Als Mittachtziger war Pablo Picasso 1965 eigentlich schon ein alter Mann, aber seine kreative Energie und sein Humor waren im Januar jenes Jahres nicht zu bremsen. Besonders amüsant ist das Gemälde "Hummer und Katze". Eine Liebeserklärung
An einem einzigen Tag schuf er es, vielleicht nur in wenigen Stunden. Als Pablo Picasso am 11. Januar 1965 das Bild „Le homard et le chat“ malte, war er als Mittachtziger eigentlich schon ein alter Mann. Doch die kreative Energie des Künstlers, der berühmt und umschwärmt zusammen mit seiner jungen Frau Jacqueline Roque in Mougins an der Côte d’Azur lebte, war immer noch nicht zu zähmen. Er befand sich in einem wahren Schaffensrausch.
Neben Akten malte er in diesen Wochen auch immer wieder die seltsame Begegnung von Katze und Krustentier. Mal schaut ein Kätzchen am Strand neugierig in die Stielaugen eines Krebses mit weit geöffneten Scheren, mal erschreckt ein Hummer die Katze auf einem Tisch, als sei ein barockes Stillleben aus den Fugen geraten. Nie ist das Entsetzen der Katze beim Anblick des sonderbaren Seegetiers so groß wie in dem Bild vom 11. Januar. Der Hummer geht mit seinen eisblauen Scheren direkt auf das angsterfüllte Tier zu und drängt es bis an den Rand des Bildes, das zu einem ausweglosen Käfig wird. Der Katze stehen die Haare zu Berge, die Glieder sind in Furcht gestreckt, die Krallen gekrümmt, die Augen geweitet und das Maul so weit geöffnet, dass man meint, ihr lautes Fauchen zu hören.
Jahre zuvor hatte Picasso im Gespräch mit dem Fotografen Brassaï gesagt, er möge keine „schnurrenden Oberschicht-Katzen auf der Couch im Salon“. Ihm seien die wilden Katzen mit struppigem Fell lieber, „die Vögel jagen, umherschleichen und durch die Straßen streunen wie Dämonen“. Dann fiel ihm noch ein Aspekt ein: „Hast du schon gemerkt, dass die Weibchen immer trächtig sind? Offensichtlich denken sie an nichts als die Liebe.“
Das Motiv von Hummer und Katze entstammt der Fantasie des Künstlers, aber trotzdem reiht es sich in eine lange Motivtradition von Tierkämpfen ein. Mehr als hundert Jahre zuvor hatte etwa der Bildhauer Antoine-Louis Barye in Bronze dargestellt, wie ein Löwe ein Pferd reißt, oder wie sich ein Tiger in ein Krokodil verbeißt. Der verschlungene Todeskampf der exotischen Tiere ist dabei so leidenschaftlich wie ein Liebesakt. Auch der Stierkampfliebhaber Picasso hat oft die tödliche Kollision von Bulle und Pferd gemalt. Ihm ging es dabei um Leidenschaft, aber vor allem um die aus Angst geborene Aggression und kriegerische Gewalt.
Ganz anders die Begegnung von Hummer und Katze. Sie ist weder tragisch noch heroisch – es gibt kein Verschlingen, kein Tötungsdelikt und keinen Liebesakt. Picasso scheint sich beim Malen amüsiert zu haben. Die beiden Tiere sind so übertrieben dargestellt wie Comicfiguren: der geometrisch kalte, gepanzerte Hummer aus den Tiefen des Meeres und das wasserscheue, haarige, kratzige Biest. Die Pinselstriche sind auf eine geniale Art unverschämt hässlich, erst im Hintergrund aus Apricot und Rauchgrau werden sie wieder weich und flüssig.
Picasso hat das Bild seinem alten Freund Justin Thannhauser gewidmet, der zusammen mit seinem Vater einst Galerien in München, Luzern und Berlin unterhielt. Die Thannhausers zählten zu den bedeutendsten Kunsthändlern Europas. Sie gehörten zu den Wegbereitern der Moderne. Zum Beispiel machten sie die Werke des Blauen Reiters salonfähig. Picasso ehrten sie schon 1913 mit einer großen Ausstellung. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bereitete auch ihrem Haus ein Ende. Justin Thannhauser gelang es, 1940 nach New York auszuwandern und einen großen Teil seiner Sammlung nach Amerika zu retten. Heute ist seine großzügige Schenkung, die Thannhauser Collection, im Guggenheim Museum zu sehen, darunter allein mehr als 30 Werke von Picasso. Das jüngste und witzigste von ihnen ist „Le homard et le chat“.
Lisa Zeitz ist Journalistin und Expertin für den internationalen Kunstmarkt. Zuletzt erschien ihr Buch „Tizian, teurer Freund“











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