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 > In der K-Frage gar nicht nett

Salon
Philipp Lahms Buch

In der K-Frage gar nicht nett

von 
Harry Nutt
8. November 2011

Philipp Lahms Fußballbuch ist der Sachbuchbestseller des Herbstes. Der Kapitän der Nationalmannschaft verteidigt darin vor allem den schönen Schein seines Sports

„Ich bin 27 Jahre alt. Ich spiele beim FC Bayern München, der besten Mannschaft Deutschlands.“ Was so harmlos beginnt, löste noch vor Erscheinen der Biografie „Der feine Unterschied. Wie man heute Spitzenfußballer wird“ eine Empörungswelle aus, die die Fußballwelt für einen Moment in heftige Schwingungen versetzte. Dabei hatte der junge Autor Philipp Lahm lediglich ein paar Dinge ausgeplaudert, die Fußballinteressierte ohnehin schon wussten. Ein bisschen Taktikgerede und ein paar Anmerkungen zu den Marotten einiger prominenter Trainer waren in kurzen Passagen vorab veröffentlicht worden. Seither hagelte es Belehrungen für den vermeintlichen Verräter und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Die ach so harte Fußballbranche präsentierte sich als empfindlicher Männerbund, der nichts mehr zu fürchten scheint als Meinungsfreude und Transparenz.

Tabuverletzung und Nestbeschmutzung dürfte aber wohl das Letzte gewesen sein, was Philipp Lahms Co-Autor Christian Seiler und der ambitionierte Verlag Kunstmann-Verlag dem Spitzenfußballer als Stempel aufdrücken wollten. Im Ensemble exzentrischer Weltstars gab Lahm bislang den Jungen von nebenan, ein ehrgeiziger Verteidiger aus dem kleinen Ort Gern bei München. Verlässlich und bodenständig, aber wohl auch ein bisschen bieder. Ein Buch zur rechten Zeit und im richtigen Verlag sollte seinen Reifeprozess demonstrieren. Ein Mann in kurzen Hosen will Vorbild sein.

Das Bild vom artigen Bub war ohnehin nicht ganz zutreffend. Im Verlauf seiner Karriere hat Philipp Lahm wiederholt Killerinstinkt bewiesen. In der so genannten K-Frage, in der sich ganz Fußballdeutschland Gedanken über eine Armbinde mit Gummizug und die Entmachtung des ehemaligen Kapitäns Michael Ballack machte, erhob Lahm Führungsanspruch und behauptet ihn seither. Einfach nur nett scheint der Mann also nicht zu sein. Die Geschichte allein böte hinreichend Stoff für ein knackiges Drehbuch über eine andere Geschichte des Fußballs, und Philipp Lahm könnte dazu als wichtiger Kronzeuge für die Beschreibung des ebenso widersprüchlichen wie faszinierenden Systems Fußball gehört werden. Was wird gespielt, wenn die 90 Minuten vorbei sind? Wie läuft der internationale Handel mit der kostbaren Ware Talent? Welche Rolle spielt dabei eine Beraterbranche, die sich als unverzichtbare Größe zwischen Vereinen und Spielern etabliert hat? Der Untertitel des Buches legt derlei Fragen nahe. Aber Philipp Lahm beantwortet sie nicht.

Dabei verlief die Karriere des Musterprofis keineswegs nur geradlinig. Auf der Schwelle zum Profifußball hat auch ein Talent wie er sich durchbeißen müssen. Und als schwere Verletzungen ihn in seiner jungen Karriere zurückwarfen, hatte er mit „schwarzen Gedanken“ zu kämpfen. Dass es auch Opfer solcher schwarzen Gedanken gibt, weiß Lahm genau. Seinen Nationalmannschaftskollegen Robert Enke haben sie in den Suizid getrieben. Der Name Enke fällt in dieser Lebensbeschreibung jedoch nicht. Weil seit Jahren Gerüchte kursieren, Philipp Lahm sei homosexuell, ergreift er hier die Gelegenheit, dem zwischen zwei Buchdeckeln zu widersprechen. Und bemerkt dazu: „Ich würde keinem schwulen Profifußballer raten, sich zu outen.“ Für die psychologischen Dramen, die der Sport bereithält, ist man bei diesem Autor an der falschen Adresse.

Lieber erzählt Lahm die Geschichte seiner Erfolge: Er berichtet von großen Spielen und triumphalen Momenten. Und davon, wie er sich für die Verbesserung der Bildungschancen von Kindern in Afrika einsetzt. Sozial engagiert, politisch neutral und meistens auf der richtigen Seite. Wer wollte bezweifeln, dass Philipp Lahm ein aufrichtiger Mensch ist. Es hätte seiner Authentizität aber nicht geschadet, wenn er verraten hätte, dass solche Dinge inzwischen zum perfekten Design einer prominenten Persönlichkeit in der Öffentlichkeit gehören, für die es wiederum umsichtig sorgende Agenturen gibt.

Philipp Lahm hält sich eher an die Version des zielstrebigen Aufsteigers aus kleinen, aber soliden Verhältnissen. Das Leben war gut zu ihm, Zweifel plagen ihn eher selten. Auch dann nicht, als er ein mit der Presseabteilung seines Vereins nicht abgestimmtes Interview gab und anschließend eine Konventionalstrafe über 50.000 Euro zahlte, die höchste, die der FC Bayern jemals verhängte. Im festen Glauben, im Dienst der Mannschaft gehandelt zu haben, hält Lahm das Kapitel seither für erledigt. Als Beobachter der Szene wüsste man gern, wie das Interview eingefädelt wurde, wer beratend zur Seite stand und welche Kollateralschäden die Affäre verursachte. Ein Enthüllungsbuch in eigener Sache zu schrei­ben, war aber wohl nicht die Absicht des Profis Lahm. So reiht er Gemeinplatz an Gemeinplatz und versucht sich in flotten Formulierungen. „Wir verteidigten hinten so entschlossen wie die Schweizer das Bankgeheimnis.“ Philipp Lahm indes verteidigt den schönen Schein seines manchmal nicht ganz so schönen Sports. Wenn das Ganze jenseits des vorübergehenden Skandals als Jugendbuch gedacht war, dann muss man davor eher warnen. Denn so viel Harmlosigkeit ist jugendgefährdend.

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