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Schriftsteller Péter Nádas

„Der Tod war das schönste Erlebnis“

Interview mit Péter Nádas 12. Februar 2012
picture alliance
Péter,Nádas,Ungarn,Parallelgeschichten
Der ungarische Journalist und Autor Péter Nádas

Der europäische Mensch habe mit seinem Begriff des barmherzigen Gottes eine unglaubliche Pest in die Welt gesetzt, sagt der ungarische Autor Péter Nádas im CICERO-Interview über Gottesfurcht, den Tod und seinen neuen Roman "Parallelgeschichten"

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Herr Nádas, Sie haben an Ihrem Roman „Parallelgeschichten“, der dieser Tage in einer Länge von mehr als 1700 Seiten in deutscher Übersetzung erscheint, 18 Jahre lang gearbeitet. Können Sie den Schreibtisch beschreiben, an dem das Buch entstanden ist?
Wenn Péter Esterházy zu Besuch kommt und sich meinen Schreibtisch anschaut, dann lacht er immer. Und wenn ich seinen sehe, dann lache ich auch. Esterházys Schreibtisch, sein ganzes Schreibzimmer ist chaotisch, undurchschaubar, von Papieren und Zetteln und Zeitungen übersät, während meines unglaublich ordentlich ist. Ich habe einen großen Tisch und noch dazu verschiedene Flächen, wo meine Papiere, Notizen, Bilder und andere Materialien, die ich für die Arbeit benötige, ausgelegt werden. Außerdem habe ich meine Handbibliothek, also verschiedene Lexika, Bücher zur Geschichte und zur Philosophie.

Bei Erscheinen der ungarischen Originalausgabe im Jahr 2005 sagten Sie, Ihre „zwanghafte geometrische Ordnung“ sei der schwache Versuch, „des riesigen Durcheinanders Herr zu werden“. Können Sie das Chaos beschreiben, das in Ihr Leben einbrechen würde, wenn Sie Ihre selbst auferlegte Ordnung aufgäben?
Dieser Satz war nicht persönlich gemeint. Jeder von uns kennt dieses Chaos und versucht, seiner Herr zu werden. Man hat dazu verschiedene Methoden, die im Zusammenhang mit der jeweiligen Kultur stehen. Ich habe aufgrund verschiedener Erfahrungen meine eigene Methode entwickelt, mich in „Parallelgeschichten“ jedoch dazu entschlossen, das Chaos nicht zu bändigen, sondern zu zeigen. Es gibt einen Ordnungssinn, der sich das Leben zwischen den Gegensätzen von Geburt und Tod, Freude und Trauer vorstellt, aber das ist der Erfahrung nach nicht so. Vielmehr werde ich als Mensch in eine vollkommen fertige Welt hineingeboren, und wenn ich sterbe, besteht das Chaos fort. Wir bewegen uns nicht im Raum der geordneten Strecken, wie es der Roman des 19. und 20. Jahrhunderts vorgibt. Und das schulmeisterhafte Schrei­ben von Romanen, in denen die Figuren geboren werden, heiraten, ihre ehelichen Konflikte haben und sterben, als ob dies ein kausaler Zusammenhang wäre, ist todlangweilig. Ich wollte mich bei der Arbeit an „Parallelgeschichten“ jedoch nicht langweilen, sondern eher grundsätzlicheren, wichtigeren Lebenserfahrungen nachgehen, bevor ich sterbe. Und eine dieser grundsätzlicheren Erfahrungen ist, dass mit der Geburt nichts beginnt und mit dem Tod nichts endet. Das Leben ist ein Fluss, und in diesem Fluss sind wir orientierungslos. Wir lügen uns eine Orientierung und eine Organisation herbei, um uns nicht diesem Chaos zu übergeben, und das ist auch in Ordnung, das ist richtig. Aber als Schriftsteller bin ich nicht dazu da, dieser Konvention kleine süße Geschichten oder auch kleine tragische Geschichten zu liefern.

„Es ist mir das Gleiche, woher ich aus­gehe; denn dort werde ich auch ankommen“, so das Zitat des Parmenides, das Sie „Parallelgeschichten“ vorangestellt haben. Weshalb haben Sie sich dennoch entschieden, Ihren Roman im Berlin des Dezembers 1989 beginnen zu lassen – bevor er sich im dritten Kapitel dann zurück ins Budapest des Jahres 1961 bewegt und anschließend an die deutsch-niederländische Grenze, wo der Leser im Februar 1945 dem Vater des Studenten begegnet, der zu Beginn im Berliner Tiergarten die Leiche eines Unbekannten entdeckt?
Aus historischen Gründen. Einerseits natürlich, weil 1989 eines der wichtigsten historischen Daten ist, wenn man hinter dem Eisernen Vorhang gelebt hat. Andererseits aber auch, weil dieses 20. Jahrhundert ohne deutsche Geschichte nicht vorstellbar ist. In Südostasien vielleicht schon, in Europa aber nicht – nicht einmal in Afrika. Die von Ihnen angedeutete Rückwärtsbewegung der Erzählung hat nur deshalb ein Ende, weil ich den Roman nicht bis an mein Lebensende hätte weiterschreiben können – zumindest erschien mir diese Vorstellung unsinnig und sinnlos. Ansatzweise bin ich bis zur Türkenzeit zurückgegangen, bis zur Römerzeit. Ich habe sehr viele Zeit­ebenen eingeschaltet, aber Hauptschauplatz von „Parallelgeschichten“ ist das 19. Jahrhundert bis zum Mauerfall, der mitteleuropäische Raum mit den zwei Weltkriegen.

Wie entsteht in einem Autor der Anspruch, das eigene Leben für ein solches Mammutwerk aufzugeben?
Das ist weder Aufgabe noch glaube ich, dass dies erlernbar ist. Ich bin durch meine frühen Erlebnisse geformt worden. Ich habe sehr früh meine Eltern verloren, ich habe sehr früh viele Menschen sterben sehen – viele Tote. Ich bin im Krieg geboren, meine erste Erinnerung ist ein Bombenangriff. Ich war ein ganz normales Kind, aber dieses normale Kind dachte von Beginn an nicht wie ein Kind. Die Infantilität war mir ausgetrieben, und die Infantilität meiner Kommilitonen war mir schon als 14-Jähriger unheimlich – ihre Ahnungslosigkeit: dass sie am Rande der Katastrophe, am Rande eines Vulkans ein blödsinniges Spiel spielen konnten. So ergeht es mir noch heute: Ich platze vor Freude, wenn ich einen James-Bond-Film sehe, aber wenn ich die Leichtigkeit, die Nonchalance, mit der 007 über Leichen geht, mit anderen Augen betrachte, bin ich erschreckt. Wenn ich James Bond als Kultobjekt einer Gesellschaft nehme oder sehe, wie jeder Fernsehsender jeden Abend jeden Fernsehzuschauer mit der Vorstellung überfüttert, dass wir in ständigen Verbrechen und einem ständigen Aufdecken des Verbrechens leben, dann bekomme ich eine Gänsehaut. Das ist ein Spiel mit den größten Gefahren – ein abgekartetes, ganz böses Spiel.

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  • Antworten
Volkmar Marschall19.02.2012 | 14:34 Uhr

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