Der «Negerkönig», als der ihr Vater auf der Insel Taka-Tuka herrscht, hat Anstoß erregt, schließlich wurde den Büchern sogar ein rassistisch-neokolonialistischer Einschlag attestiert: Rassistisch sei auch Pippis Ausspruch, im Kongo finde man keinen einzigen Menschen, der die Wahrheit sage. Aber was heißt das eigentlich, wenn dies jemand behauptet, der selbst den ganzen Tag das wildeste Seemannsgarn spinnt?

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Pippi Langstrumpf ist nicht die Stimme des Volkes, die Stimme der Unterdrückten, die Stimme der Schwarzen, die Stimme der Mädchen und Frauen. Auch wenn sie manchmal als Retterin und Rächerin der Schwachen und Enterbten auftritt, spricht sie nie aus einer hegemonialen Position, sondern immer mit anderer Stimme, von woanders her; sie liegt daneben. Sie ist keine starke Frau, sondern lebt prekär am Rande, hässlich und lächerlich, mit ihren roten Haaren, die früher stigmatisiert waren. Sie ist ausgesetzt und gehört nicht dazu. Wie sie den Müll in Kostbarkeiten verwandelt, so verwandelt sie diese Schwäche in eine Stärke, die nicht unbedingt aufbauend ist, sondern zunächst Klischees, Rollenbilder und Vorurteile unabsichtlich bloßlegt. Darin liegt ihr Witz, die allen rosa Lillifeen in ihrer moralischen Bemühtheit und politischen Korrektheit und ihrer immer wieder glänzend unter Beweis gestellten unbezweifelbaren Weiblichkeit so völlig abgeht. Dass man immer noch an Pippi Anstoß nimmt, zeigt, dass die Verhältnisse sich seit nunmehr fast 70 Jahren doch nicht wirklich verändert haben.

Schriftstellerinnen erinnern sich an Pippi

Felicitas Hoppe - "Rebellin in Ringelstrümpfen"

Ulrike Draesner - "Mutig - und dumm"

Kathrin Schmidt - "Späte Begegnung"

Eva Menasse - "Kein geducktes Leben führen"

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Post für Pippi L. – Schriftstellerinnen von heute erinnern sich an das Idol ihrer Kindheit.

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